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Ausgrenzung in der eigenen Familie. Der Psychotherapeut und Mobbing- Spezialist Peter Teuschel über das Leiden der „schwarzen Schafe“ unter den Kindern. VON DANIELA BACHAL

Über das Problem, dass Familie nicht immer der Ort ist, an dem einen alle lieben, wurde schon viel geschrieben. Sie widmen sich in Ihrem neuen Buch und mit Ihrer Homepage www.schwarzeherde.de nun dezidiert den „schwarzen Schafen“ und registrieren bei den Menschen ein unglaubliches Aha-Erlebnis. Was macht die Thematik des schwarzen Schafes so speziell?

PETER TEUSCHEL: Neu an der Geschichte mit dem schwarzen Schaf ist etwas, das ich aus der Erfahrung mit Mobbing-Opfern ableiten konnte: dass es auch in der Familie so etwas gibt wie gezielte Ausgrenzung oder Benachteiligung nicht aller, sondern eines einzigen Kindes. Entscheidend an dem Thema ist, dass es den anderen in der Familie einigermaßen gut geht, nur einer wird ausgegrenzt.

Reicht es nicht, festzustellen, dass es jemandem an elterlicher Fürsorge und Zuneigung einfach immer gemangelt hat? Was macht hier den Unterschied?

TEUSCHEL: Das Problem ist: Wenn ich erlebe, dass meine Geschwister das bekommen, was ich mir wünsche, führt das zum Gefühl des Ausgegrenztseins. Ich bin ja der Einzige in einer Gruppe, dem es nicht gut geht. Ich kann mich nicht mit meinen Geschwistern zusammentun und sagen, dass unsere Eltern versagt haben, denn diese werden ja der Meinung sein, dass die Eltern ganz in Ordnung waren.

Der Versuch, die Ursache zu finden, ist, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben, allerdings zum Scheitern verurteilt.

TEUSCHEL: Es ist schwierig, weil die Eltern meist ein ganz anderes Empfinden haben. Wenn schwarze Schafe als Erwachsene irgendwann versuchen, mit ihren Eltern eine Klärung herbeizuführen, erhalten sie die Rückmeldung: „Stimmt ja alles gar nicht. Wir haben euch alle gleich geliebt.“ Oder: „Das hast du dir selbst zuzuschreiben: Du warst als Kind halt besonders schwierig.“

Es gibt also auch keine Strategie, um aus der Rolle des schwarzen Schafes innerhalb der Familie herauszukommen?

TEUSCHEL: Rechtzeitig einzugreifen ist unmöglich, weil sich das alles ja in einem geschlossenen Familiensystem abspielt. Kinder haben außerdem keine Möglichkeit, ihr Erleben mit irgendeiner Lebenserfahrung abzugleichen. Sie wachsen auf, ohne ihr Schicksal irgendwie infrage stellen zu können. Das kommt erst später, wenn man darüber nachdenkt, wie die eigene Kindheit war oder wenn man in der Therapie zu klären versucht, warum es einem so schlecht geht und dann auf so ein Thema stößt.

Nichtsdestotrotz entwickeln sich schwarze Schafe Ihrer Erfahrung nach meist zu guten, liebesfähigen Eltern.

TEUSCHEL: Die häufige Beobachtung ist einfach, dass schwarze Schafe, wenn sie selbst einmal Eltern werden, sehr genau wissen, was ein Kind braucht und was sie selber nicht bekommen haben. Das Problem ist dann eher, dass es den Kindern dieser Eltern zwar gut geht, die Eltern als schwarze Schafe aber auf ihren Problemen sitzen bleiben und wieder nicht die sind, die etwas bekommen.

Ist es für Eltern überhaupt möglich, keinen Unterschied in der Behandlung der eigenen Kinder zu machen? Bleibt man einem Kind nicht immer etwas schuldig, weil einem das andere irgendwie näher ist?

TEUSCHEL: Mit Sicherheit. Die Schwarze-Schaf-Thematik entsteht aber nur dann, wenn es eine krasse Benachteiligung ist, und zwar über einen längeren Zeitraum.

Und was nützt es nun wirklich, lange darüber nachzudenken, was genau in der eigenen Kindheit falsch gelaufen ist?

