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Jägerlatein

Keine Angst, Sie versäumen nichts

Heute will ich über „Zeit“ schreiben, einem unterschätzten Gut, das mir im Gegensatz zu Gesundheit, Geld und einer wohlproportionierten Gefährtin auch anlässlich des kürzlich vollzogenen Jahreswechsels nie „gewünscht“ wurde. Dabei gibt Zeit weit mehr her als Sex, schnöder Mammon und selbst körperliches Wohlbefinden.

Zeit ist, so man sie hat, um über sie zu philosophieren, ein Mysterium; für mich zumindest. So kann ich mir beispielsweise zwar „irgendwie“ die Unendlichkeit vorstellen – was heißt, dass Dinge niemals aufhören (zudem bei Unangenehmem eine der klassischen Beschreibungen der Hölle – stellen Sie sich etwa vor, das Lied „Sierra Madre“ würde niemals aufhören) – aber ich tu mir richtig schwer mit der Vorstellung, etwas oder alles „war immer schon da“, also der Entsprechung der Unendlichkeit in der Vergangenheit (Unbeginnlichkeit?). Der Gott-Begriff basiert auf diesem Glauben; andererseits übersteigt auch die Urknall-Theorie, in der die gesamte Energie des Universums aus dem Nichts „ausgebrochen“ ist, meine Imagination bei Weitem.

Daher kann ich auch über die gestrige Schlagzeile, dass nunmehr eine Uhr gebaut wurde, die in fünf Milliarden Jahren um maximal eine Sekunde ungenau sein wird, schmunzeln. Fünf Milliarden? Dann dauert es ja immer noch zwei weitere Milliarden Jahre, bis die Sonne zum „Roten Riesen“ und damit die Erde zu heißem Matsch wird. Und wenn das passiert, geht diese Uhr dann tatsächlich um eine Sekunde vor oder nach? Unverzeihlich!

Da im Gegensatz zu dieser sinnvollen Erfindung mein bescheidenes Gehirn nicht aus Strontium-Atomen besteht, die per Laser 430 Billionen Mal pro Sekunde in Schwingung versetzt werden, unterliegt mein persönlicher Zeitbegriff deutlich größeren Schwankungen. Mittlerweile bin ich sogar imstande, die „Frei-Zeit“ als das zu genießen, was das Wort sagt: Frei über meine Zeit zu verfügen. Anstatt wie früher dem Wahn nachzuhängen, dass „ich irgendetwas versäume“, genieße ich die Muße-Stunden meinem Jahrgang angemessen, indem ich alte Filme ausgrabe, in der Musikhistorie stöbere, es sogar wage, einfach nur über etwas nachzudenken und das Nachgedachte dann auch noch aufzuschreiben oder vor mich hin sinnierend in der Nase bohre.

Groß ist da plötzlich die Zahl der Menschen, die sich darüber wundern, dass ich nicht beim Medienempfang war, einen Ball früher als andere verließ, die Premiere von irgendwas ausließ und beim dritten Jahrestag eines In-Lokals (mehr erleben die meisten eh nicht) gefehlt habe und mir sogar vorwerfen, ich würde meine Zeit „vergeuden“. Wissen die denn nicht, dass man nur etwas vergeuden kann, was man im Überfluss besitzt und ­dies bei Zeit ganz sicher nicht der Fall ist? Wohl nicht. Und: Nein, Sie versäumen nichts.

Raimund Tschako Jäger

Hinweis: Der Inhalt dieser Kolumne muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

raimund.jaeger@russmedia.com

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