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„Conchita macht Drag und ich bin trans“

13.08.2022 • 19:25 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Fynn in den Räumen von GoWest, einem Verein für LGBTIQ. <s><span class="copyright">Stiplovsek </span></s>
Fynn in den Räumen von GoWest, einem Verein für LGBTIQ. Stiplovsek 

Fynn wurde bei der Geburt als weiblich definiert, doch konnte er sich nie mit dem Geschlecht identifizieren. Er ist ein trans* Mann. Eine Geschichte über Selbstfindung, Hindernisse und Diskriminierung, aber auch über Glück und verständnisvolle Menschen.

Fynn ist 24 Jahre alt und kommt aus dem Leiblachtal. Woher genau und wie sein Nachname lautet, will er öffentlich nicht bekanntgeben. Denn der junge Mann mit dem braunen Vollbart ist transident. Das bedeutet: Er identifizierte sich nicht mit dem Geschlecht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde und hat es mittlerweile angepasst.

Das Unwohlsein mit und in seinem Körper „war irgendwie immer da“, erzählt der 24-Jährige. Das äußerte sich etwa darin, dass er sich stets sträubte, ein Kleid anzuziehen. Richtig bewusst wurde ihm dieses Unwohlsein mit Beginn der Pubertät, als „mein Körper etwas machte, das ich nicht wollte“. Mit viel zu großer Kleidung und gekrümmtem Rücken versuchte Fynn, seinen Körper und vor allem seine Brust zu verstecken. „Ich konnte mich in Spiegeln kaum ansehen. Oft habe ich im Dunkeln geduscht und auch auf dem WC das Licht nicht eingeschaltet. Das mag unvorstellbar klingen für Menschen, die sich mit ihren Geschlechtsmerkmalen identifizieren. Für viele trans* Menschen ist es aber eine Form des Klarkommens mit dem körperlichen Unwohlsein“, sagt Fynn.

Als Fynn die siebte Klasse des Gymnasiums besucht, merkt er immer stärker, dass er anders ist. Doch zuordnen kann er dieses Anderssein nicht, auch hat er keinen Namen dafür. Diesen liefert ihm Conchita Wurst 2014 mit ihrem Sieg beim Song Contest. Die Medien sind plötzlich voll mit Begriffen wie „Trans“ oder „Drag“. Fynn kann damit noch nichts anfangen, doch er beginnt, sich zu informieren. Bis er eines Tages merkt: Das, was er da liest und hört, passt auf ihn. „Ich fand heraus: Conchita macht Drag und ich bin trans.“ Die vielen Jahre, in denen Fynn sich so unwohl in und mit seinem Körper fühlte und er nicht wusste, warum, haben psychisch an ihm gezehrt. Auch wenn Fynn sich jetzt im Klaren über sich ist und weiß, wer er sein möchte: Es geht ihm nicht gut, er versinkt in einer schweren Depression. Deshalb verbringt er zwei Monate im LKH Rankweil. Dort lernt er Noah kennen, einen trans Mann in seinem Alter. Vor ihm outet sich Fynn zum ersten Mal.

„Meine Schwester hat sich gefreut, weil sie immer schon einen älteren Bruder wollte.“

Fynn, Schüler der SOB (Schule für Sozialbetreuungsberufe)

„Häs ikofa go“

Danach sagt er es seiner Kernfamilie. Deren Reaktionen: „Meine Schwes­ter hat sich gefreut, weil sie immer schon einen älteren Bruder wollte“, erzählt Fynn. Seine Mutter nimmt die Nachricht ebenfalls gut auf. „Als ich zu ihr sagte: ‚Ich bin der Fynn, ich bin ein Bub‘, entgegnete sie: ‚Wir schaffen das‘.“ Der Papa reagiert pragmatisch und sagt: „Jo, denn müasr mr jetzt Häs ikofa go!“ Auch seine Großfamilie wie Großeltern, Tanten und Cousinen unterstützt Fynn auf seinem neuen Weg.

Dieser ist lang und manchmal steinig. Fynn beginnt mit der sozialen Anpassung. „Als ich nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie in eine neue Schule ging, habe ich mich als Fynn vorgestellt“, erzählt er. Seine Klassenkolleginnen und -kollegen zeigen Verständnis, andere Schülerinnen und Schüler reagieren weniger verständnisvoll und einfühlsam. Fynn muss sich in den Pausen oft erklären, was nicht nur mühsam, sondern auch belastend ist.

Hier ist Fynn mit einem „Binder“ zu sehen. Ein Binder bindet die Brust ab. <s><span class="copyright">Stiplovsek </span></s>
Hier ist Fynn mit einem „Binder“ zu sehen. Ein Binder bindet die Brust ab. Stiplovsek 

Am einfachsten machbar

Der junge Mann ändert seinen Namen gleich auch auf der BH. „Die Namensänderung ist am einfachsten machbar in dem Prozess, und sie war mir sehr wichtig. Der Name ist das Erste, was dein Gegenüber von dir erfährt.“ Gleichzeitig arbeitet Fynn daran, dass die medizinische Angleichung beginnen kann. Dafür braucht er mehrere Gutachten und Stellungnahmen von Psychotherapeuten sowie Psychiatern, und er muss viele Untersuchungen durchführen lassen, beispielsweise eine Mammografie oder eine Knochendichtemessung.