TEUSCHEL: Das Problem ist, dass sehr viele Menschen in ihrem Bedürfnis nach der Akzeptanz der eigenen Eltern stehen und hängen bleiben. Sie versuchen, bis ins Erwachsenenalter, bei ihren Eltern noch irgendwie zu punkten – um nur einmal den Satz zu hören „Ich liebe dich“ oder „Ich bin stolz auf dich“. Das ist natürlich etwas, das man jahrzehntelang betreiben kann, ohne jemals ans Ziel zu kommen. Da ist es wichtig, dass man realisiert: „Ich hab’s nicht gekriegt und werd’s auch nie kriegen. Und es hat keinen Sinn, da hinterherzulaufen oder mich zu verbiegen oder die Schuld bei mir zu suchen.“ Was man braucht, muss man sich woanders holen.

Was dann häufig zur Überforderung des eigenen Partners führt.

TEUSCHEL: Ja, wenn man unbewusst den Partner dafür verantwortlich macht, dass man sich selber als liebenswerten Menschen erleben kann.

So oder so: Die Schwarze-Schaf-Thematik begleitet Betroffene ein Leben lang, schreiben Sie in Ihrem Buch. Auch wenn der Kontakt zu den Eltern radikal abgebrochen wird. Kann so ein Schritt überhaupt sinnvoll sein?

TEUSCHEL: Ich empfehle ihn niemandem. Ich denke, dass es immer wichtig ist, dass man auf einer Art Checkliste abhaken kann, was man alles probiert hat. Wenn man alles durchprobiert hat, ist es aber empfehlenswert, auf Distanz zu gehen, nicht einen Schritt zurück, sondern drei – aber nicht im Sinne eines totalen Kontaktabbruchs. Ich räume allerdings ein, dass ich auf mein Buch hin von schwarzen Schafen oft die Rückmeldung bekomme, dass sie sich zu einem solchen Bruch gezwungen sahen und dass es ihnen seither gut geht.

Insgesamt hinterlässt Ihre Analyse den Eindruck, dass das schwarze Schaf gar keine so schlechten Karten in der Hand hat, soll heißen: Sobald einem klar geworden ist, was da in der eigenen Familie abläuft, hat man eine Chance, die Spirale zu durchbrechen?

TEUSCHEL: Das kann man so sagen. Wenn man das Thema erkannt und akzeptiert hat und nicht mehr dauernd die Warum-Frage stellt, die man ohnehin nie richtig beantwortet bekommt, hört man auf, sein Glück in der eigenen Familie zu suchen und orientiert sich in eine andere Richtung. Ich kenne viele Menschen, die dann einen sehr befreiten Lebensweg angetreten sind.

Blut ist stärker als Wasser . . . Kinder müssen ihren Eltern dankbar sein . . . Welche Stehsätze zum Thema Familie gehören auf die Watchlist?

TEUSCHEL: Ein Satz wie „Blut ist dicker als Wasser“ suggeriert, dass einem die Beziehung zur eigenen Familie immer das Wichtigste sein müsste. Das ist zu hinterfragen. Familie ist eine Gruppe, von der ich mich in gewissem Umfang auch entfernen kann. In Familien gibt es auch so Mottos wie „Ohne dich kann ich nicht leben“, mit denen die Mutter oder der Vater ein Kind an sich binden möchte, wenn zum Beispiel alle anderen Kinder schon aus dem Haus sind. Das sind schwierige Konstellationen, die man auch eher erst in einer Therapie erkennt.

Die Schwarze-Schaf-Thematik ist ja nicht neu, nur Ihr Wort dafür. Wurde hier ein altes Problem nie beim richtigen Namen genannt?

TEUSCHEL: Das Problem in der Psychotherapie ist, dass sowohl bei Mobbing-Opfern als auch bei schwarzen Schafen die Tendenz besteht, sehr schnell zu fragen: Was war denn Ihr Anteil? Man gibt demjenigen, dem das passiert, zu früh das Gefühl, er wäre maßgeblich daran beteiligt. Es ist eine Wiederholung der Traumatisierung, wenn der Therapeut sagt: „Eigentlich bist du selber schuld am Mobbing.“ Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass man in der Therapie die Dinge so stehen lässt, wie sie geschildert werden und sehr behutsam damit umgeht, wenn jemand so etwas erzählt. Denn am Ende hat er recht gehabt mit seinem Erleben, dass er schlechter behandelt wurde als andere.

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