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Wachsen oder sterben

In Vorarlberg sind wieder zwei Skigebiete miteinander verknüpft worden. Naturschutzgedanken mussten dafür zurücktreten.

Uwe Jauss

Gut zwei Kilometer liegen zwischen mittelgroß und groß. Auf der einen Seite sind die recht überschaubaren Skigebiete von Warth und Schröcken, auf der anderen die ausgedehnten Pisten des Nobelwintersportortes Lech – Abfahrten, auf denen selbst blaublütige Prominenz regelmäßig wedelt, etwa die niederländische Königsfamilie. Wer bisher von mittelgroß nach groß oder umgekehrt wechseln wollte, musste Felle unter die Skier schnallen und Schweiß vergießen. Dies ist mit dem Beginn der gegenwärtigen Wintersportsaison vorbei. Ein paar Minuten reichen jetzt, um die Zwei-Kilometer-Distanz zu überwinden. Das dazugehörige Verkehrsmittel nennt sich Auenfeldjet. Eine Seilbahn, für deren Bau zwölf Millionen Euro ausgegeben wurden und die nun den Wintersportlern einen beschaulichen Transfer zwischen Warth/Schröcken und Lech ermöglicht.

Traum erfüllt

Örtliche Tourismusmanager feiern den Bau der Auenfeldverbindung als Gründung des größten Vorarlberger Skigebiets. „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“, sagt Günter Oberhauser, Geschäftsführer der Skilifte Warth. Es gibt aber durchaus auch Zeitgenossen, die eher an einen Alptraum denken. Dazu gehören mächtige Bergsteigerverbände, etwa der Österreichische Alpenverein. „Eine Ausweitung des Intensivtourismus im Alpenraum ist grundsätzlich abzulehnen“, meint Liliana Dagostin von der Fachabteilung Raumplanung-Naturschutz.

Kein Widerstand

Vor Ort werden die Worte noch heftiger. Mitglieder des regionalen Naturschutzbundes sprechen von Umweltfrevel. Große Probleme sieht Naturschutzanwältin Katharina Lins. Sie leistet zwar keinen grundsätzlichen Widerstand gegen neue Lifte oder Seilbahnen: „Wenn nichts kaputt geht, hält sich mein Einwand in Grenzen.“ Im Fall des Auenfeldjets glaubt sie aber, dass „ein abgeschlossener Naturraum“ vor die Hunde gehen könnte. Damit ist eine Senke gemeint, die zwischen den Skigebieten von Lech und Warth/Schröcken liegt: das Auenfeld, dessen Namen der Jet trägt.

Mit seinen seltenen Gräsern, Feuchtbiotopen und Schwemmterrassen ist die Senke anerkannt ökologisch äußerst wertvoll. Auch die Befürworter der Seilbahnverbindungen stellen dies nicht in Abrede. Sie verweisen auf etwas anderes: „Der Jet führt doch praktisch gar nicht durchs Auenfeld“, sagt Thomas Übelher, Marketingchef der Warther Liftgesellschaft. Darüber lässt sich streiten. Die Seilbahn verläuft auf der Trasse einer alten, inzwischen abgebauten Hochspannungsleitung, die sich wiederum durch eine Bergflanke zieht. Das Zentrum des Auenfelds liegt etwas unterhalb davon. Weitere Teile erstrecken sich nach Norden und sind durch einen 1981 eröffneten Lift wesentlich mehr betroffen als jene Ecke, wo nun der Jet schwebt.

Ein Eingriff in die Natur bleibt die neue Seilbahn aber auf jeden Fall. Dies wird auch bei den Bezirkshauptmannschaften in Bregenz und Bludenz so gesehen. Dennoch haben die Zuständigen im Winter 2012 die naturschutzrechtliche Bewilligung erteilt. Der Grund: Die Vorteile des Projektes für das Gemeinwohl seien größer als die Nachteile für Natur und Landschaft. Ähnlich wurde in Vorarlberg von behördlicher Seite in den vergangenen Jahren bei zwei anderen Skigebietsverbindungen argumentiert: Den Anfang machten 2009 Mellau und Damüls. Dort wurden nicht nur Lifte gebaut, sondern Pisten in Berghänge gefräst. Sogar ein Skitunnel entstand. Im Montafon ging Ende 2011 eine Seilbahn in Betrieb, die das Skigebiet der Silvretta Nova mit den Pisten des Hochjochs verband. „Seitdem herrscht bei uns eine touristische Aufbruchstimmung. Hotels und Privatvermieter bauen die Übernachtungsmöglichkeiten aus. Die Verbindung hat uns eine neue Perspektive gegeben“, freut sich Ewald Tschanhenz, Bürgermeister der direkt betroffenen Gemeinde St. Gallenkirch.

