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„Das Schlechte ist die Mauer. die um die Heimat gebaut wird“

Zeitgeschichte-Professor Helmut Konrad über das Verbindende und das Ausgrenzende von Heimat und Brauchtum, über Mauern der Sprache und der Religion. VON CLAUDIA GIGLER

Was ist für Sie persönlich „Heimat“?

HELMUT KONRAD: Es gibt schon so etwas wie Bindungen an die Herkunft, aber in modernen und mobilen Gesellschaften muss man das Wort Heimat in den Plural setzen. Heimaten sind für mich Orte, an denen man sich wohlfühlt, Orte, die in ein soziales Umfeld eingebettet sind, wo man Freunde hat und wo die Lebensumstände stimmen.

Wie spüren Sie Heimat?

KONRAD: Als Umfelder, die einem vertraut sind. Das kann die Kleidung sein oder das Essen, die Politik, die Religion, die Sprache. Jede dieser Heimaten wirkt verbindend und gleichzeitig auch ausgrenzend.

Sind manche Formen von Heimat besonders gut geeignet, um auszugrenzen?

KONRAD: Heute reist man in halb Europa ohne Reisepass herum und fliegt durch die Welt, Landesgrenzen sind also kein Thema. Aber die Sprache ist ein typisches Heimatproblem: Wenn du nicht Deutsch sprichst, gehörst du nicht zu uns.

Ist das nicht so?

KONRAD: Wichtig für die Integration ist nicht der Spracherwerb, sondern die Kommunikationsfähigkeit, und das ist ein zweiseitiger Prozess.

Aber wenn einer nicht bereit dazu ist, die Sprache zu erlernen, unterstellt man ja eben, dass der gar nicht kommunizieren will.

KONRAD: Viele Flüchtlinge können Englisch und wir versuchen trotzdem nicht, mit ihnen zu kommunizieren.

Ist die Religion ein besonders entzweiendes Identifikationsmerkmal?

KONRAD: Religion hat natürlich sehr viel mit Heimat zu tun, weil sie Identitätskonstrukte stark befördert. Es gibt Kleidungs- und Ernährungsvorschriften, Heiratsvorschriften etc. Da sind die Gräben ganz besonders tief. Und man kann nicht einfach wie bei der Sprache sagen: Bieten wir eine Metareligion an, die drübersteht. Hier geht es wirklich um Annäherungen, um Dialog.

Andere Sprachen, andere Religionen in der eigenen Umgebung lassen die Heimat nicht mehr als vertraut erscheinen. Was kann dazu beitragen, dass die Sichtbarkeit anderer Gebräuche die Menschen nicht gleich fürchten lässt, dass ihnen die eigene Kultur genommen wird?

KONRAD: Das eine ist Kenntnis. Man hat Angst vor etwas, was man nicht kennt und nicht versteht. Daher wäre der Ethikunterricht ein ganz wichtiger Schulgegenstand, eben um zu erklären, was der Islam, was das Judentum ist. Und das Zweite ist Respekt: dass man die Regeln der anderen akzeptiert und keine Grenze überschreitet, die für andere eine Schamgrenze ist.

Wie sollen wir, wie soll der Staat umgehen mit radikalen Moslems?

KONRAD: Die Regeln des Staates, in dem man lebt, hat man zu befolgen. Terroristen im Namen Allahs sind so zu behandeln wie Terroristen im Namen der Mafia. Sie sind mit aller Härte, die dem Staat zur Verfügung steht, aber eben nur dem Staat, zu verfolgen.

Was ist die Voraussetzung dafür, dass Zuwanderer beginnen, sich bei uns „daheim“ zu fühlen, was ja eine Voraussetzung ist für das Gelingen von Integration?

KONRAD: Die Aufnahmegesellschaft muss Signale setzen, dass sie Interesse hat an dem, der da kommt. Sie muss ein erstes Signal von Geborgenheit setzen, weiterhelfen, eine Tür aufmachen. Diese Menschen haben ihre Heimat verloren und sind in der neuen Heimat noch nicht angekommen. Sie leben ohne Netz.

Aber wird nicht zu Recht kritisiert, dass wir genau das machen und sich diese Menschen dann trotzdem nicht als dankbar erweisen, sondern radikalisieren?

KONRAD: Die, die die Probleme machen – das ist ja nicht die erste Generation. Die schätzt die Ankunft in einem sicheren Leben. Die zweite Generation, die die Angst der Eltern nicht mehr kennt, kann das nicht schätzen, fühlt sich nicht angenommen, weil weitere Schritte der Integration fehlen, weil sie große Startnachteile hat im Vergleich zur Jugend aus dem Nachbarhaus. Und dann träumen eben 13-jährige Buben vom Dschihad oder Mädchen davon, die Braut eines Kämpfers zu werden.

Kann so etwas wie eine gemeinsame Heimat entstehen, in der sich jeder Einzelne immer noch stark seiner Ursprungsheimat verbunden fühlt? Eine echte Multikultigesellschaft, von der wir immer träumen? Oder muss der neu Zuwandernde letztlich in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen?

KONRAD: Bei Multikulti ist oft wirklich nur bunte Verkleidung angesagt, aber wir leben ja tatsächlich in einer mobilen Gesellschaft, dank der freiwilligen Migration vom Land in die Stadt, von einer Stadt in die andere. Ein Bundesland wie Salzburg hat mehr als ein Drittel Bevölkerung, die nicht in Salzburg geboren ist, in Wien ist es die Hälfte, in Toronto sind es 70 Prozent. Es ist alles in Bewegung. Das macht natürlich Angst, speziell den sogenannten Modernisierungsverlierern. Die anderen können mehr als man selber, nehmen einem „die Jobs weg“, da entstehen Ängste und Mauern.

Baut man mit der Freude an der eigenen Tracht, am eigenen Brauchtum gegenüber Zuwanderern auch Mauern auf?

KONRAD: Nur, wenn man daraus eine „Mir san mir“-Haltung macht. Nicht, wenn man den Augenblick genießt. Als wir jung waren, hätten wir nie ein Dirndl, eine Lederhose angezogen. Die Jugend heute geht ganz spielerisch damit um und ich setze selber gerne meinen Ausseerhut auf und zieh mein schönes Jankerl an. Wenn die Tracht nur dazu dient, zu unterscheiden, wer innerhalb und außerhalb der Mauern ist, dann ist das schlecht. Das Schlechte ist die Mauer, die um die Heimat gebaut wird.

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