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Komm. spiel mit mir!

Sind Spieltheoretiker die besseren Strategen? Ein Blick in eine Welt, in der rasende Hühner und Mathematik die Hauptrolle spielen. VON SUSANNE RAKOWITZ

Als Yanis Varoufakis griechischer Finanzminister wurde, war er genau zwei Gruppen von Menschen bekannt: Fans von Computerspielen und Universitätsprofessoren. Den einen als Hausökonom des Computerspiele-Herstellers Valve, den anderen als Spieltheoretiker. Einige Vertreter der letzteren Gruppe orteten schnell ein Problem: Die EU-Verhandlungsriege möge sich doch bitte in der Spieltheorie fit machen. Macht die Spieltheorie aus Yanis Varoufakis gar einen gefährlichen Lord Voldemort?

Nur dann, wenn man grundsätzlich ein Problem mit Mathematik hat, denn die Spieltheorie ist keine gefährliche Waffe, sondern ein Analyseinstrument, in dessen Zentrum der Mensch und sein Handeln steht. Viele Handlungen des Menschen sind auf einen klaren Nutzen ausgerichtet, um diesen zu verfolgen, verwendet er Strategien – und das in vielen Bereichen: von der Politik über die Finanzwirtschaft bis hin zum Fußballplatz. Die Spieltheorie macht diese Handlungen und vor allem deren Interaktion in Modellen sichtbar und analysiert sie – mit Berechnungen, die zum Teil an Hochleistungsmathematik grenzen. Berechnet wird unter anderem mit spieltheoretischen Modellen, die Namen wie „Gefangenendilemma“ oder „Öffentliche-Güter-Spiel“ tragen. Letzteres etwa ermöglicht die Untersuchung, wie man Menschen mit positiven oder negativen Anreizen zur Kooperation bewegen kann. Droht man zum Beispiel Feinstaubsündern mit Strafe oder ist es sinnvoller, sie durch eine Belohnung zum Verzicht zu motivieren?

Der Mensch, ein Spieler

„Der große Punkt für die Entwicklung der Spieltheorie in den 50er-Jahren war das Bedürfnis, die Verhaltensweisen von Menschen zu analysieren, die beim Streben nach dem größten Nutzen davon abhängig sind, was die anderen machen“, so der Uni-Professor Christian Klamler. Die Spieltheorie stellt diese „Strategieschlachten“ nach und analysiert die Handlungen aller einzelnen Spieler. Doch die Spieltheorie kann auch Analysen zu aktuellen Konflikten abgeben – wie etwa zu Griechenland: „Bei diesem Konflikt handelt es sich um ein sogenanntes Chicken Game“, so Klamler. Das Feiglingsspiel ist die Nachstellung einer Mutprobe, wie man sie aus den US-Filmen der 50er-Jahre kennt: „Zwei Autos fahren in vollem Tempo aufeinander zu, der Erste, der abweicht, hat verloren und ist das Chicken, also der Feigling.“ Bei diesem Spiel handelt es sich in der Spieltheorie um ein nichtkooperatives Spiel. Im Modell stehen den Gegnern zwei Strategien offen: aufgeben oder nicht aufgeben. Hat Varoufakis hier jetzt die besseren Karten? „Um es generell zu evaluieren, ist es fast noch zu früh, jedoch wirkt es schon so, als würde er versuchen, die Spieltheorie aktiv in diesen Verhandlungen verwenden“, so Klamler, der – wie viele seiner Kollegen – den Strategie-Sirtaki von Varoufakis genau beobachtet. Dass er jedoch in den Verhandlungspausen den Konflikt im Hotel anhand einer Auszahlungsmatrix nachstellt, sei wohl eher unwahrscheinlich, klar ist für Klamler jedoch, dass der Grieche „in diesen Bereichen strategischer denkt als ein Politiker“. So kann eine mögliche Strategie beim Chicken Game sein, dass man ganz genau weiß, dass man solch einen Weg nur eine gewisse Strecke lang gehen kann. „Vielleicht ist es ein Versuch, auch nur so lange den Weg zu gehen, bis sich die Bedingungen – und somit die Auszahlungen im Spiel – dementsprechend für Griechenland bessern.“ Nicht zu unterschätzen ist für den Wissenschaftler auch die Macht der Drohung, denn mit ihrer Glaubwürdigkeit steigt auch der Vorteil. Nur der Russland-Ukraine-Konflikt lässt sich derzeit spieltheoretisch noch schwerer analysieren. Das liegt auch am Unsicherheitsfaktor Putin. Vielleicht sollte Angela Merkel in diesem Fall auf einen Profi aus Griechenland zurückgreifen.

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