Elisabeth Wicke, seine Amtskollegin in Mellau, berichtet Ähnliches. In den Jahren vor der Verbindung mit Damüls seien immer weniger Wintersportler in den Ort gekommen. Seit dem Zusammenschluss beider Skigebiete steigen die Übernachtungszahlen wieder an.
„Zusammenschlüsse sind unabdingbar, um im Konzert der großen Skidestinationen mitspielen zu können“, meint Herbert Motter, Sprecher der Wirtschaftskammer Vorarlberg. Also wachsen oder untergehen? Letztlich sei es so, sagt Motter. Er verweist darauf, dass viele Ortschaften zudem keine Alternativen für das Fremdenverkehrsgeschäft hätten: „Warth zum Beispiel lebt zu fast hundert Prozent vom Tourismus. Wenn der Skitourismus nicht wäre, gäbe es die Ortschaft wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr.“

Einwohner ziehen weg

Ohne ausreichende Erwerbsquellen zögen die Menschen weg. Eine solche Entwicklung gibt es in Vorarlberg beispielsweise im Großen Walsertal und in Teilen des Bregenzerwaldes.

Warths Bürgermeister Stefan Strolz weiß um die bedrohte Lage seines Bergdorfes. Zumal es mit knapp 160 ständigen Einwohnern sehr übersichtlich ist. Alarmiert hat man im Ort bereits vor Jahren festgestellt, dass die lukrativen Geschäfte während des Winters stagnierten. Das bisherige Skigebiet war offenbar an seine Grenzen gestoßen. Junge Familien zogen mangels Verdienstmöglichkeiten aus Warth weg. Sie suchten ihr Glück in Bregenz, Innsbruck oder sonstwo. Kindergarten und Volksschule mussten schließen. Das etwas in die Jahre gekommene Hotel Biberkopf im Ortszentrum liegt im Dornröschenschlaf. Seine Fensterscheiben sind blind.

Strolz begreift deshalb die Seilbahnverbindung hinüber ins edle Lech als überlebenswichtige Chance. Erste Auswirkungen sind bereits zu spüren. In Warth wie in dem nur unwesentlich größeren Schröcken steigen die Immobilienpreise. Das Hotel Biberkopf soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Die Buchungen für Wintersporturlaube sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Goldgräberstimmung hat sich breitgemacht. Empfehlungen von Naturschützern, doch lieber auf sanften Tourismus wie Schneeschuhwanderungen oder Alpenblumenspaziergänge zu setzen, wirken hilflos.

Lob von den Touristen

„Der Löwenanteil des Geldes wird mit den Ski- und Snowboardfahrern verdient“, hat Strolz schon vor Langem festgestellt. Dies ist dann ein Publikum wie Tobias Glaser, der dieser Tage mit seiner Begleiterin auf den Warther Pisten zu finden war. Die beiden leben in Nordrhein-Westfalen und verbrachten einige Urlaubstage in dem kleinen Wintersportort. Sie loben den Auenfeldjet: „Er erweitert das Pistenangebot ganz enorm.“

Weniger aufgeregt geht es übrigens in Lech zu. Man ist exklusiv, eine bekannte Marke. Damit der Rubel rollt, braucht es weder Warth noch Schröcken. Deren Skigebiet wird als nette Ergänzung des eigenen Pistenreichs begriffen – mehr nicht. Dies macht auch die Kos­tenverteilung deutlich. Zwei Drittel des Geldes für den Auenfeldjet zahlten die Warther und Schröckener, ein Drittel die wesentlich reicheren Lecher.

Bei Letzteren scheint die Motivation dafür aber eher auf dem Gebiet der Werbung gelegen zu haben: Größe kommt gut an. Umwälzend wäre dagegen die Verwirklichung anderer Pläne. Sie befassen sich mit Verbindungsbahnen hinüber nach Stuben, St. Christoph und St. Anton, dem großen Skigebiet am Arlbergpass. So etwas wäre richtig teuer. Sollte es jedoch dazu kommen, gäbe es in den Alpen wohl eine neue wintersportliche Supermacht.

„Wenn der Skitourismus nicht wäre, gäbe es die Ortschaft wahrscheinlich nicht mehr.“ Herbert Motter, Leiter Presse- und Kommunikationsabteilung der Wirtschaftskammer, über Warth

Vom Publikum her passen die Skigebiete von Lech-Zürs und Warth/Schröcken nicht so richtig zusammen. Lech ist teuer, die durchschnittliche Kundschaft entsprechend wohlhabend.

Dass dort Leute mit großem Geldbeutel unterwegs sind, sieht man nicht nur bei den Übernachtungspreisen, sondern auch an exklusiven Schmuck- und Kleidungsläden.

Warth und Schröcken werden eher von Normalverdienern besucht. Aber auf der Piste treten die Unterschiede nicht so deutlich zutage.

Und wer Wintersport wirklich sportlich sieht, hat jetzt durch den Zusammenschluss präparierte 190 Abfahrtskilometer zu bewältigen, wenn er überall fahren will. 117 davon liegen in Lech-Zürs. Eine Runde vom nördlichsten in den südlichsten Zipfel des Skigebiets und wieder zurück, ist für durchschnittliche Skifahrer durchaus eine Tagesarbeit.

Damit sie auch vorwärtskommen, helfen 47 Lifte und Bahnen beim Aufstieg. Die jüngste Bahn ist die Verbindung zwischen Lech und Warth/Schröcken: der Auenfeldjet. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Zehnergondel-Einseil-Umlaufbahn.

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