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„Herr Mündle, haben Sie einen Freund ?“

27.08.2022 • 17:25 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Ronald Mündle mit seinen Rollerblades vor der Mittelschule Rankweil. <span class="copyright">hartinger</span>
Ronald Mündle mit seinen Rollerblades vor der Mittelschule Rankweil. hartinger

Outing im privaten Umfeld war für Ronald Mündle kein Problem. An seinem Arbeitsplatz, der Schule, wartete er damit erst einmal ab. Dabei wollten Schüler unbedingt alles wissen.

Schüler sind ab einem gewissen Alter neugierig und stellen ihren Lehrpersonen auch persönliche Fragen: „Sind Sie verheiratet?“, „Haben Sie Kinder?“ oder „Wer war die Frau, mit der ich Sie letzthin im Möbelgeschäft gesehen habe?“ Während sich heterosexuelle Lehrer über diese alltäglichen Fragen kaum Gedanken machen müssen, können sie für homosexuelle Lehrende unangenehm sein – vor allem dann, wenn sie in der Schule nicht geoutet sind. Was ziemlich oft der Fall sein dürfte, wie eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte zeigt: 60 Prozent der Lehrer und Verwaltungsangestellten verschweigen ihre Identität, 35 Prozent sind bei einzelnen Kollegen geoutet, fünf Prozent gehen offen damit um. Zu Letzteren zählt Ronald Mündle aus Dornbirn, Lehrer an der Mittelschule Rankweil.

Das Interview mit Ronald Mündle findet in der Redaktion der NEUE am Sonntag statt. Beim Eintreffen hält er Rollerblades in den Händen. „Ich fahre oft mit ihnen, auch in der Schule“, sagt er und schmunzelt. Wie sich im Laufe des Interviews zeigen wird, lächelt und grinst der junge Mann mit dem blond gefärbten Haarschopf oft und gerne. Seinen Erzählungen nach ist zu schließen, dass er auch in der Schule humorvoll und locker ist. Wichtig ist ihm ein offener, persönlicher Umgang mit seinen Schülern. Sehr wichtig ist ihm zudem: „Ich bin so, wie ich bin. Ich mache mir auch kaum Gedanken darüber, was andere Menschen über mich denken. Entweder es passt, wie ich bin, oder sie sollen einen Bogen um mich schlagen.“

Im Interview erzählt Ronald Mündle über sein Coming Out als Lehrer. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Interview erzählt Ronald Mündle über sein Coming Out als Lehrer. Hartinger

Offenes Umfeld

Der heute 30-Jährige bemerkte in der Pubertät, dass er homosexuell ist. Er sei jedoch ein Spätzünder gewesen und hatte erst mit 19 Jahren sein Coming Out und seinen ersten Freund. Ronald Mündle ist ein Familienmensch, weswegen es für ihn unvorstellbar war, seinen Freund vor der Familie zu verstecken. Dass seine Eltern nichts gegen homosexuelle Menschen hatten, wusste er bereits und tatsächlich war das Outing bei seiner Familie kein Problem, ebenso wenig bei Verwandten und Freunden. „Wenn du solch ein offenes Umfeld hast, ist das Outing nicht schwierig“, sagt Ronald Mündle.

Seit sechs Jahren arbeitet er als Lehrer, immer an der Mittelschule Rankweil. Dort outete er sich zuerst vor den anderen Lehrpersonen. Denn: „Man sitzt in der Mittagspause zusammen, redet miteinander und erzählt sich auch aus dem Privatleben. Wenn man aber, so wie ich es tat, ein wichtiges Detail zurückhält, kann man eigentlich nicht mitreden.“ Schließlich beschloss Ronald Mündle, das Verschweigen zu beenden und ließ in den Gesprächen einfließen, dass er homosexuell ist und einen Freund hatte. „Alle haben das sehr gut aufgenommen, es war überhaupt kein Thema“, berichtet er.

Den Schülern sagten die Lehrpersonen nichts, und so waren diese nach wie vor neugierig, wie denn der Beziehungsstatus von „Herrn Mündle“ sei. Er log nie, wenn sie ihre Fragen stellten. Wahrheitsgemäß antwortete er auf „Haben Sie eine Freundin?“ mit „Nein“. Nur verschwieg er etwas Entscheidendes. Es kamen sogar Fragen wie „Sind Sie schwul, Herr Mündle? Wenn es so wäre, hätten wir kein Problem damit.“ Auch diese Fragen umschiffte der Mathematik- und Musiklehrer, ohne zu lügen, dafür würzte er seine Antworten mit einer Prise Humor. „Ich mache generell oft Scherze mit den Schülern und fand es manchmal lustig, sie zappeln zu lassen“, erzählt er.

