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Der Millionen-Vernichter

Jürgen Netzer hat 3,5 Millionen Schweizer Franken im Casino gewonnen und alles wieder verzockt – jetzt verklagt er die Spielbank.

Es ist eine der schönsten und zugleich höchsten Brücken Vorarlbergs, von der sich sein Cousin in den Tod stürzt. Spätestens da hätte Jürgen Netzer gewarnt sein müssen, welche Tragödien sich im Sog des Glücksspiels ereignen können. Doch Netzer war nicht gewarnt. „Ich war einfach nur süchtig“, sagt der heute 38 Jahre alte Mann und nimmt einen Schluck von seinem Milchkaffee. Er sieht abwechselnd auf die Monitore seiner beiden Handys und versucht seine Nervosität immer wieder mit Zigaretten zu bekämpfen. „Es ist ein unheimlicher Druck“, sagt Netzer und konzentriert sich, um seine Geschichte so zu erzählen, wie sie in seiner Erinnerung wirklich war.

In kurzer Zeit zerronnen

Die gelben Ränder an seinen Fingern zeugen von einer Existenz als Suchtmensch: „30 Zigaretten“, sagt Jürgen Netzer, „das kommt leicht zusammen an einem Tag.“ Aber die Nikotinabhängigkeit ist das kleinste seiner Probleme. Er reibt sich ein wenig verlegen die Hände. Jene Hände, durch die so unvorstellbar viel Geld geflossen ist. Zerronnen in so kurzer Zeit. Solche Unmengen, wie sie die meisten Menschen in einem gesamten Arbeitsleben gar nicht verdienen können: umgerechnet fast drei Millionen Euro. Er hätte sich zur Ruhe setzen und irgendwo auf einer Insel leben können mit seinen damals 30 Jahren. Mit seiner Frau, seinen drei Kindern. Jürgen Netzer schüttelt den Kopf und das Lächeln auf seinen Lippen hat einen bitteren Anstrich. Hätte er das ganze Geld nur für zwei Prozent Zinsen angelegt, er hätte monatlich fast 5000 Euro haben können, ohne die Millionen überhaupt je anrühren zu müssen.

Hat er aber nicht. Heute leben er und seine Familie von Leistungen, die der österreichische Sozialstaat gewährt. Für den Fall, den Jürgen Netzer hinter sich hat, ist das Wort „tief“ um ein Vielfaches zu schwach. Und ob da jetzt bald ein Boden erreicht ist, entscheidet das Landgericht Feldkirch am 15. Jänner. Dann nämlich werden die Juristen urteilen, ob das Casino im Schweizer St. Gallen eine Mitverantwortung am rasanten Verlust jener Summen trifft, die Netzer zuvor an einem Spielautomaten in eben diesem Casino gewonnen hatte. Ob sich die „Fürsorgepflicht“ einer Spielbank auf das Verteilen von Informationsbroschüren zum Thema Spielsucht beschränken darf, oder ob es neben einer moralischen auch eine faktische Pflicht gibt, jemanden, der offenbar alle Kontrolle verloren hat, vor sich selbst zu schützen.

Spieler-Karriere

Die Spieler-Karriere des Jürgen Netzer beginnt irgendwann in seiner Jugend in Vorarlberg. „Mit Jassen hat es angefangen“, erinnert sich der nicht unsympathisch wirkende Mann. Nach seinem 18. Geburtstag betritt Netzer Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal ein Casino. Und wie das bei vielen Erst-Spielern der Fall ist, gewinnt er auf Anhieb beim Roulette und macht aus damals 1000 Schillingen schnell das Doppelte. Doch anders als normale Menschen zieht der junge Mann die falschen Schlüsse daraus: „Ich hab’ damals gesagt, das ist ja viel leichter als richtige Arbeit.“ Der Autospengler-Lehrling geht von da an immer öfter in die Spielbank. Die Einsätze werden größer, er findet in seinem Cousin einen Bruder im Geiste und die beiden spielen gemeinsam. Sie wetten auf einzelne Zahlen, gewinnen und verlieren wieder. Halten sich aber insgesamt in der Anfangsphase noch recht gut.

