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Wachablöse am Berg

In der Todeszone treiben junge Alpinisten ihr Tun in neue Höhen: David Lama, Peter Ortner und Hansjörg Auer sind die neuen X-Men der Berge. vON ANDREAS KANATSCHNIG

Echte Alpinisten können sterben. Im krassen Gegensatz zu den Superhelden aus den Comic-Universen werden Männer wie Reinhold Messner gerade wegen ihrer Verwundbarkeit ins Übermenschliche gehoben. „Ich sehe die Kletterer nur dort, wo die Bohrhaken stecken. Oder in der Halle, da sind sie zu Millionen. Und das dürfen sie auch sein, aber dort ist es Sport mit Netz und doppeltem Boden. Und nicht das, was traditionelles Bergsteigen ist“, sagt Reinhold Messner. Alpinisten kämpfen ums Überleben, Punkt. Grenzgänger wie Reinhold Messner (70), der Tiroler Peter Habeler (72) oder der Südtiroler Bergführer Hanspeter Eisendle (58) sind „Vorkletterer“ von früher. Die Wachablöse am Berg hat schon stattgefunden: Eine neue Generation von X-Men am Berg treibt den Alpinismus voran. Der Tiroler David Lama (24) ist einer aus der Zukunft. Messner, Habeler und Eisendle sind sich da einig.

Cerro Torre, 21. Jänner 2012: David Lama klettert als erster Mensch die Ostwand des 3128 Meter hohen Berges in Patagonien frei. „Es sind immer jene Bergsteiger, die sich maximal exponieren, die den klassischen Alpinismus weiter bringen“, sagt Hanspeter Eisendle. David Lama setzte dem Cerro Torre seinen roten Punkt auf, das weltweite Symbol für eine freie Begehung. Lama hat schon früh einen großen Lehrmeister gefunden: Peter Habeler. Als Kind kam Lama zu ihm in die Kletterschule nach Tirol. „Ich hab damals gesagt: David, du wirst einmal Weltmeister im Klettern.“ Das hat er im Sportklettern auch geschafft.

Trango Tower, „Eternal Flame“, 30. Juli 2012: Der Osttiroler Peter Ortner (31) bezwingt mit Lama die Südwestkante dieses Berges in Pakistan. Es ist kein Zufall, dass Ortner, Auer und Lama viel gemeinsam machen. „Ortner gehört absolut dazu. Lama ist so gscheit, dass er genau weiß, warum er sein Seilpartner ist“, sagt Eisendle.

Kunyang Chhish East, 18. Juli 2013: Hansjörg Auer (31) löst eines der großen „Probleme“ des Alpinismus. Gemeinsam mit Simon Anthamatten erklimmen sie die Südwestwand des 7400 Meter hohen Berges in Pakistan: eine Erstbegehung. Dem Bergsteiger Auer traut Messner noch mehr zu als David Lama. „Er hat vielleicht noch mehr Instinkt dafür“, sagt er. Dieses „dafür“ ist der Weg, sich am Berg auszudrücken. „Das ist eine schräge Lebenserfahrung. Die Zivilisation hoch in Ehren, aber das ist die Lebenserfahrung, die ich außerhalb der Zivilisation gemacht habe“, sagt Messner über seine Erfolge.

Die Wachablöse am Berg hat auch in der medialen Aufbereitung stattgefunden. Der Cerro Torre war ein medialer Hype. Mit einem Red-Bull-Film im Rücken war das Getöse groß. David Lama oder sein Landsmann Hansjörg Auer sind aktiv auf Facebook und Twitter. „Unfortunately Peter, David and I failed to climb Masherbrum Northeast Face“, twitterte Auer am 23. Juli 2014, als mit Lama und Seilpartner Ortner die Erstbegehung der Nordostwand des in Pakistan gelegenen Masherbrum scheiterte. „Messner ist durch Bücher und Zeitungen bekannt geworden. Ich kann nicht sagen, dass Social Media verpönt sind. Ich mache das, weil es dazugehört“, sagt Auer. Es ist nicht „Social Media“ aus Überzeugung, doch viele seiner Generation, wie die amerikanische Extremkletterin Steph Davis, nutzen sie bereits aus Überzeugung.

Mount Everest, 8. Mai 1978: Als Reinhold Messner und Peter Habeler auf dem Gipfel des höchsten Punktes der Welt (8848 Meter) stehen, schreiben sie Alpingeschichte: Als erste Menschen haben sie diese Leistung ohne Flaschensauerstoff vollbracht. „Was ich als Grenzgänger gemacht habe, das ist eine Aussage für sich“, sagt Messner. Diese „Aussage für sich“ ist es, die die „alte“ und die neue Generation von Bergsteigern eint. „Ich suche mir extreme Touren. Ich stelle es infrage, dass man das erklären muss. Viel interessanter ist: Was passiert in der Extremsituation mit dem Menschen?“, sagt David Lama. Das Extreme treibt auch Hansjörg Auer an. Er war früher Hauptschullehrer auf dem Weg in eine gesicherte Zukunft, doch 2008 entschied er sich, Profibergsteiger zu werden. „Mich motiviert das, wo es Fragezeichen gibt“, sagt Auer. Es ist die Ausgesetztheit, das Gefühl, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein in einer gesetzlosen Welt. „Es ist wichtig für mich, Freiräume zu haben. Du bist für dich verantwortlich, du musst dich an keine Gesetze halten“, sagt Eisendle. Diese Sehnsucht nach dem Leben außerhalb der Grenze, nach der Autonomie über sich selbst eint Extrembergsteiger.

Die Motivation, in die Todeszone der Berge vorzustoßen, bleibt rätselhaft. Sich zu spüren, sich selbst zu überdauern, vielleicht ist das ein Motor? „Das Überdauern ist völlig sekundär, weil ich das Leben über den Tod hinaus als Auflösung sehe. Das ist nicht das Ziel. In der Aktion liegt im Grunde die Möglichkeit des Glücks“, sagt Messner. Vielleicht hört das Suchen nach der nächsten Wand deshalb nie auf, weil nur im Tun eine Befriedigung liegt. Nach dem nächsten Berg kommt der nächste Berg. Dennoch wollen sie normale Menschen sein: „Ich will gar nicht Exot sein, sondern ich bin ein normaler Mensch, der seine Erfahrungen gemacht hat, der viele verschiedene Erzählformen gewählt hat für sein Tun“, sagt Messner. Normale Menschen mit übermenschlichen Fähigkeiten, die die Grenzen ständig verschieben. Klettertechnisch geht es mit Chris Sharma (33) und Adam Ondra (22) in ungeahnte Höhen: 9b heißt das magische Wort, das den derzeit höchsten Schwierigkeitsgrad angibt. Doch: „Das ist und bleibt vorläufig Sportkletterei“, sagt Messner. Lama, Ortner und Auer obliegt es, den klassischen Alpinismus weiterzuentwickeln. Heuer in Alaska und Nepal, nächstes Jahr wieder am Masherbrum in Pakistan.

Eine Entwicklung dorthin, wo noch nie zuvor ein Mensch geklettert ist.

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