Kultur

Beatles zurück auf Platz eins der Charts

13.11.2023 • 15:23 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Beatles zurück auf Platz eins der Charts
Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison im Jahr 1963. Nun sind sie zurück auf Platz eins der Charts. EPA

Die letzte Beatles-Nummer “Now and Then” führt unter anderem in England die Single-Charts an und bricht Rekorde.

Think of me every now and then, my old friend”, also: „Denk von Zeit zu Zeit an mich, mein alter Freund“ – das waren die letzten Worte, die John Lennon irgendwann im Jahr 1980 zu Paul McCartney sagte. 43 Jahre später stürmt der letzte Beatles-Song „Now and Then“, „Heute und Damals“ die Charts und führt sowohl in England als auch in Deutschland die Hitparaden an, in den USA ist der Song der meistverkaufte Song im Netz.

54 Jahre, nachdem die Beatles zuletzt in den Singlecharts auf Platz eins lagen – noch nie war die Zeitspanne zwischen zwei Nummer-eins-Hits einer Band so groß. “Now and Then” ist zudem ist die Single, mit den höchsten Verkaufswerten einer physischen Single des gesamten Jahrzehnts. Rekord ist natürlich auch, dass die Fab Four in England zum 18. Mal mit einer Single auf Platz eins stehen.

Rauschender Klangdschungel

Die Entstehungsgeschichte von “Now and Then” ging in den vergangenen Tagen um die Welt. John Lennon komponierte den Song um 1977 herum, mitten in jener Zeit, in der er nicht Star, sondern Vater sein wollte, und gemeinsam mit seiner gro­ßen Liebe Yoko Ono seinen Sohn Sean großzog. Lennon nahm mit einem herkömmlichen Kassettenrekorder ein Demoband von „Now and Then“ auf. 18 Jahre später arbeiteten die drei noch lebenden Beatles Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr an der Vollendung des Songs, nahmen eine Begleitspur auf. Doch weil die Tonqualität des Demobands so schlecht war und ein lautes Brummen sowie Klavierspiel Lennons Gesang übertönte, legte Harrison sein Veto ein.

Nein, dieser Klang entsprach nicht den Beatles, die mit so brillant sauberen Tönen die moderne Musik für immer veränderten. Insbesondere McCartney hoffte danach immer, dass es eines Tages doch noch die technischen Möglichkeiten gäbe, Lennons Stimme zu extrahieren. Zumal die Verbliebenen des innersten Beatles-Zirkels den Text als Brief von John an Paul interpretieren. In diesem Frühjahr war es dann so weit, eine spezielle KI-Technologie befreite Lennons Gesang aus dem rauschenden Klangdschungel der Musikkassette. Nun klang Johns Stimme so klar und frisch, als hätte er sie eben aufgenommen und sei nur kurz raus, um sich in der Kantine der Abbey-Road-Studios ein Sandwich oder einen Tee zu holen.

Wenn die Beatles aus London an- oder abreisten, wurde der Flughafen von tausenden Fans gesäumt. <span class="copyright">AP</span>
Wenn die Beatles aus London an- oder abreisten, wurde der Flughafen von tausenden Fans gesäumt. AP

Zurück auf die Bühne

Weitgehend unbekannt ist dagegen das große Ganze, das hinter der neuen Beatles-Veröffentlichung steht. In den ersten Dezember-Tagen des Jahres 1980 konkretisierte sich das wohl größte und spektakulärste Comeback der modernen Kulturgeschichte. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr dachten so ernsthaft wie noch nie seit ihrer Trennung im April 1970 darüber nach, die Beatles wiederauferstehen zu lassen. Sie planten, für ein letztes Mal gemeinsames auf die Bühne zu gehen. Das Konzert hätte alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt. Die Welt lechzte nach einer Wiedervereinigung der Pilzköpfe. Im Jänner 1976 lehnten die vier Engländer ein Angebot über 50 Millionen US-Dollar oder umgerechnet damals knapp einer Milliarde Schilling für ein zwanzigminütiges Konzert ab. Monate später schlugen sie eine dreifache Summe aus. Sie wollten sich nicht des Geldes wegen wiedervereinigen, sondern, wenn überhaupt, aus Spaß daran, wieder gemeinsam Musik zu machen.

Am 28. November 1980 schrieb Lennon eine Erklärung: „Ich und die anderen drei ehemaligen Beatles haben Pläne, ein Reunion-Konzert zu veranstalten, ein Event, das gefilmt und als Finale für The Long and Winding Road, den offiziellen, von den Beatles produzierten Dokumentarfilm, aufgenommen und Mitte der 1980er Jahre veröffentlicht werden soll.“ Die Details zur Reunion sollten bestenfalls schon im Jänner 1981 geklärt werden, wenn Lennon, der in New York lebte, erstmals seit fast einem Jahrzehnt wieder in seine alte Heimat Liverpool zurückkehren würde.