Dann geht Netzer immer höhere Risiken ein, nimmt einen Kredit von 100.000 Schillingen auf, was heute etwa 7000 Euro entspricht – und verliert das ganze Geld nach kurzer Zeit. Die legalen Geldquellen sind ausgeschöpft. Da kommt dem Cousin, der bei einer Bank arbeitet und einen Tresorschlüssel hat, die aberwitzige Idee, Gelder des Kreditinstituts übers Wochenende zum Spielen „auszuleihen“. Zweimal geht dieser Wahnsinn gut – die Spielsüchtigen gewinnen und der Cousin legt das Geld am Montagmorgen wieder in den Tresor.

Beim dritten Mal aber passiert es: Das Geld der Bank verdampft an den Roulette-Tischen des Casinos. In seiner Verzweiflung räumt der Cousin den Safe seines Arbeitgebers weitgehend leer und setzt sich in die USA ab. Netzer bekommt Besuch von der Kriminalpolizei, deckt den Cousin, indem er aussagt, von nichts gewusst zu haben – und wird später dafür zu acht Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Kreuzfahrt bringt Glück

Doch den Cousin trifft das weitaus tragischere Schicksal: Auf seiner Odyssee durch Amerika landet er schließlich auf einem Kreuzfahrtschiff in Richtung Dominikanische Republik. Auf dem Dampfer passiert Unglaubliches: Der Cousin setzt sich an den Spieltisch und gewinnt sämtliches veruntreutes Geld wieder zurück – und noch einiges mehr dazu. Die Angst vor dem Gefängnis hindert ihn aber, sich den Behörden in Österreich zu stellen. Ein harmloses Päckchen, das er von der Karibik aus in die alte Heimat schickt, bringt die internationalen Fahnder schließlich auf seine Spur. Die Falle schnappt zu – Netzers Cousin wird gefasst und ausgeliefert. Zurück in Österreich – inzwischen ist der Cousin Kurierfahrer – nimmt er an einem normalen Arbeitstag seine Brotzeit zu sich, trinkt dazu ein Bier und stürzt sich anschließend von einer Brücke.

„So ein Wahnsinn“, sagt Netzer heute, nimmt wieder einen Schluck Kaffee, versucht ein hilfloses Lächeln und erzählt weiter: Die Zeit vergeht und der Spielsüchtige rappelt sich beruflich wieder auf, wird Teilhaber an einer Finanzberatungsgesellschaft. Zwischendurch entdeckt er das Internet als Casino, das 24 Stunden geöffnet hat, wo niemand den Ausweis sehen will, wo keiner Fragen stellt. „Insgesamt habe ich da rund 150.000 Euro verloren“, sagt Netzer. Seine Frau – trotz aller Eskapaden bis heute an seiner Seite – findet die Kreditkartenabrechnung und deckt den neuerlichen Schlamassel auf. Netzer zeigt Einsicht, lässt sich in Österreich und Bayern in den Spielbanken sperren. „Dann kamen drei Jahre, da war ich clean.“

Bis ihn eines Tages ein unglücklicher Zufall auf ein Seminar nach St. Gallen führt. Im Hotel stehen nicht nur Betten, sondern auch Spieltische. Netzer beschließt, das Casino unter dem gleichen Dach zu besuchen. Die Sucht hat ihn wieder. Er finanziert seinen Spielwahn inzwischen mit rund 300.000 Euro Baugeld, das ihm seine Bank bewilligt hat und das er nach und nach abhebt, angeblich, um wieder irgendeinen Handwerker zu bezahlen, oder Baumaterial. „Die Bank hat nie einen Beleg sehen wollen“, sagt Netzer.

