Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Die Praxis der Selbstlosigkeit

Kleines Plädoyer für mehr Small Talk im Leben. Der Philosoph Peter Strasser im Gespräch über die Kunst, auch dann freundlich miteinander umzugehen, wenn man sich gerade nichts zu sagen hat. VON DANIELA BACHAL

In der Ballsaison hat der Small Talk wieder Hochsaison. Es geht ums Reden, ohne etwas zu sagen – und ums Nicken, ohne zuzuhören. Ist das wirklich eine Kunst oder eher eine Untugend?

PETER STRASSER: Untugend? Kunst! Ich kenne einen Wichtigtuer, der sich etwas darauf zugutehält, sogar bei der Begegnung im Lift entweder gar nichts zu sagen oder aber etwas Substanzielles. Denn, wie er dekretiert, man solle den Mund nur aufmachen, wenn man etwas zu sagen habe. In solcher Überheblichkeit steckt große Dummheit. Da es nämlich im Lift, falls dieser nicht gerade abstürzt oder zu brennen beginnt, nichts Substanzielleres zu sagen gibt außer „Scheußliches Wetter heute!“ oder „Schönen Tag noch!“, bliebe nur das öde Vor-sich-hin-Starren. Nun ist das Vor-sich-hin-Starren immerhin die freundliche Variante einer Kulturlosigkeit, die leicht in Feindseligkeit umschlägt – hoffentlich nicht gerade im Lift! Man nimmt am anderen Anstoß, weil man ihn nicht riechen kann, er einem zu nahekommt oder einfach da ist. Der Small Talk hingegen hat zum Ziel, auch dann freundlich miteinander umzugehen, wenn man sich nichts zu sagen hat. In diesem Sinne ist er eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges. Der Mensch im eigentlichen Sinne beginnt mit dem Small Talk.

Die Bezeichnung Small Talk tut der Sache also unrecht? Kommunikation ist Kommunikation? Die darf einem einfach nie zu blöd sein?

STRASSER: Mir kommt vor, Sie haben eine Abneigung gegen das „small“ vor dem „talk“, oder? 1973 erschien ein Buch, das zum internationalen Bestseller hochschoss. Es stammte vom Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher, hieß „Small Is Beautiful“ – der Slogan verdankt sich übrigens dem Österreicher Leopold Kohr –, und trug den Untertitel „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“. Na bitte, da haben Sie’s! Es fehlt uns ja wahrlich nicht an hochgestochenen Talks, sogenannten Diskursen in allen möglichen Bereichen des geistigen und geistlosen Lebens. Apropos geistlos: Das Schlimmste sind Politikerreden, die sich einer Begriffsschwurbelei bedienen, hinter der nichts steckt außer heißer Luft. Hingegen ist es eine reine Freude, wenn man sich miteinander darüber verständigt, dass es nichts gibt, worüber man sich zu verständigen braucht – weil nämlich das Reden an sich tief befriedigt und freundlich auf Distanz hält. Small Talk: Herstellung menschlicher Nähe durch spielerische Formen zwanglosen Distanzhaltens – das ist eine gute Definition, oder?

Klingt alles ganz einfach. Was macht die Sache dann so schwer und gar nicht selten so unglaublich langweilig?

STRASSER: Es gibt eben todlangweilige Menschen! Und Menschen, die es einem wahrhaftig schwer machen, ihnen den Mund nicht zu verbieten, sobald sie beginnen, ihre – womöglich gut gelaunten! – Plattitüden abzusondern. Erst neulich saß ich im Bus einer Dame vis-à-vis, die zuerst behauptete, mein Bild schon irgendwo in der Zeitung gesehen zu haben, um daraus ihr natürliches Recht abzuleiten, mich als Zuhörer gleich tüchtig in die Pflicht zu nehmen – nicht ohne mir ihr grundsätzliches Misstrauen Leuten gegenüber auszudrücken, deren Bild sie schon einmal in der Zeitung gesehen hat: „Ich sag’s ja immer, man darf keinem mehr trauen, früher war das alles ganz anders, auch das Wetter, aber bitte, daran sind nicht nur die Abgase schuld, sondern auch die Karnickel, vor denen erst neulich unser Papst warnte, Sie wissen schon, wen ich meine, nicht wahr?“ Darauf ich, zu Tode gelangweilt, höflich: „Meinen Sie den Papst oder die Karnickel?“ Darauf die Dame, misstrauisch: „Ich sag’s ja immer . . .“ Und so weiter, aber so etwas ist kein Small Talk, sondern ein „Kill Talk“ – ein Gesprächskillergespräch mit Endlosschleife. Scheußlich!

