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Vorarlberger der Woche

„Jeder kann selbstbestimmt leben“

Seit 20 Jahren beschäftigt sich der Lauteracher Andreas Guth (40), der seit seiner Geburt eine ­Infantile Cerebralparese hat, mit dem Thema Selbstbestimmung – mittlerweile als Obmann des Vereins Reiz – Selbstbestimmt Leben.

Brigitte Kompatscher

Wenn Sie mich nicht verstehen, einfach fragen. Bitte keine falsche Scheu“, sagt Andreas Guth (40) sofort nach der Begrüßung und grinst. Und so unkompliziert und herzlich, wie sich der kooptierte Obmann des Vereins Reiz – Selbstbestimmt Leben gleich zu Beginn des Gesprächs zeigt, ist er wohl auch. Der Lauteracher, der so schwer zu verstehen dann gar nicht ist, wurde 1975 in Bregenz geboren. Während seiner Geburt kam es zu einem Sauerstoffmangel, der zu einer Hirnschädigung führte. „Infantile Cerebralparese“ wurde von den Ärzten diagnostiziert, erläutert Guth, äußern tut sich diese in Bewegungs- und Sprachstörungen.

Diese Behinderung führte dazu, dass der heute 40-Jährige, der noch eine ältere Schwester hat, schon als Vierjähriger in den Sonderkindergarten nach Mäder kam – „den gibt es heute nicht mehr“ – und im dortigen, damals erst seit wenigen Jahren eröffneten Schulheim auch seine Schulzeit durchlief. „Ich habe meine gesamte Kindheit in Sondereinrichtungen verbracht“, sagt der Lauteracher und fügt hinzu, „heute lebe ich inkludiert.“ Und dann erzählt er, dass eine Integration vor 35 Jahren noch ganz in den Anfängen war und das Schulheim für die damalige Zeit durchaus ein Fortschritt gewesen sei.

Einsam

Für Guth persönlich hatten die zwölf Jahre in Mäder allerdings zur Folge, „dass ich heute in Lauterach kaum Leute kenne.“ Nach der Schulzeit wurde er gefragt, ob er zur Lebenshilfe wollte, erzählt er weiter. Das wollte er nicht, „das wollte damals keiner von uns“, und seine Eltern hätten das auch respektiert. Zwei Jahre war er dann zu Hause, ohne etwas zu tun. „Da war ich schon sehr einsam“, erinnert er sich an die schwierige Zeit, „weil ich keine Kontakte hatte.“ Und darin sieht er auch den großen Nachteil von Sondereinrichtungen: „Mein soziales Umfeld waren meine Schulfreunde aus Mäder und die waren im ganzen Land verstreut und für mich damals einfach nicht erreichbar.“

Nach zwei Jahren des Nichtstuns, Guth war mittlerweile 18, wollte er etwas tun, er wollte arbeiten. „Und da habe ich schnell gemerkt, dass ich mit dem Sonderschulabschluss nicht weit komme.“ Den Hauptschulabschluss konnte er zu jener Zeit in Vorarlberg nicht nachholen, weil er zu alt dafür war, also ging er dafür nach Linz. Beruflich schwebte ihm eine Arbeit im Sozialbereich vor. „Aber es konnte sich niemand einen Sozialarbeiter mit Sprachbehinderung vorstellen“, wurden ihm diesbezüglich recht bald jegliche Illusionen geraubt. „Mit meinem heutigen Wissen würde ich dieses Ziel weiter verfolgen“, stellt er dazu fest. In der oberösterreichischen Landeshauptstadt hat er dann seinen Hauptschulabschluss nachgemacht und zusätzlich einen Bürokaufmannkurs absolviert.

Und als er 1994 nach Vorarl­berg zurückgekommen ist, hat Guth in der Amtsbibliothek („die kennt keiner“) der Landesregierung im Landhaus zu arbeiten begonnen, wo er heuer sein 20-jähriges Jubiläum feiern kann. „Mittlerweile bin ich mehr Teleworker“, beschreibt er seinen 50-Prozent-Job, der aus klassischer Büroarbeit bestehen würde. Und über 15 Jahre ist es nun auch her, dass der Lauteracher den Führerschein für ein so genanntes Mopedauto gemacht hat, was nicht unerheblich zu seiner Mobilität beigetragen hat.

