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Familie P. und das lange Warten auf Gewissheit

04.07.2020 • 12:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Familie P. und das lange Warten auf Gewissheit
Klaus Hartinger

Das Schicksal der jungen Familie sorgte Ende 2018 österreichweit für Aufsehen.

“Endlich ist die Zeit der Ungewissheit vorbei“, sagt Azat P. und strahlt. Die große Erleichterung kam ges­tern in Form einer handelsüblichen Scheckkarte und passt in jede Brieftasche. 16 Monate hat es gedauert, bis der 37-jährige Armenier den unscheinbaren Plastikausweis in den Händen halten darf. Bis zuletzt musste er zittern, ob er sie bekommt: die sogenannte Rot-Weiß-Rot-Card. Sie gilt für zwei Jahre und berechtigt ihn, sich mit seiner Familie befristetet in Österreich niederzulassen und bei einem bestimmten Dienstgeber zu arbeiten. Als ihm vor wenigen Tagen mitgeteilt wurde, dass er seinen Aufenthaltstitel nun bei der Bezirkshauptmannschaft abholen könne, konnten er und seine Frau Arpine (33) das nicht so recht glauben. „Wir dachten schon so oft, dass es jetzt bald besser wird und mussten dann doch wieder warten“, sagt der Familienvater und nimmt seinen Sohn Anri auf den Schoß.

Tatsächlich hat die Geschichte der nunmehr vierköpfigen Familie P. bereits viele Wendungen genommen. Die armenische Familie ist seit 2013 im Land und gilt als bestens integriert. Beide Eltern sprechen ausgezeichnet Deutsch und engagieren sich in der Gemeinde, geben anderen Flüchtlingen Unterricht und singen im Chor. „Azat kümmert sich unter anderem seit Jahren mit größter Gewissenhaftigkeit um unsere Gartenanlagen im Dorf“, sagt Erwin Steurer, Gemeindesekretär und Flüchtlingsbeauftragter in Sulzberg. Auch er ist froh, dass die Familie, die er nun schon seit Jahren begleitet, im Land bleiben darf.
Ende Oktober 2018 geriet das 1800-Seelen-Dorf österreichweit in die Schlagzeilen. Nachdem für die Familie alle rechtlichen Möglichkeiten, in Österreich Sicherheit und Schutz zu finden, ausgeschöpft waren, wurde sie an einem Sonntag um fünf Uhr im Rahmen eines Abschiebeversuchs brutal aus dem Schlaf gerissen. Arpine P., damals im fünften Monat schwanger, wurde ihr dreijähriges Kind entrissen. Der damals dreijährige Anri wurde gemeinsam mit dem Vater in ein Auto verfrachtet, nach Wien gebracht und in Schubhaft genommen. Die aufgebrachte Mutter musste derweil ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie mit ihrem Baby im Bauch kollabiert war. „Wir versuchen, das nicht mehr in Erinnerung zu rufen, das waren sehr unangenehme Zeiten und wir hoffen, dass diese für immer vorbei sind“, erzählt das Ehepaar. Das Innenministerium musste damals Fehler einräumen, die Verantwortung schob man freilich auf die Vorarlberger Beamten. Der Fall sorgte in weiterer Folge für einen kurzen Schlagabtausch zwischen Kanzler Sebastian Kurz und Landeshauptmann Markus Wallner und befeuerte einmal mehr die Debatte über die Asylpolitik der damals türkis-blauen Bundesregierung.

Familie P. und das lange Warten auf Gewissheit
Endlich in der Hand: die Rot-Weiß-Rot Card in der Hand Hartinger

Hin und Her

„Ohne Freunde und die Gemeinde, hätten wir das nicht geschafft“, erinnern sich Arpine und Azat P. Obwohl sie weiterhin unter dem Damoklesschwert einer drohenden Abschiebung lebten, schien sich in den folgenden Monaten alles zum Besseren zu wenden. Arpine brachte im April 2019 ein gesundes Baby zur Welt, der Familienvater bekam endlich eine fixe Jobzusage und die Behörden signalisierten ihre Zustimmungsbereitschaft. Der lange Weg zum Aufenthaltstitel schien so gut wie geschafft. Dementsprechend groß war die Freude bei allen Beteiligten. Diese währte allerdings nur kurz. Denn das AMS wies die „Zulassung als Fachkraft in einem Mangelberuf“ ab. Es folgte ein monatelanger Rechtsstreit, an dessen Ende der Familienvater Recht bekommen sollte. Deshalb gilt sein Dank auch den Anwälten, die sich eines Falles angenommen hatten. „Es ist unbeschreiblich, wie sie sich für uns eingesetzt haben.“ Vertreten wird die Familie von Stefan Harg und Wilfried Weh. Ihre Kanzlei in Bregenz ist unter anderem für die Bearbeitung von Fremden- und Asylrechtsfällen bekannt und trat beispielsweise auch in der medienträchtigen Flüchtlingscausa Durmisi in Erscheinung.

Abschiebepraxis

Rechtsanwalt Harg freut sich, „dass das Verfahren trotz aller Irrungen und Wirrungen, die das Fremdenrecht vorgibt, zu einem guten Abschluss gebracht werden konnte“. Der Fall der Familie P. zeige, dass doch erheblicher Anpassungsbedarf bei der Abschiebepraxis bestehe. Azat P. hofft nun, dass er sobald wie möglich anfangen kann, zu arbeiten. Wie so viele andere musste auch sein Arbeitgeber aufgrund der Corona-Krise Kurzarbeit anmelden. Es heißt also noch einmal warten, diesmal aber ohne die alte Angst. Die Angst vor der plötzlichen Abschiebung, dem Blaulicht, dem Hämmern an der Tür.