Lassen sich von dieser Begegnung Small-Talk-Grundsätze ableiten wie „Bleib bei einem Thema: Papst, Karnickel oder Wetter, und versuch dabei keinesfalls die Welt zu erklären“? Anders gefragt: Gibt’s einen Leitfaden für gelungenen Small Talk? Kann man Small Talk also lernen?

STRASSER: Hm. Es gibt nicht nur den Papst, es gibt auch den Small-Talk-Papst vulgo Thomas Schäfer-Elmayer. Aus dessen Benimmbüchern glaube ich fürs Leben gelernt zu haben: Erstens, nicht jedes Small-Talk-Thema verträgt sich mit jedem anderen – zum Beispiel sollte man beim Flirten das Karnickelthema nicht strapazieren. Zweitens, jedes Small-Talk-Thema verträgt sich mit jedem anderen – zum Beispiel ist das Karnickel-Thema bestens geeignet, um beim Flirten vertrauensbildend anzudeuten, dass auch ein One-Night-Stand, Nacht für Nacht praktiziert, bei der Großfamilie enden kann. Drittens, jeder gelungene Small Talk sollte die große Welt im Kleinen durchblitzen lassen – zum Beispiel blitzt im Karnickelthema praktisch die ganze Unheilsgeschichte des Christentums seit dem verflixten Sündenfall durch. Das macht aus dem Small Talk einen miniaturisierten Big Talk, der den Small-Talkern das beschwingte Gefühl vermittelt, nicht bloß Unsinn daherzureden, sondern – wie soll ich sagen? – vollmenschlich geerdet zu sein. Die richtige Antwort auf Ihre Frage lautet also: Jawohl, man kann den Small Talk lernen – leicht ist es allerdings nicht!

Was darf man als Ermunterung bzw. Bestätigung beim Small Talk auffassen? Reicht es schon, wenn einem der andere zumindest nicht dauernd verzweifelt über die Schulter blickt, in der Hoffnung, dass ihn jemand von diesem Gespräch erlöst?

STRASSER: Bitte schön, erst heute Morgen traf ich den Amtskollegen N. N., der im dünnen Hausanzug, klamm dreinschauend, seine ausrasierte Pudeldame an der Leine äußerln führte. Natürlich zitterte das Hascherl in der Morgenkälte. Ich: „Grüß Sie, Herr Kollege, ein herrlicher Morgen, frisch und g’sund!“ N. N. schaut klamm drein, das Hascherl zittert an der Leine. Ich: „Was uns nicht umbringt, Herr Kollege, macht uns nur härter, gelt!“ N. N. schaut klamm drein, das Hascherl zittert an der Leine. Ich, bildungsbeflissen: „Das also ist des Pudels Kern, ha ha ha!“ N. N. schaut klamm drein, das Hascherl zittert an der Leine . . . Wir sind dann wieder unserer Wege gegangen. Im Rückblick würde ich sagen, N. N. wusste meinen Small Talk durchaus zu schätzen, nur konnte er es mir wegen eingefrorener Gesichtsmuskeln nicht enthusiastischer zeigen. Fazit: Small Talk ist mehr Geben denn Nehmen, eine Praxis der Selbstlosigkeit, und daher nichts für Menschen, die andauernd Bestätigung suchen.

Verraten Sie uns Ihren Small-Talk-Lieblingseinleitungssatz?

STRASSER: „Warum existiert überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ So pflegte der Philosoph Martin Heidegger in lockerer Runde gerne zu fragen und hatte damit großen Small-Talk-Erfolg. Ich bisher auch.

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.