Neugierde wuchs

Doch, wie es halt so ist: Je weniger man erfährt, desto stärker ist die Neugierde. Die Schüler googelten den Lehrer und versuchten, über Beiträge in sozialen Medien herauszubekommen, wie sein Beziehungsstatus sei. Um das zu beenden und weil eine Cousine von ihm in die Mittelschule ging, die auch schon mit Fragen bombardiert wurde, schenkte Ronald Mündle schließlich reinen Wein ein. Zu dem Zeitpunkt – das war vor drei Jahren – war er Klassenvorstand einer dritten Klasse. Er wusste: „Wenn ich es den Schülern sage, ist es eine Zeit lang ein großes Thema, danach wird wieder Ruhe einkehren.“ Deshalb beschloss er, sich am letzten Schultag zu outen. Er sprach zu seiner Klasse: „Es gehen Gerüchte um, dass ich homosexuell bin und einen Freund habe. Das stimmt. Und jetzt wünsche ich euch schöne Sommerferien.“ Natürlich kamen sogleich Reaktionen. „Sie haben sich gefreut, vor allem die Mädchen.“

Ronald Mündle ist gerne und oft mit Rollerblades unterwegs. <span class="copyright">Hartinger</span>
Ronald Mündle ist gerne und oft mit Rollerblades unterwegs. Hartinger

Im neuen Schuljahr dann, als sich die Nachricht verfestigt hatte, war die Homosexualität von Ronald Mündle tatsächlich kaum mehr Thema bei den Schülern. Rückblickend sagt er: „Meine Klasse ist richtig gut mit meinem Outing umgegangen. Im Lehrer-Schüler-Verhältnis hat sich nichts zum Schlechten verändert. Im Gegenteil: Ich konnte danach noch lockerer mit ihnen reden.“
Jedoch: Ein Schüler reagierte negativ auf das Outing. Er habe immer wieder überflüssige, kränkende Kommentare abgegeben. Das ging so weit, dass andere Schüler ihn deswegen zurechtwiesen: „He, was hast du für ein Problem? Jeder ist so wie er ist“, sagten sie zu ihm. Schlussendlich bekam der Vater des Schülers Wind vom Verhalten seines Sohnes, und der Bub entschuldigte sich bei Ronald Mündle. „An der Schule sind 240 Schüler und das war ein einziger Fall. In diesem Verhältnis gesehen, ist das nicht relevant“, sagt der Junglehrer.

Andere Kulturkreise

Was es jedoch auch gab: Schüler, die in anderen Kulturkreisen aufgewachsen sind, konnten mit dem Thema nicht so gut umgehen. In ihren Ursprungsländern würden homosexuelle Menschen auf der Straße geschlagen, erzählten sie und waren erstaunt, wie offen die Bevölkerung hier auf das Thema Homosexualität reagiert. Sie stellten viele Fragen wie: „Was hat Ihr Papa dazu gesagt?“ Ronald Mündle darauf: „Meinem Papa ist nur wichtig, dass ich glücklich bin und er sieht, dass ich das bin.“ Sie fragten: „Warum sind Sie nicht einfach normal?“ Der Lehrer erklärte: „Homosexualität ist normal. Ich bin so auf die Welt gekommen.“ Diese Schüler hätten ihn nicht kritisiert oder negativ auf ihn reagiert, sie seien aus Unwissenheit interessiert gewesen, berichtet der 30-jährige Mann.

Sein Outing hat bewirkt, dass die Schüler bewusster mit bestimmten Worten umgehen. „Schwul“ etwa wird nicht mehr als abwertender Begriff für eine andere Person verwendet. Ronald Mündle, auch Musiklehrer, erzählt ein weiteres Beispiel: Wenn die Schüler im Musikunterricht die Trommeln nehmen, herrsche zuerst einige Minute Unruhe und Krawall, weil alle für sich selbst auf die Instrumente schlagen. An einem Tag wurde es einem Schüler, der bereits ruhig da saß und wartete, bis der allgemeine Tumult nachlässt, zu bunt. Er rief: „Jetzt reicht es! Der Letzte, der auf die Trommel schlägt, ist eine Schwuchtel!“ Sofort wurde es mucksmäuschenstill in der Klasse. Und Ronald Mündle schlug auf die Trommel. „Der Schüler hat mich daraufhin mit großen Augen angeschaut. Es war ihm sehr unangenehm.“

„Weil ich locker und humorvoll mit meiner Homosexualität umgehe, ist sie an der Schule kein großes Thema mehr.“

Ronald Mündle, Lehrer an der Mittelschule Rankweil

Er nehme solche Ereignisse mit Humor, sagt der Lehrer und ist sich gewiss: „Dadurch, dass ich so locker und humorvoll mit meiner Homosexualität umgehe, ist sie kein großes Thema mehr an der Schule.“ Für ihn war die Entscheidung, sich dort zu outen, jedenfalls goldrichtig. Im Hinblick auf andere homosexuelle Lehrer, die ihr Coming Out an der Schule noch nicht hatten, sagt er: „Jeder muss es für sich selbst entscheiden. Ich habe grundsätzlich nur positive Erfahrungen damit gemacht.“

Positives

Generell ist Ronald Mündle überzeugt: „Auch wenn es Geschichten darüber gibt, dass homosexuelle Menschen Negatives beim Outing erlebt haben: Es geht nicht allen so. Dafür bin ich das beste Beispiel. Es ist wichtig, auch solche Erlebnisse zu erzählen. Das hilft jungen Menschen, die vor einem Coming Out stehen.“

Der Verein GoWest in Bregenz berät und unterstützt homosexuelle Menschen. Infos: www.gowest.jimdo.com

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