Aufklärungsarbeit

Damals, vor zwanzig Jahren, ist Guth, nachdem er aus Linz zurückgekehrt war, zunächst wieder bei seinen Eltern eingezogen. „Aber ich war damit nicht glücklich und anfänglich auch mit dem Bürojob nicht.“ In Oberösterreich war er zuvor über einen Freund erstmals mit dem Konzept der Selbstbestimmung in Kontakt gekommen. Gemeinsam mit einem Freund hat er Mitte der 90er-Jahre dann auch hierzulande begonnen, Aufklärungsarbeit zu machen. Kurse, Vorträge und Diskussionen über Menschen mit Behinderung haben sie damals als Privatpersonen organisiert und veranstaltet, erzählt er.

2003 wurde dann der Vorgänger-Verein von Reiz – Selbstbestimmt Leben gegründet. Der Lauteracher war eines von vier Gründungsmitgliedern. Reiz.at – für mehr Lebenskompetenz hieß er und das Ziel war es, „Dinge zu machen, die uns reizen“, erläutert Guth – daher der Name. Allerdings habe sich schnell herausgestellt, dass für Menschen mit Behinderung die Selbstbestimmung das zentrale Thema sei.

Initiative

Daher wurde der Verein 2006 in Reiz – Selbstbestimmt Leben umbenannt und auch eine Selbstbestimmt-Leben-Ini­tiative daraus gemacht, erklärt Guth. Konkret dürfen etwa nur Menschen mit Behinderung im Vorstand sitzen. „Es ist oft der Fall, dass Nichtbehinderte für Menschen mit Behinderung sprechen. Das ist okay. Aber der Mensch mit Behinderung lernt so nie, für sich selber zu sprechen, sich für sich selber einzusetzen, weil er es nicht gewohnt ist und weil er es nicht so gut kann“, beschreibt der Lauteracher die Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit Behinderung oft konfrontiert sind. Denn nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut.

Und dann fügt er in Hinblick auf den Verein noch mit einem Grinsen dazu: „Fördernde Mitglieder dürfen auch keine Behinderung haben.“ Wobei „wir uns nicht als bemitleidenswerte Menschen sehen. Unsere Behinderung gehört zu uns dazu und wir sind ganz normale Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen wie jeder andere auch.“ Fünf Angestellte hat der Verein, dessen Sitz seit 2008 in der Dornbirner Innenstadt ist.

Im Rahmen der Vereinsarbeit sei mittlerweile die Persönliche Assistenz ein großes Thema, erzählt der Reiz-Obmann, der bei der Vorstandswahl im April noch offiziell bestätigt wird. Demzufolge wird eine seiner Aufgaben in den nächs­ten Monaten darin bestehen, gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern Fragen zur Thematik auszuarbeiten und die politischen Parteien damit zu konfrontieren. „Menschen mit Behinderung brauchen Persönliche Assistenz, um an der Gesellschaft teilzuhaben“, sagt er, und Inklusion sei auch in der UN-Behindertenrechtskonvention enthalten, die von Öster­reich endlich komplett umgesetzt werden müsse. So sei die Einführung eines österreichweiten Persönliche-Assistenz-Modells erst 2018/2019 geplant. „Egal, welche Behinderung jemand hat, jeder kann selbstbestimmt leben, aber es braucht die Rahmenbedingungen dazu.“

Guth selbst lebt seit drei Jahren mit Persönlicher Assistenz in seiner eigenen Wohnung in seiner Heimatgemeinde. Neben seinem Beruf und seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Vereinsobmann von Reiz geht der 40-Jährige im Sommer gerne Rad fahren, er liest („hauptsächlich Sachbücher“) und geht gern auf Blueskonzerte. Und er ist Single, was er sich durchaus vorstellen könnte zu ändern, wie er mit einem Schmunzeln erzählt. Im März muss er zunächst aber als Trauzeuge antreten. Seine Schwester heiratet und darauf freut er sich jetzt mal.

n www.reiz.at

„Es braucht Rahmenbedingungen“ Andreas Guth, Obmann Reiz – Selbstbestimmt Leben

Freitag, 7. Februar, 19.40 Uhr, Otten Gravour Hohenems.

Motto: Der wilde Westen

Band: The Rubberneckers

Von und mit: Rolling Sitting Bull, Sülos Tombola, Tanzperformance „edge“ von Silvia Salzmann, Emser Palast-Tätscher, HANDlaut & friends! Musikperformance in Gebärdensprache und Peters Krüppelbowle.

Veranstalter: Reiz – Selbstbestimmt Leben.

Infos und Karten: www.reiz.at/kalender.html

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