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Nur eine Stinkbombe

Für einen 15-Jährigen aus einer Kleinstadt im Bodenseekreis wird sein Lausbubenstreich zur existenziellen Bedrohung.

Erich Nyffenegger

Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen! Wie zum Beispiel hier von diesen, welche Max und Moritz hießen.“ Manchmal sind Lausbubengeschichten Weltliteratur, wie im Fall von Wilhelm Busch, der die Dummheiten der berühmten Knaben im Jahre 1865 in sieben Streichen zu Papier brachte. Im Jahr 2013 kann sich ein einziger Streich derart zur Monstrosität aufwerfen, dass er das Zeug dazu hat, eine finanziell geschwächte Familie zu ruinieren. Und einem jungen Menschen die Zukunft zu verbauen oder sie zumindest mit einer finanziellen Hypothek zu belasten, an der auch besser situierte Leute lange zu kauen hätten.

Guter Schüler

Thomas Brunner ist keine fiktive Figur wie Max oder Moritz, auch wenn sein richtiger Name anders lautet. Er ist ein ganz realer 15-Jähriger, ein guter Schüler mit bislang blütenweißer Weste, der mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt im Bodenseekreis lebt. Der Motocross-Sport macht und sich im Jugendtreff engagiert. Die Wohnung ist nicht luxuriös ausgestattet, aber sehr gepflegt. Die Mutter legt Untersetzer auf den Tisch, bevor sie die Getränke draufstellt. Thomas hat die Hände gefaltet, der Blick drückt Hilflosigkeit aus. Seine braunen Haare lugen unter einer Baseballkappe hervor, sodass er sie ab und zu wegstreichen muss, um den Durchblick zu behalten. Ohnehin ist die Lage unübersichtlich geworden, seit er am 12. Dezember in einem Friedrichshafener Supermarkt einen Scherzartikel einsetzte: eine Stinkbombe. Darüber gelacht hat aber so gut wie niemand. Im Gegenteil.

Nach dem Bruch des Glasfläschchens muss eine Art Elfter-September-Stimmung in jenem Supermarkt aufgekommen sein. Genau weiß Thomas das nicht, denn er und seine Freunde haben den Ort des Geschehens zügig verlassen. Der Polizeibericht fasst den Vorfall nüchtern so zusammen: „Von der Polizei geräumt werden musste am Donnerstagnachmittag gegen 13.15 Uhr ein Einkaufsmarkt, nachdem dort eine bislang noch unbekannte Flüssigkeit freigesetzt wurde, die zu Atembeschwerden bei mehreren Personen führte. Hierbei handelt es sich um fünf Angestellte des Marktes sowie einen Polizeibeamten, der kurz nach Alarmierung der Einsatz- und Rettungskräfte am Einsatzort eintraf.“

Thomas Brunner selbst erlebt gar nicht, was sich abspielt, nachdem er mit dem Fuß an der Kasse während des Zahlens seines Nudelsalats das kleine Glasfläschchen zerbrochen hatte: „Wir sind dann noch draußen beim Bäcker gewesen.“ Er beobachtet, wie Verkäufer die Ursache für den aufkeimenden Gestank suchen. „Aber dann sind wir gegangen.“ Zurück zur nahe gelegenen Schule, als die Mittagspause zu Ende geht. Ein Mitarbeiter des Lebensmittelmarktes ruft die Polizei – und weil die Beamten den Geruch nicht einordnen können und sich Atembeschwerden bei Personal und einem Polizisten einstellen, kommt eine gewaltige Spirale in Gang: Rettungsfahrzeuge, Feuerwehr, noch mehr Polizei. Ganz offenbar schließen die Beteilig-ten einen Terroranschlag mit Buttersäure in einem beschaulichen Wohngebiet am Rande von Friedrichshafen nicht aus. Fünf Marktmitarbeiter und ein Polizist kommen ins Krankenhaus. Kunden überstehen die Stink-Attacke offenbar besser, denn aus ihren Reihen muss niemand in die Klinik.

Mutter schwer erkrankt

Von all dem ahnt der Verursacher nichts. „Erst als er den Anruf von einer Klassenkameradin am Abend bekam, ist uns das Ganze bewusst geworden“, sagt die Mutter des Jungen heute, die seither kaum geschlafen hat und von der Sorge zerfressen ist, dass sich der Bub mit der Aktion die Zukunft verbaut haben könnte. „Er hat dann sofort alles gebeichtet – und wir haben die Polizei angerufen und sind später aufs Revier gegangen. Die Beamten haben ihn gut behandelt.“ Die Mutter kann die Hände nicht ruhig halten, als sie von dem rabenschwarzen Abend im Advent erzählt. Wer mit ihr auf dem Sofa sitzt, vibriert vor Sorge fast selber mit. Doch es gibt noch einen anderen Grund, weshalb die Mutter so angeschlagen ist: Sie leidet an Krebs, der zwar im Augenblick in Zaum ist, die Frau aber körperlich und seelisch permanent schwächt.

