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Sie haben am Montag zusammen mit Harald Walser einen Entschließungsantrag zur Einrichtung einer Modellregion für die gemeinsame Schule präsentiert. Wie groß sind denn die Chancen einer solchen Bildungsstätte für die Zehn- bis 14-Jährigen?

Eva Glawischnig: Anlass war für uns weniger der Streit innerhalb der ÖVP. Die Semesterferienzeit ist ja auch immer wieder die problematische Zeit für Eltern, deren Kinder ins Gymnasium gehen wollen. Viele haben Angst vor dem zweiten Zweier, der die Aufnahme in die AHS verhindern würde. Durch die grüne Regierungsbeteiligung in fünf Bundesländern sowie die Vorstöße der ÖVP-Landeshauptleute der westlichen Bundesländer hat sich die Chance aufgetan, im Problembereich Schule einen Schritt in die richtige Richtung zu tun. Die Einführung der Modellregionen braucht die Zwei-Drittel-Mehrheit im Nationalrat. Wir haben uns dafür angeboten, sie zu ermöglichen. Was sich bei der Nationalratssitzung ergibt, werden wir sehen.

Johannes Rauch: Und was die Nationalratssitzung angeht, erwarte ich mir schon, dass die Vorarlberger ÖVP-Abgeordneten Norbert Sieber und Karlheinz Kopf für den Modellversuch stimmen. Es gibt ja auch einen Auftrag des Vorarlberger Landtags, der Gültigkeit haben sollte.

In Vorarlberg wurden im November 2013 rund 23.000 Lehrer, Eltern und Schüler zum Thema gemeinsame Schule befragt. Wie beurteilen Sie dieses Forschungsprojekt?

Glawischnig: Es gibt in vielen Teilen Europas gemeinsame Schulen. Ich denke da etwa an Südtirol. Es ist erwiesen, dass das System funktioniert und man muss nicht mehr viel forschen. Wichtig wäre, nicht nur das Türschild auszutauschen, sondern zu schauen, dass tatsächlich zwei Lehrer in der Klasse stehen, dass es Team-Teaching gibt, dass das Kind entsprechend seiner Stärken und Schwächen gefördert wird. Das ist auch der Punkt, der den Eltern am wichtigsten ist.

Es gibt Eltern, die Angst vor der gemeinsamen Schule haben. Was sagen Sie diesen?

Glawischnig: Die Eltern wollen in erster Linie, dass sich der status quo, nicht nur der Name ändert. Eltern wollen die Sicherheit, dass Förderung in der Schule passiert, dass keine Nachhilfe mehr nötig ist und dass auf jedes einzelne Kind eingegangen wird. Und die Erfahrungen, die die Eltern mit der neuen Mittelschule gemacht haben, waren nicht gut. Aus vielen verschiedenen Elternverbänden war das Wort Etikettenschwindel zu hören.

Rauch: In Vorarlberg gibt es ein paar positive Beispiele. Aber über die Fläche verteilt…

Wie würden Sie die Gymnasium-Befürworter von der Idee der gemeinsamen Schule überzeugen?

Glawischnig: Alle Eltern, auch ich, haben Angst, dass ihr Kind aus irgendeinem Grund zu wenig Bildung bekommt. Und die Oberstufe des Gymnasiums wird natürlich beibehalten. Wobei ich auch dort einiges anders machen würde. In einigen Ländern Europas gibt es für die Schüler die Möglichkeit, Schwerpunkte zu setzen. In Skandinavien können sich die Schüler bis zur Hälfte ihrer Fächer selber aussuchen. Das ist eine gute Vorbereitung auf das Studium. Und es fördert die Stärken. Wenn wir uns an unsere eigene Schulzeit zurückerinnern, haben wir uns mit unseren Schwächen beschäftigt. War dann die Matura geschafft, hat man sich mit den Fächern nie wieder beschäftigt. Wo warst Du wirklich schlecht?

Rauch: (lacht) In Mathe natürlich – wie alle. Du nicht auch?

Glawischnig: Nein, ich bin untypisch. Ich hab in Mathe und Latein maturiert.

In welchen Fächern waren Sie denn schlecht?

Glawischnig: Ich kann überhaupt nicht zeichnen. Ich kann nicht einmal mit meinem Sohn mithalten, der in die Volksschule geht.

Die Vorarlberger Forschungsinitiative wird aus Ihrer Sicht also nicht viel Neues bringen. Was ist mit dem Zeitraum? Ergebnisse sollen ja im November vorliegen?

Rauch: Das ist ein Verzögerungsprojekt. Ein Projekt, um sich über die Landtagswahl im September zu retten. Aber die Rechnung geht jetzt nicht auf. Jetzt muss der Wallner Farbe bekennen.