Außerordentlich beliebt

Im Casino St. Gallen ist der Vorarlberger außerordentlich beliebt. Er hat seinen eigenen Parkplatz. Essen und schlafen darf er umsonst. Netzer knausert nicht mit Trinkgeld und vor allem tut er das, von dem jedes Casino dieser Welt lebt: Er verliert Geld. Wieder ahnt seine Familie nichts. Und dann passiert im Jahr 2005 das, wovon jeder krankhafte Spieler jeden Tag träumt, was seine Sucht unablässig nährt: Netzer gewinnt im Casino St. Gallen den Automaten-Jackpot. An das Gefühl von damals kann er sich gar nicht mehr so recht erinnern. „Es ist verschwommen“, sagt er heute und bereut, dass er sich nicht ein paar Tage zum Durchatmen gegönnt hat. „Ich hab’ sofort mit Vollgas weitergemacht.“ Keinen Cent in Sicherheit gebracht, planlos konsumiert.

Er kauft sich einen Porsche, den er bar bezahlt. Er lässt sich den Gewinn von der Bank in der Schweiz weitgehend cash auszahlen. „Das war ein laufender Meter in Banknoten, verpackt in Plastikfolie.“ Das Geld legt er auf den Beifahrersitz und fährt damit durch den Zoll über die Grenze nach Hause und zu seiner Hausbank. „Sie haben mich behandelt wie einen König“, erinnert sich Netzer. Das Casino besonders. Viele Freunde sind aufgetaucht, haben den vermeintlichen Glückspilz beglückwünscht – und angepumpt. Netzer zeigt sich freigiebig und verleiht viel Geld. „Da gibt es einen Haufen Leute, die mir heute noch viel schulden.“ Wie viel genau weiß er nicht mehr. Auch nicht, wie viel Trinkgeld er im Casino St. Gallen hat liegen lassen. „Eine halbe Million sicher.“

Jürgen Netzers Leben ist eine Zeit lang ein rauschendes Fest, ein luxuriöses Getümmel. „Wie lange es gedauert hat, bis alles verspielt war, weiß ich nicht genau. Maximal ein Jahr.“ Während Netzer mit seinem Geld – vor allem im Casino St. Gallen – um sich wirft, kommt niemand auf die Idee, den Mann vor sich selber zu schützen. Der Alkohol spielt inzwischen eine wesentliche Rolle in seinem Leben. Netzer jongliert mit Geldern, es gelingt ihm als einer, der allen nur als Millionär bekannt ist, sich wieder neues Geld zu leihen, als die eigenen Euro-Berge längst in den Automatenschlitzen verschwunden sind.

Es kommt zum Zusammenbruch. Depression. Psychiatrisches Krankenhaus. Nicht mehr zu kaschierender Ruin. Verurteilung wegen Veruntreuung – die Haftstrafe von zweieinhalb Jahren schwebt bis heute wie ein Damoklesschwert über Jürgen Netzer, der auf die Revision hofft. Wie genau es dazu kam, die Schweizer Spielbank vor Gericht dafür in Haftung zu nehmen, dass sie zugesehen hat, wie er seinen gesamten Gewinn, und noch Hunderttausende darüber hinaus, in die Automaten gesteckt hat, will Netzer nicht genau sagen. „Es ist ja nicht so, dass ich dem Casino die alleinige Schuld zuschieben will.“ Aber eine Mitverantwortung gebe es doch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um die Tür zu einer gütlichen Einigung zwischen ihm und der Spielbank nicht zuzustoßen, lässt Netzer die Vergangenheit sein. Keine Vorwürfe, keine Unsachlichkeiten. Netzer jammert nicht. Kein Bad im Selbstmitleid.

Chance auf normales Leben

Am 15. Jänner verhandelt das Landesgericht Feldkirch die Schadensersatzklage. Netzer fordert vom Casino 1,6 Millionen Euro. Nicht für sich, wie er beteuert. „Ich will den Gläubigern, die mir vertraut haben, ihr Geld wiedergeben. Das ist alles.“ Noch einmal ein neues Leben beginnen. Mit der Familie. Noch einmal eine Chance auf eine normale Existenz. „Das wünsche ich mir.“ Nur eine Chance mehr, als der Cousin sie hatte.

Erich Nyffenegger

„Ich will den Gläubigern ihr Geld wie­der­geben.“ Jürgen Netzer

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