Beatles zurück auf Platz eins der Charts
Dieses Bild von John Lennon entstand am 8. Dezember 1980, wenige Stunden vor seiner Ermordung. AP

Ermordung

Es gab offenbar sogar vage Anzeichen dafür, dass sich der 40-Jährige vorstellen konnte, wie in alten Zeiten wieder Songs mit McCartney zu schreiben. Die rechtliche Grundlage dafür hatte McCartney nach jahrelangen juristischen Streitigkeiten bereits am 1. Jänner 1979 geschaffen, als er einen Plattenvertrag unterschrieb, der ihm Aufnahmen mit seinen alten Wegbegleitern erlaubte.

Doch dazu kam es nicht. Als Lennon am 8. Dezember 1980 um 22.48 Uhr mit seiner Frau Yoko Ono in Manhattan das Dakota Building erreichte, wo er ein mehrgeschossiges Appartement besaß, war die Zufahrt zum Hofinneren zugeparkt. Das Paar stieg am Gehsteig aus, bis zum Eingang waren es ein paar Schritte. Lennon erreichte ihn nicht. Ein geisteskranker 25-Jähriger lauerte dem Friedensaktivisten im Dunkeln auf. Als Lennon den ruhmsüchtigen Arbeitslosen passiert hatte, trat der Mann aus dem Schatten und schoss dem Musiker vier Mal in den Rücken. An jener Stelle, an der er knapp sechs Stunden zuvor ein Autogramm des Ex-Beatle erhalten hatte. Lennon war tot und seine düstere Prophezeiung aus dem Jahr 1965 wahrgeworden, dass er eines Tages umgebracht würde. Mit ihm starb für alle Zeit die Hoffnung auf eine Beatles-Reunion.

Die Idee einer von den Beatles selbst produzierten Dokumentation über ihre Geschichte blieb. 1992 einigten sich alle Beteiligten auf ein Format, die Dokumentation sollte aus einer mehrstündigen TV-Dokumentation, einem Zitat-Buch sowie einer CD-Sammlung mit Live-Aufnahmen und Studio-Outtakes bestehen. 1994 übergab Yoko Ono vier Demobänder mit vier unvollendeten Songs von Lennon zur weiteren Bearbeitung an McCartney.

Gegensätze

Paul, von 1957 bis 1969 Johns kongenialer Komponistenpartner, George und Ringo schafften es, zwei Songs für die Dokumentation „Anthology“ fertigzustellen: „Free As A Bird“ und „Real Love“. Die beiden Liebhaber-Songs wurden 1995 respektive 1996 veröffentlicht. Bei den beiden anderen Songs scheiterten sie an der Tonqualität.

Während „Grow old with me“ später mit einer Lennon-Kollektion veröffentlicht wurde, blieb „Now and Then“ unter Verschluss. Bis am Donnerstag. Dabei präsentierte sich der Musikwelt eine Überraschung. Der Song, an dem alle vier Beatles in einer Zeitspanne von viereinhalb Jahrzehnten mitwirkten, klingt tatsächlich wie ein Werk der Fab Four, er hat neben einer berührenden Melodik und dem so markanten Harmoniegesang auch das andere signifikanteste Merkmal der großen Kompositionen von Lennon und McCartney: Lennons Traurigkeit und McCartneys Beschwingtheit bitten einander zum Tanz. Die Stimme von Lennon klingt verletzlich und melancholisch, die Musik kontrastiert diese Stimmung, ohne sie zu negieren. Und doch wird der Song heller, weil der berühmte Beat der Beatles immer mehr Fahrt aufnimmt. Und so ist „Now and Then“ das nicht für möglich gehaltene Meisterwerk, mit dem sich die Beatles ein letztes Denkmal setzen, 66 Jahre, nachdem sich Lennon und McCartney bei einem kirchlichen Gartenfest in Liverpool als Teenager das erste Mal trafen.

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Lennon (r.) und McCartney bei ihrem so typischen Harmonie-Gesang. Reuters

Klangbilder

Nun haben die Beatles auch ihre legendären Best-of-Alben aus dem Jahre 1973, das „Rote Album“ und das „Blaue Album“, in einer erweiterten Fassung mit neuen Abmischungen aufgelegt. Die Farben der beiden Kompilationen gehen auf die beiden Liverpooler Fußballklubs zurück, dem FC Liverpool und Everton, obwohl keiner der Beatles ein ausgewiesener Fußballfan war und ist. Auf dem „Roten Album“, das die Jahre 1962 bis 1966 abdeckt, ist nun auch endlich Lennons transzendentaler Song „Tomorrow Never Knows“ enthalten, bei dem Gitarrenklänge so sehr verzerrt wurden, dass sie wie Möwengesang klingen, und Lennons Stimme mit einem Rotationslautsprecher völlig entfremdet wurde.

Was die Brücke zur Gegenwart schlägt. Lennon liebte es, mit Klängen zu experimentieren und seine Stimme zu bearbeiten, darum wäre er wohl begeistert davon, dass die KI-Technologie den letzten Beatles-Song möglich gemacht hat. Was für ein großes, modernes Ende einer Band, deren Geschichte nie zu Ende erzählt oder alt sein wird. Weil die Beatles ein Inbegriff von Aufbruch sind. Heute und damals. Now and Then. Wieder auf Platz eins.