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„Oldschool“ heißt das neue Album von Nena – und das ist nicht nur der Titel für die CD. Im Interview spricht die Popikone über ihr Leben und ihre Kinder. von STEFFEN RÜTH

Sie ist fast 55 Jahre alt, seit mehr als drei Jahrzehnten in Amt und Würden und trägt immer noch die gleichen Jeanswesten wie zu „99 Luftballons“-Zeiten. Nena, so sagt sie selbst, ist „Oldschool“, und da lag es nah, auch gleich das neue Album so zu nennen. Die Songs hat Nena mit Samy Deluxe erarbeitet, und das hört man. Mehr Electro, mehr Hip-Hop, gelegentlich verfremdet die Produktion Nenas Stimme gar bis zur Unkenntlichkeit. Und auch die Texte bieten eine große Palette von ausgelassen lebensfroh über besinnlich bis ziemlich albern. Wir unterhielten uns mit Nena im „Soho House“ in Berlin.

Nena, Sie spielen im März eine Tournee durch wirklich kleine Clubs. Wieso das?

NENA: Eine Oldschool-Clubtour passt perfekt zu meinem neuen Album. Ohne Firlefanz und großes Lichtspektakel auf die Bühne gehen und abrocken – das war mein Wunsch für diese Tour. Zu manchen Auftrittsorten habe ich auch einen persönlichen Bezug. Das „Pelmke Kulturhaus“ in meiner Heimatstadt Hagen zum Beispiel war vor 48 Jahren meine Grundschule; oder das „SO36“ in Berlin, wo ich 1979 mal schräg gegenüber gewohnt habe. Das sind alles Gründe, diese Shows zu spielen. Eine Clubtour ist zwar finanziell ein großer Aufwand, aber das ist es mir auf jeden Fall wert.

Geld verdienen müssen Sie ja vermutlich auch nicht mehr.

NENA: Doch, natürlich muss auch ich Geld verdienen. Was reinkommt, geht auch gleich wieder raus und landet nicht auf einem Sparkonto, sondern fließt in unsere Projekte.

Als Sie Anfang der Achtziger von Hagen nach Berlin gezogen sind, lebten Sie in der Oranienstraße in Kreuzberg. Wie erleben Sie die Stadt heute? Ihr neues Lied „Betonblock“ handelt auch von Berlin, oder?

NENA: Ja, ein immer wiederkehrendes Bild ist für mich der Potsdamer Platz in Berlin und wie es dort aussah, als ich 1979 zum ersten Mal da stand und Jim Rakete die ersten Fotos von mir gemacht hat. Im Schatten der Mauer und des Hansa-Studios. Was anderes gab es da nämlich damals nicht. Heute stehen da Betonblöcke rum und füllen den Platz. Nichts erinnert mehr an den endlos weiten Himmel von damals, und irgendwie muss ich bei dem Anblick auch manchmal an die Betonblöcke in unseren Köpfen denken.

Jetzt leben Sie seit mehr als 20 Jahren am Rand von Hamburg.

NENA: Ja, das Leben am Stadtrand, als fließender Übergang, bevor wir irgendwann ganz aufs Land ziehen. Seit ich Kinder habe, bin ich einfach nicht mehr so der Stadtmensch. Kinder, Hunde, Fahrradfahren – das geht hier einfach besser. Ich bin ja beruflich häufig in Großstädten unterwegs, am liebsten in Berlin, aber wenn ich zu Hause bin, vermisse ich das überhaupt nicht.

Ihre Kinder sind zwischen 17 und 24 Jahre alt; die ältesten beiden, die Zwillinge Larissa und Sakias, haben selbst schon Nachwuchs. Wie ist das, wenn einer nach dem anderen auszieht?

NENA: Auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich mir so nicht vorgestellt habe. Bis auf meinen jüngsten Sohn, der 17 ist, sind jetzt alle aus dem Haus und leben in ihren eigenen Universen. Das Schöne ist, dass wir alle fast täglich miteinander zu tun haben.

Wie hatten Sie sich das Loslassen denn vorgestellt?

NENA: Gar nicht. Als meine Tochter dann mit 17 als Erste ihr Köfferchen packte, war das eine einschneidende Erfahrung. Als junge Mutter habe ich nie darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn die Kinder einmal groß sind und ihre eigenen Wege gehen. Aber wenn es dann so weit ist, kann dich das ganz schön umhauen.

Wie alt waren Sie, als Sie zu Hause auszogen?

NENA: Interessanterweise auch 17 Jahre. Da gibt es Parallelen.

Ihr Sohn Sakias singt mit Ihnen zusammen das Lied „Peter Pan“. Wiederholt sich da auch was?

NENA: Ich habe ihn gefragt und er hatte Lust. Umgekehrt, wenn Projekte meiner Kinder anstehen, und ich habe da Lust drauf, unterstütze ich die auch. Wir haben viele Schnittstellen und arbeiten gerne zusammen. Haupttreffpunkt ist unser Haus, der Ort, wo wir alle zusammen aufgewachsen sind, wo es ein Tonstudio gibt und jede Menge Möglichkeiten, sich kreativ auszuleben.

Also spielen in Ihrer Band aktuell Tochter Larissa, Sohn Sakias und Sohn Simeon.

NENA: Richtig. Und ich habe sie nicht dazu gezwungen.

Was bedeutet der Begriff „Oldschool“ für Sie überhaupt?

NENA: Mein erstes Album ist seit 34 Jahren draußen. Das fühlt sich ziemlich oldschoolmäßig an, könnte aber auch gestern gewesen sein. Mein Verhältnis zur Zeit hat sich verändert. Oldschool ist inzwischen ein ganzheitliches Gefühl für mich, das alles miteinander verbindet. Es beschreibt auch den gegenwärtigen Zustand, in dem die Dinge mitschwingen, die man bereits erlebt hat. Früher wollte ich über Vergangenes nicht sprechen, auch nicht über die Achtziger, weil ich dachte: „Fall erledigt, abgehakt.“ Heute ist mir die Vergangenheit stets willkommen.

Eines der neuen Lieder heißt „Berufsjugendlich“. Darin singen Sie, dass Sie nicht ganz normal seien. Wie ist das gemeint?

NENA: Stimmt, ich bin nicht normal, weil es anscheinend eine klare Definition dafür gibt, was normal ist, und da falle ich glatt durch.

Sie sind seit 34 Jahren als Musikerin aktiv. Kein Ende in Sicht?

NENA: So ist das eben, wenn man Oldschooler ist. Es geht einfach immer weiter. Ich werde bestimmt noch mit 70 am Klavier sitzen und „99 Luftballons“ singen. Ich kann mir alles vorstellen, aber ich kann mir nicht vorstellen, keine Musik mehr zu machen.

Die abgerissene Jeansweste, die Sie auf Ihren neuen Pressefotos tragen, ist die eigentlich eine Hommage an die Achtziger?

NENA: Ich habe immer eine Jeansweste im Gepäck!

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