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„Europa braucht eine neue Flüchtlingspolitik“

Das deutsche Pflegeneuausrichtungsgesetz muss dringend geändert werden, sagt Clemens Graf Waldburg-Zeil, Vorsitzender des ­Deutschen Roten Kreuzes.

Was macht eigentlich das Deutsche Rote Kreuz (DRK) einzigartig, im Vergleich zum Beispiel zu anderen Hilfsdiensten?

Clemens Graf Waldburg-Zeil: Wir sind nicht auf Deutschland beschränkt, sondern eine internationale Bewegung, die in fast jedem Land dieser Erde zu Hause ist. Dieses Netzwerk ist einmalig. Wenn irgendwo auf der Welt eine Katastrophe ist und sich Menschen in Not befinden, dann haben wir automatisch einen Ansprechpartner vor Ort und können sofort helfen. Wir treffen uns regelmäßig, um über die Fortentwicklung des humanitären Völkerrechts zu verhandeln, um ihm weltweit Gültigkeit zu verschaffen. Das unterscheidet uns.

Wenn Sie sich weltweit abstimmen, geht es dann auch um jeweils aktuelle Fragen wie die syrischen Flüchtlinge?

Waldburg-Zeil: Natürlich, und es geht darum, wie wir in der furchtbaren Flüchtlingssituation helfen können in Syrien und den Nachbarländern.

Was sind für Sie die Lehren der Katastrophe von Lampedusa? Braucht Deutschland eine neue Flüchtlingspolitik?

Waldburg-Zeil: Nicht speziell Deutschland, Europa braucht eine neue Flüchtlingspolitik. Wir haben die schreckliche Situation in Syrien, wir haben diese furchtbaren Ereignisse in Lampedusa, wodurch einzelne Mitgliedsländer der EU einem unglaublichen Druck ausgesetzt sind. Den Flüchtlingen wird keine legale Möglichkeit geboten, in Europa Asyl anzufragen. Das führt zu unvertretbaren Entwicklungen.

Das heißt, schlechte Politik bedeutet für Sie mehr Arbeit?

Waldburg-Zeil: Das Rote Kreuz arbeitet immer dort, wo Hilfe nötig ist, und versucht, die Anliegen der Schwächsten gegenüber der Politik zu vertreten. Natürlich wäre es gut, wenn die Politik einen neuen Asylansatz finden würde. Wir brauchen endlich Einvernehmen über ein europaweites Vorgehen über die Zugänge und wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt. Die Flüchtlinge sollten gleichmäßig und gerecht auf die einzelnen EU-Länder aufgeteilt werden.

Das Rote Kreuz wurde gegründet, weil Henry Dunant bei der Schlacht in Solferino war. Die Organisation hilft seit 150 Jahren auch bei kriegerischen Konflikten. Auch bei der Vermeidung?

Waldburg-Zeil: Das Rote Kreuz schaut zunächst einmal nicht, wie der Konflikt entstanden ist, wir sind für die Menschen da, die Schaden erleiden. Wir schauen auf die, die unserer Hilfe bedürfen.

Und sind Sie dadurch nicht Partei?

Waldburg-Zeil: Genau. Aber auch in der Vorsorge für die Auswirkungen von Naturkatastrophen weltweit haben wir wesentliche Erfolge erzielt. In Indien hat zum Beispiel gerade einer der stärksten Orkane seit Jahren gewütet. Weil die Rahmenbedingungen dort stimmen, weil die Bevölkerung vorbereitet war, weil das Indische Rote Kreuz Vorsorge für die Bevölkerung getroffen hatte und weil Indien ein Katastrophenschutzgesetz hat, gab es so wenig Tote wie noch nie zuvor. Hier haben wir durch unsere Beratungen und unsere Entwicklungshilfe Leben gerettet und Verletzungen verhindert. Für eine solche Art der Vorsorge und für unsere Katastrophenhilfen sind wir jedoch ständig massiv auf Spenden der deutschen Bevölkerung angewiesen, um helfen zu können.

Zurück nach Deutschland. Haben Sie denn Nachwuchs-Probleme? Braucht man für anstehende Aufgaben einer alternden Gesellschaft noch viel mehr Pflegekräfte?

Waldburg-Zeil: Wir haben ein ungebrochen großes Engagement von Ehrenamtlichen, die freiwillig ihre Arbeit einbringen. Neben Jugendlichen in den Freiwilligendiensten haben wir immer mehr über 65-Jährige, die so fit sind, dass sie sich engagieren wollen. Große Sorgen aber macht uns der professionelle Bereich. Der Pflegebereich ist eine Kernherausforderung für die nächsten 30 Jahre. Hier haben wir Rahmenbedingungen, die es uns schwer machen, neue Mitarbeiter zu werben.

Weil die Löhne zu schlecht sind?

Waldburg-Zeil: Ja, das ist ein wesentlicher Punkt. Menschen für diesen Beruf zu interessieren, der körperlich anstrengend ist, viel menschliche Zuwendung erfordert und mit dem sich gerade mal das Nötigste zum Leben verdienen lässt, ist sehr schwer. Wir müssen den Beruf finanziell interessanter machen. Aber wir stoßen an unsere Grenzen wegen der schlechten Refinanzierungsmöglichkeiten. Wir haben bei unseren Pflegeeinrichtungen bis zu 80 Prozent Personalkostenanteil, jedes neue Gesetz wirkt sich da sofort aus. Ganz akutes Problem: Die Bundesregierung hat ein Pflegeneuausrichtungsgesetz verabschiedet, das neben den pauschalen Abrechnungen auch Zeitvergütungen zulässt. Das hört sich gut an, in der Umsetzung mit den Kassen aber funktioniert das nicht, die drücken die Preise. Das schlägt voll durch auf unsere Mitarbeiter. Wir werden mit der künftigen Bundesregierung sprechen, dass diese Zeitvergütung gestrichen werden muss.

Was wünschen Sie sich für das DRK zum Geburtstag?

Waldburg-Zeil: Dass die Menschen in Deutschland die Arbeit des Roten Kreuzes mit offenem Herzen unterstützen. Weil es eine gute Arbeit ist für Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.

Interview: Sabine Lennartz

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