Wer Mutter und Sohn da gemeinsam sitzen sieht, kann die gegenseitige Sorge mit Händen greifen: hier die Angst um den Buben und dessen Zukunft, dort Schuldgefühle und das Bangen um die Mutter: „Es tut mir wirklich sehr leid. Das wollte ich nicht“, sagt Thomas Brunner so leise und betroffen, dass man es kaum hören kann. Dem Polizeibeamten, der in die Klinik musste, hat er das per Telefon schon gesagt. „Er hat die Entschuldigung angenommen“, sagt die Mutter. Für das Supermarktpersonal hat Thomas einen Entschuldigungsbrief aufgesetzt. Doch es sei nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Es dauert einige Zeit, bis er ihn abschicken kann. Die fünf Angestellten des Lebensmittelmarktes haben laut Polizei allesamt Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den 15-Jährigen erstattet.

Bezogen hat Thomas Brunner die Stinkbomben beim Internethändler Amazon. Früher hat jedes Schreib- oder Spielwarengeschäft die Dinger geführt. Der Hersteller versichert, dass die Stinkbomben keine giftigen Inhaltsstoffe aufweisen und in Deutschland und Österreich zugelassen sind – allerdings nicht in geschlossenen Räumen. Die Untersuchungen der Polizei kommen zum gleichen Ergebnis: Stinkig ja, gefährlich nein.

Thomas Brunner ist der Streich zentnerschwer vor die Füße gefallen. Und vor die Füße seiner Mutter, die selbst in der Lebensmittelbranche gearbeitet hat und nach der Scheidung von ihrem Mann auf den Schulden eines gemeinsamen Unternehmens sitzt. „In zwei Jahren wäre ich aus dem Gröbsten rausgewesen“, sagt sie und drängt die Tränen zurück.

Sie erträgt den Gedanken nicht, dass für Thomas wegen der Stinkbombe eine Schuldenkarriere beginnt, noch ehe er überhaupt volljährig ist.

Welche Summe am Ende zu bezahlen sein wird, steht noch nicht fest. Das erste Forderungsschreiben des Supermarkts hat die Polizei wegen der Feiertage noch zurückgehalten. Aber Frau Brunner kennt die Summe schon, die da im Raum steht: zunächst ein hoher vierstelliger Betrag.

Weitere Kosten ungewiss

„Das Rote Kreuz verzichtet für den Einsatz auf Forderungen“, sagt sie mit dankbarer Erleichterung. Auch die Feuerwehr habe ihr zugesagt, die Kosten so gering wie irgend möglich zu halten. Und die Verletzten? Behandlungskosten? Schmerzengeld? Ob und was da noch auf die kleine Familie zukommt, ist ungewiss.

Der Fall des 15-jährigen Jungen hat die Menschen aufgewühlt und viele machen ihrer Empörung im Internet Luft – und sie werfen grundsätzliche Fragen auf: Sind Streiche in unserer heutigen Zeit überhaupt noch möglich? Ist eine Gesellschaft krankhaft hysterisch, weil sie hinter dem üblen Geruch von faulen Eiern sofort einen Terroranschlag in Betracht zieht – und entsprechend handelt? Und ist es richtig, für diesen Wandel in der Wahrnehmung einen 15-jährigen Schüler allein voll in Haftung zu nehmen? „Die Erwachsenen, inklusive Polizei, Feuerwehr und Staatsanwaltschaft, die hier völlig überzogen reagiert haben, sollten sich allesamt schämen“, schreibt ein Internetnutzer. Jene Stimmen, die es richtig finden, dass Thomas Brunner in vollem Umfang belangt wird, sind deutlich in der Minderheit.

Am Ende wird aber nicht das Volksempfinden darüber entscheiden, wie viel Geld und Zukunft der Junge für seinen Streich wird zahlen müssen. Und ob es entschuldbarer jugendlicher Unfug ist, eine Stinkbombe in einem geschlossenen Raum zu werfen oder eben doch fahrlässige Körperverletzung. Oder ob es gereicht hätte, den Verkaufsraum gründlich zu lüften und die Personen, denen schlecht geworden ist, an die frische Luft zu schicken, wie viele finden – die allerdings selbst nicht dabei waren.

Gespräch mit Familie

Max und Moritz sind am Schluss ihrer liederlichen Lausbuben-Karriere in einer Getreidemühle gelandet. So schlimm wird es für Thomas Brunner, der nach der Berufsfachschule eine Ausbildung zum Industriemechaniker machen möchte, nicht kommen. Doch auch wenn der betreffende Supermarktleiter gegenüber der Schwäbischen Zeitung Offenheit signalisiert und versichert, in einem persönlichen Gespräch auf die Familie zugehen zu wollen, um eine sozial verträgliche Lösung zu finden, spürt auch Thomas Brunner die Gewalt eines Mahlwerks, dessen Räder er selbst nicht mehr stoppen kann.

„Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke“, schreibt Willhelm Busch. Es ist unklar, wie viel das Mahlwerk von der Existenz des 15-Jährigen am Ende übrig lässt.

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