Das hat er ja getan.

Rauch: Der Druck ist halt gewachsen, wenn in Vorarlberg alle Oppositionsparteien dafür sind. Dann muss man sich bewegen.

Glawischnig: Das wird sicher eine Nagelprobe. Die Frage ist: Wie modern ist Wallner wirklich?

Der Landtagswahlkampf scheint eingeläutet zu sein. Streben Sie auch in Vorarlberg eine Regierungsbeteiligung an?

Glawischnig: Selbstverständlich. Das ist der logische nächste Schritt – eine Verlängerung der Westachse. Es ist manchmal noch ungewohnt, in fünf Bundesländern in der Regierung vertreten zu sein. Das ist unglaublich schnell gegangen und es ergeben sich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist für Vorarlberg vielleicht nicht ganz neu, denn die Vorarlberger Grünen haben als gute Opposition mitregiert. Ich denke da an das 365-Euro-Ticket, die Vision vom Bioland Vorarlberg, Energiewendeprojekte – das sind alles Themen, die sie aus der Opposition heraus schon umsetzen konnten. Und Johannes Rauch genießt über alle Parteigrenzen hinweg extrem hohe Akzeptanz. Historisch wäre es an der Zeit, dass die ÖVP ihre gefühlte über 100-jährige Absolute verliert.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

rauch: Die sind absolut intakt. Wann, wenn nicht jetzt. Das ist eine historische Chance zu einer neuen Politik in Vorarlberg zu kommen. Um zu illustrieren, wie sich das Selbstverständnis der ÖVP darstellt, folgendes Beispiel: Die ÖVP verspricht Anfang 2014 Dinge, die im Budget 2015 stehen sollen. Ohne überhaupt die Gewissheit zu haben, das Budget alleine beschließen zu können. Ich glaube, dass die Absolute fällt und dann wird sich die ÖVP entscheiden müssen, mit wem sie eine Regierung bildet. Es wird einen fundamentalen Unterschied machen, ob das Land schwarz-blau oder schwarz-grün regiert wird. Und wie in der Vergangenheit gesehen, bindet sich die ÖVP länger.

Die NEOS fürchten Sie nicht?

rauch: Ich fürchte mich vor gar nichts.

Glawischnig: Es gibt offenbar so eine journalistische These, dass wir Gegner sind. Das ist meiner Meinung nach falsch. Wir waren im Parlament konfrontiert mit anderen Oppositionsparteien, die rechtspopulistisch unterwegs waren. Jetzt gibt es die NEOS, die sich in manchen Punkten von uns unterscheiden und in anderen vernünftige Positionen vertreten. Und ich bin froh über das neue Klima. Das Geschrei von Stadler, Grosz, Westenthaler und Co. geht mir nicht ab.

Muss die ÖVP mehr Angst haben?

Glawischnig: Nachdem es eine ÖVP-Abspaltung ist ja. Aber Vielfalt tut Österreich gut. Das spiegelt auch die moderne Gesellschaft besser wider.

Im März stehen zunächst einmal Europawahlen an. Sind die nicht wichtiger als die Landtagswahlen?

Glawischnig: Beides ist wichtig. Das Besondere an den Grünen ist, dass die Positionen, die im Vorarlberger Landtag vertreten werden, genauso auch im Nationalrat und im Europaparlament vertreten werden. Und zwar auch von den Grünen der anderen europäischen Länder. Themen wie Fracking, Privatisierung, Gentechnik, Antiatom – da gibt es innerhalb der anderen europäischen Parteien keine gemeinsamen Linien.

Vor allem in Frankreich haben anti-europäische Parteien großen Zulauf. Welchen Fehler haben die etablierten Parteien begangen?

Glawischnig: Unglaubliche Arroganz bei der Ausübung von Macht. Nach unzähligen Krisengipfeln sind die Ursachen der Finanzmarktkrise nicht beseitigt. Die Vermögenden und die Priviligierten werden nach wie vor behütet und beschützt. Und Holland ist eine große inhaltliche Enttäuschung. Da haben viele große Hoffnungen gehabt, aber der ist mit anderen Sachen beschäftigt.

Sonja Schlingensiepen

Eva Glawischnig

Eva Glawischnig (44) ist seit 1999 Abgeordnete zum Nationalrat für die Grünen. Von Oktober 2006 bis Oktober 2008 war sie Dritte Nationalratspräsidentin. Seit 17. Jänner 2009 ist die Kärtnerin Bundessprecherin der Grünen.

Glawischnig ist mit dem österreichischen Fernsehmoderator und ATV-Sportjournalisten Volker Piesczek verheiratet. Die beiden haben zwei Söhne.

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