„Ich bin es nicht, Babe!“

Meister Bob Dylan, 74 Jahre jung, veröffentlicht morgen sein 36. Album. Es heißt „Shadows in the Night“ und würdigt Frank Sinatra. Aber wie immer steckt mehr dahinter.

BERND MELICHAR

Es gibt viele Synonyme für Nonkonformismus. Für das Unangepasste, das Trotzen gegen das vermeintlich Tatsächliche, das widerborstige Leben gegen den glatten Strich. Das schönste Synonym dafür lautet: Bob Dylan.

Der angebetete Folk-Jünger vertrieb die anbetenden Akustik-Aficionados mit der Stromgitarre; die 68er-Ikone verbrannte die Blumenkinder von Woodstock mit Brennnesseln; später ist dieser störrische Apostel von Christus zu Buddha gelaufen, um sein Heil zu finden; Anfang dieses Jahrtausends dann, als niemand mehr so recht wusste, wer und was dieser Bob Dylan eigentlich ist, hat sich Robert Zimmermann mit einer Reihe monumentaler Alben zurück in die Musikgeschichte gewuchtet. Sein Motto war stets: „It Ain’t Me, Babe“. Ich bin es nicht. Geschrieben für eine Geliebte, gedacht für die Gefolgschaft.

Great American Songbook

„It Ain’t Me, Babe.“ Jetzt also das mittlerweile 36. Album des personifizierten Enigmas Bob Dylan, das morgen auf dem digitalen und analogen Markt erscheint. „Shadows in the Night“ heißt das Album; und die Schatten, die das Werk in den letzten Wochen geworfen hat, sind lang. Dylan singt Sinatra! So lautete die schlagzeilengenehme Verkürzung. Falsch, natürlich. Wahr vielmehr ist: Dylan singt zehn Songs aus dem „Great American Songbook“, die Sinatra auch gesungen hat. Und außer ihm: Doris Day, Chet Baker, Bing Crosby, Perry Como, Sarah Vaughan, Nat King Cole, Judy Garland . . .

Dylan singt also: „Autumn Leaves“, „Some Enchanted Evening“, „That Lucky Old Sun“, „Stay with Me“. Und: „I’m a Fool to Want You“. Vielleicht kann man das Wagnis und die Unberechenbarkeit seines Unternehmens an diesem Lied festmachen: Die große Billie Holiday hat es auf ihrem letzten Album, „Lady in Satin“ (1958), gesungen. Nein, sie hat es vielmehr durchschmerzt und durchweint und durchlitten und durchschwitzt und . . . Übrigens, ein gewisser Frank Sinatra hat der sterbenden Holiday die letzte Dosis ans Krankenbett gebracht. Womit sich irgendwie ein Kreis schließt.

Aber jetzt: Dylan also. Selbst an der Holiday’schen Zerbrochenheit ist er nicht zerschellt. Er wollte dieses Liedgut nicht „covern“, sagte er in einem Interview. Er wollte es vielmehr „uncovern“. Das sind schöne Worte: Er wollte also die Songs nicht zudecken, sondern entdecken. Die üppigen Ur-Arrangements, orchestral meist, wurden radikal entsüßt und -blößt, übrig blieben nur noch Knochen. Die Essenz also. Die Entdeckung, das Un-Covern, ist radikal gelungen.

Und die Stimme? Es gibt noch immer Menschen, die behaupten, dass Dylan nicht singen könne. Beliebter Kalauer: super Songs, Scheißsänger. Natürlich hat Bob Dylan die schönste Nicht-Stimme dieser Welt – und sie bekommt auf diesem Album eine ganz besondere Dimension. Da hängt kein jaulender Kojote mehr am Stacheldrahtzaun, da hängt nur noch ein Kojote, der sich mit der Endlichkeit der Welt abgefunden hat. Und daraus, aus diesem Wissen, destilliert er die schönsten Uncover-Versionen der Welt. Natürlich mit der schönsten Stimme dieser Welt.

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