Als das alles abgeschlossen ist, kann der Jugendliche mit der Hormonbehandlung starten. An welchem Tag sie begann, weiß Fynn genau: „Am 3. Februar 2016, kurz nach meinem 18. Geburtstag.“ Die Behandlung mit männlichen Hormonen ist wie eine erneute Pubertät. Doch dem nicht genug: Gleichzeitig ist sie wie eine Menopause, da die Östrogenproduktion gestoppt wird. „Ich hatte Hitzewallungen und dachte mir manchmal, ob das das Richtige ist. Es war aber auch cool, weil ich wusste, dass ich keine Menstruation mehr bekomme.“ Nach sechs Wochen Hormonbehandlung kommt Fynn in den Stimmbruch, „ich habe sehr ‚rumgequietscht‘“. Danach wird seine Stimme tief. Das ist sie auch heute noch, und so wird sie bleiben. Mit den Hormonen beginnt zudem der Bartwuchs.
2018 schließlich steht die Mastektomie, die Entfernung der Brüste, an. Sie wird in Linz durchgeführt. Für viele trans* Männer ist das ein sehr großer Schritt, der starke Emotionen hervorruft. Freudentränen, zum Beispiel. Fynn allerdings hat, nachdem er aus der Narkose erwacht, starke Schmerzen. Dennoch: „Ich war glücklich.“ Für ihn war das die wichtigste Operation im Prozess des Sich-Selbstfindens.

Fynn ist beim Interview mit der NEUE am Sonntag freundlich, zuvorkommend, er scherzt des Öfteren und erzählt offen von sich. Dass er einst als Mädchen gelesen wurde, kann man sich nicht vorstellen. Er sieht aus wie ein Mann und redet wie ein solcher. Er ist ein Mann. Was er durchmachen und erleben musste, bis es so weit war, kann jemand, der das nicht selbst erlebt hat, nur in Ansätzen erahnen.

Engagement

Damit es andere trans* Menschen auf ihrem Weg etwas einfacher haben, engagiert sich Fynn beim Verein GoWest, der sich für die Rechte von LGBTIQ einsetzt. Der Schüler der SOB (Schule für Sozialbetreuungsberufe) berät Betroffene und Angehörige oder er begleitet junge trans* Menschen in „s’freiräumle“, einem wöchentlichen Treffpunkt für trans* und inter* Menschen. Zudem setzt er sich für eine bessere Sichtbarkeit von trans* Personen ein.
Das Engagement von Fynn ist bitter nötig, denn er wurde so manches Mal diskriminiert. „Zum Glück nicht so oft wie andere, aber schon oft genug“, sagt er. Er wurde absichtlich mit seinem Mädchennamen angesprochen, es wurden ihm Schläge und eine korrigierende Vergewaltigung angedroht. Diskriminierend und grenzüberschreitend ist aber auch, wenn er gefragt wird „Was hast du in der Hose?“ oder „Wie hast du Sex?“. Solche Fragen stellt man nicht, niemandem.
Dass manche Menschen nicht wissen, wie sie mit trans* Menschen umgehen sollen, versteht Fynn: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ Man habe Angst vor Neuem und traue sich nicht, in Kontakt zu treten. „Deshalb ist es wichtig, dass man sich informiert. Sei es über das Internet oder indem man einen trans* Menschen anspricht und ihn oder sie fragt.“ In vielem sind trans* Menschen genauso wie cis Menschen auch. Sie wollen ebenfalls: „Nur leben und glücklich sein“, sagt Fynn.

LGBTIQ-Begriffe

Cis: Mit dem Adjektiv cis wird ausgedrückt, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, dem es bei der Geburt aufgrund der Genitalien zugewiesen wurde.

Divers: juristischer Geschlechtseintrag, den vor allem intergeschlechtliche und nichtbinäre Personen benutzen. Es handelt sich dabei nicht um ein eigenes Geschlecht, sondern um einen Schirmbegriff für viele verschiedene Geschlechter.

Inter: Inter* Menschen sind Personen, deren körperliches Geschlecht (beispielsweise die Genitalien oder die Chromosomen) nicht der medizinischen Norm von männlichen oder weiblichen Körpern zugeordnet werden kann, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegt.

LGBTIQ: Eine englische Abkürzung (im Deutschen LSBTIQ). Sie seht für lesbisch, schwul (gay), bisexuell, trans/transgeschlechtlich, inter/intersexuell und/oder queer

Trans: Trans ist ein Überbegriff für transsexuelle, transidente und transgender Menschen und alle Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden.

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