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interview

Ein wohlüberlegter Aufstieg zum Gipfel

Der Gipfeltag ist der Wahltag, sagt Matthias Strolz. Mit der NEOS will er bei den Nationalratswahlen siegen. Die heutige Wanderetappe sieht den Gründungskonvent vor.

Sie wollen bei den Nationalratswahlen 2013 mit der Partei „NEOS – Das Neue Österreich“ antreten. Wie sieht der Fahrplan aus?

Matthias Strolz: Wir werden am heutigen Samstag den Gründungskonvent in Wien abhalten. Damit steigen wir offiziell in das politische Geschehen ein. Wir bereiten uns seit elf Monaten vor. Wir haben zum einen unsere Programmpunkte erarbeitet. Das 30-seitige Papier wird heute bei der Veranstaltung präsentiert. Zudem werden wir den Vorstand wählen und Proponenten vorstellen. Von Jänner bis April gibt es in ganz Österreich Veranstaltungen. Unser Programm erhält dann den Feinschliff. Wichtig ist, dass die Bürger miteingebunden werden – bei Veranstaltungen direkt vor Ort und auch via Internet.

Wie genau kann der Bürger teilhaben?

Strolz: Er kann beispielsweise bei der Listenerstellung mitwirken – offene Vorwahlen. Alle interessierten Bürger können mitbestimmen, wen sie ganz vorne sehen wollen. Das ist eine unserer Antworten auf die Politikverdrossenheit. Ein Drittel der Entscheidungsmacht beim Bürger, ein Drittel Vorstand, ein Drittel Mitglieder. Dann zählen wir zusammen. So entsteht unsere Kandidaten-lis­te. Das hat es in Österreich noch nie gegeben, denn bisher wurden Listen eher in Hinterzimmern erstellt.

Haben Sie auch Unterstützer in Vorarlberg?

Strolz: Wir hatten bisher zwei Informationsabende, an denen jeweils rund 30 Leute teilgenommen haben. Es gibt sogar Vorarlberger, die bis nach Wien fahren, um mit anzupacken. Auch heute beim Gründunskonvent. Es ist wichtig, dass wir in den Bundesländern Gruppen aufbauen. Wir sind eine Bewegung, die aus der Mitte des Volkes kommt.

Was hat Sie veranlasst, sich politisch zu engagieren und sogar eine Partei zu gründen?

Strolz: Meine Mitstreiter und ich halten es auf den Zuschauerbänken nicht mehr aus. Es gibt eine Sache, die uns verbindet: Wir wissen nicht mehr, wen wir wählen sollten. Es ist entsetzlich, was an Korruption hervoreitert. Nicht zur Wahl gehen ist keine Alternative. Österreich ist Europameister in Sachen Parteifinanzierung. Die SPÖ finanziert sich teils durch ein dubioses Firmengeflecht in Wien. Woher die ÖVP vor einigen Monaten die Mittel nahm, um circa sechs Millionen Euro Schulden zu tilgen, ganz kurz bevor die neuen Transparenzregeln in Kraft traten, bleibt ebenfalls ein fragwürdiges Geheimnis. So geht das nicht. Uns reicht es.

Wie viele Mitstreiter haben Sie denn?

Strolz: Wir sind nun bei über 350 Mistreiterinnen und Mitstreiter aus ganz Öster­reich. Das ist mehr als erwartet und geplant. Bis Frühsommer 2013 wollen wir den NEOS-„Freundeskreis“ auf 1200 bis 1500 Leute aufstocken. In Vorarlberg gibt es aktuell etwa 20 Aktive. Auch Leute mit klingenden Namen. Nicht Leute, die unbedingt etwas bleiben oder werden wollen. Wir haben da einen anderen Arbeitsmodus als Stronach.

Warum treten Sie nicht gemeinsam mit Frank Stronach an?

Strolz: Zum einen, weil wir im Bezug auf Europa eine völlig andere Haltung haben. Wir sind klar für Europa. Aber es braucht auch in Brüssel viele Veränderungen – es soll eine neue Verfassung erarbeitet werden, auch ein Vorschlag zur Neuordnung der Institutionen. Wir sollten das EU-Parlament stärken. Dann müssen die Völker EU-weit gefragt werden: Seid ihr dabei oder nicht? Eine halbherzige Mitgliedschaft, wie sie etwa Großbritannien praktiziert, das geht nicht. Und es braucht beispielsweise ein Insolvenzrecht für die Mitgliedsländer und für Banken. Insolvenzen sind in der Geschichte hundertfach passiert. Die Isländer etwa waren nicht bereit, den Banken einfach die Milliardenschulden abzunehmen. Und sie sind gut damit gefahren. Das Land hat sich gut erholt. Wir müssen das Sterben wieder einführen, auch für Großbanken. Sie sollen die Verantwortung übernehmen für ihre Spekulationen.

Die Zusammenarbeit mit Stronach ist nur an der unterschiedlichen Auffassung in Sachen Europa gescheitert?

Strolz: Nein. Ich glaube auch, dass man den Bürger mehr einbinden muss. Ich halte Stronach für nur bedingt teamfähig. Durch seine finanziellen Möglichkeiten hat er großes Potenzial. Aber es werden nicht nur Geld, Proteststimmen oder die Unterstützung der Kronenzeitung sein, die langfristig zum Erfolg führen. Was ist aus Hans-Peter Martin geworden? Was sind die Piraten geblieben? Ich ziehe meinen Hut vor Stronachs Engagement. Wir sind Mitstreiter im Geiste. Inhaltlich und atmosphärisch passen wir aber nicht zusammen. Das ist aus einem Gespräch, das wir zu Jahresbeginn geführt haben, ganz klar hervorgegangen.

Zumindest finanziell wäre eine Zusammenarbeit sicher von Vorteil gewesen?

Strolz: Sicher würde uns Geld gut tun. Aber der einfachste Weg ist nicht immer der beste. Wir haben bereits über 70.000 Euro im eigenen Umfeld gesammelt, viel ehrenamtlich gearbeitet. Wir haben Rechtsanwälte, Webdesigner und andere Profis in unseren Reihen – jeder kann etwas und bringt sich ein. Ich gebe meinen Beruf als Geschäftsführer auf. Auch um den Druck von unserer Firma zu nehmen. Ich bin auch bereit, einen Kredit aufzunehmen, um meine Zeit einbringen zu können.

Durch die Existenz des Team Stronach wird der Kampf um Wählerstimmen noch härter.

Strolz: Ich denke aber nicht, dass das Team Stronach uns allzu viele Stimmen wegnimmt. Ich sehe seine Bemühungen eher positiv. Durch sein politisches Engagement bewegt er die Menschen zum Denken. Die Wähler können sich etwas anderes vorstellen als ÖVP, SPÖ, FPÖ oder Grün zu wählen. Das rot-schwarze Machtkartell zerfällt. Die Österreicher wollen das auch nicht mehr. Betrachtet man die Wahlergebnisse seit 1975, als SPÖ und ÖVP zusammen 93 Prozent hatten, sieht man, dass die beiden Parteien kontinuierlich an Zuspruch verlieren. Für mich ist völlig klar, dass ÖVP und SPÖ ihre Mehrheit verlieren. Und das hat es nach 1945 noch nie gegeben.

Wie wird denn die Nationalratswahl Ihrer Meinung nach ausgehen?

Strolz: Die ÖVP wird unter 20 Prozent fallen. Die Führenden haben nicht die Entschlossenheit, sich aus eigenem Antrieb zu erneuern. Sie brauchen eine Nachhilfestunde durch die Bürger. Durch die Bünde wird der Zerfallsprozess schneller beginnen als bei der SPÖ. Der Volkspartei droht die Zersetzung von innen. Das ist in Tirol schon sichtbar, wo es inzwischen fünf schwarze Listen gibt. Der SPÖ droht einige Jahre später ein ähnliches Schicksal. Beide leben zu sehr in der Vergangenheit, ihnen sterben die Wähler weg. Österreichs Politlandschaft wird sich neu definieren.

Wagen Sie einen Tipp?

Strolz: ÖVP 19 Prozent, SPÖ 24 Prozent, FPÖ 20 Prozent, Grüne 13 Prozent, Stronach 12 Prozent und NEOS zehn Prozent. Den Rest werden Kleinparteien wie BZÖ, Piraten und Kommunisten unter sich ausmachen. Die Frage ist dann, welche Mehrheiten sich ergeben. Es stehen instabile Zeiten ins Haus. Neue Kräfte werden noch nicht so weit sein, dass sie die Republik schultern könnten. NEOS will eine Scharnierpartei sein, die kons­truktive Mehrheiten sichern, aber auch einen Bundeskanzler Strache verhindern kann. Wir haben ja gesehen, was FPÖ und BZÖ in der Regierung veranstaltet haben. Das wünscht sich niemand ein zweites Mal. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir eine Art Vorbote für den Wandel sind. In zehn Jahren allerdings werden vielleicht auch wir alt aussehen.

Was macht Sie so sicher, dass Sie den Sprung in den Nationalrat schaffen werden?

Strolz: Es braucht frische Köpfe. Menschen mit Lebenserfahrung. Bürger, die Engagement und Hausverstand ins Parlament einbringen. Nicht solche, die von Landeshauptleuten, Gewerkschaftern oder Bünden gegängelt werden. Wir wollen zehn Prozent erreichen und glauben fest daran, dass es aufgrund der besonderen Zeit auch möglich ist. Wir arbeiten mit großer Akribie, Leidenschaft und Ausdauer. Ich sehe es wie den Aufstieg zu einem Gipfel. Der Gipfeltag ist der Wahltag. Da brauchen wir den Hype. Keinen Tag früher.

Sonja Schlingensiepen

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