Angster: Ich werde nicht den moralischen Zeigefinger heben

Wolfgang Angster, Leiter der Jugendabteilung bei der Staatsanwaltschaft Ravensburg, über Recht, Gerechtigkeit und kleine Streiche mit teuren Folgen.

Ein Jugendlicher legt eine Stinkbombe in einem Supermarkt in Friedrichshafen – und löst einen Großeinsatz aus. Am Ende stehen ihm möglicherweise Rechnungen über Tausende Euro ins Haus. Hagen Schönherr stellt die zentrale Frage: Was ist Gerechtigkeit, wenn ein dummer Scherz große Folgen hat?

Ist es korrekt, von einem Jugendlichen zu fordern, für alle Folgen geradezustehen, die ein dummer Scherz verursacht hat?

Wolfgang Angster: Juristisch gesehen gibt es dabei zwei Seiten. Die eine ist die Seite der finanziellen Schadensersatzansprüche, die Betroffene an den Täter stellen. Die andere ist die Frage nach einer gerechten Strafe für eine Tat, falls sie auch wirklich eine Straftat ist. Nur diese zweite Frage beschäftigt in Deutschland die Strafverfolgungsbehörden. Dabei geht es um die Schuld, die ein Täter auf sich geladen hat, und auch um die Folgen, die die Straftat für den Täter selbst hat. Oftmals reicht eine Ermahnung als Strafe aus, weil erhebliche finanzielle Forderungen von Geschädigten bereits allein ein „heilsamer Schock“ sind. Dann ist es eventuell unangebracht, eine zusätzliche Strafe aufzuerlegen.

Sie sind Rechtsexperte. Aber Sie kennen junge Menschen und deren Schicksale auch persönlich aus dem Gerichtssaal. Wie beantwortet der Menschenkenner die letzte Frage?

Angster: Bei Jugendlichen ist der vorrangige Zweck der Sanktion nicht, eine Tat zu sühnen, sondern sie von weiteren Straftaten abzuhalten. Dabei steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Da spielen das persönliche Schicksal jedes Täters und seine Zukunftsperspektive eine große Rolle. Darüber denken ich und meine Kollegen vor Gericht intensiv nach. Ich kann und will aber nicht die Frage beantworten, ob private Schadenersatzforderungen angebracht und angemessen sind. Das ist nicht meine Aufgabe.

Wer stellt dann die Frage, ob Geld gefordert wird – und wie viel?

Angster: Das bleibt jedem Geschädigten, ob Privatperson, Unternehmen oder öffentliche Einrichtung selbst überlassen. Als Staatsanwalt werde ich mich da nicht einmischen. Ich will meine moralischen Vorstellungen auch nicht an die Stelle anderer setzen. Wenn ein Jugendlicher durch ein geringes Verschulden einen großen Schaden verursacht, kann man aus Sicht des Täters natürlich sagen: Das ist doch Kinderkram gewesen, kein Verbrechen. Aber wer die Folgen sieht, wird den Fall möglicherweise anders bewerten. Das Ergebnis von geringem Fehlverhalten ist mitunter furchtbar. Telefonische Bomben- oder Amokdrohungen – als Streich gedacht – haben oft riesige Polizeieinsätze oder auch Flugausfälle zur Folge. Hinterher lässt sich leicht sagen: Das war eine Überreaktion. Wer aber als Verantwortlicher vor Ort ist, hat diese Informationen nicht im Moment des Geschehens. Lässt sich sagen, jemand soll diesen Schaden nicht geltend machen, weil es rückblickend nicht nötig war, Maßnahmen zu ergreifen? Ich werde nicht den moralischen Zeigefinger heben, wenn ein Betroffener Schäden ersetzt bekommen will.

Also neigt unsere Gesellschaft nicht generell zu Überreaktionen?

Angster: Wenn wir als Strafrechtler Statistiken mit unserer „gefühlten Bedrohung“ vergleichen, kommt heraus: Unser Empfinden von steigender Bedrohung entspricht in vielen Bereichen überhaupt nicht den polizeilichen Kriminalstatis­tiken. Aber schlimme Fälle erregen heute mutmaßlich ein größeres Aufsehen als vor vielen Jahrzehnten und wir wissen, was passiert, wenn Drohungen wahr werden. Denken Sie nur an Amokläufe und Terroranschläge. Das beeinflusst unsere Gesellschaft ganz bestimmt und damit auch, wie wir auf mögliche Gefahren reagieren.

Wird dagegen genug getan, damit Streiche und kleine Vergehen nicht zur Existenzfrage für jugendliche Täter werden?

Angster: Wir sind wieder bei der Moral angelangt, nicht beim Recht. Sie kommt zum Zug, wenn sich ein Betroffener fragt: Will ich, muss ich oder kann
ich meine Schadenersatzansprüche auch durchsetzen? Nochmal: Ich will mich an solchen Abwägungen nicht beteiligen.

Vielleicht ist der Staat an dieser Stelle auch gar nicht gefragt?

Angster: Nein, die Frage einer moralischen Rechtfertigung von Forderungen muss sich jeder Betroffene selber stellen. Jetzt kommen wir aber in den Bereich der Rechtsphilosophie. Nur so viel: Wenn sich Täter und Opfer an einen Tisch setzen, sich aussprechen und gemeinsam eine Lösung finden – wir nennen das Täter-Opfer-Ausgleich – kann oft mehr erreicht werden, als wenn hohe Strafen durchgesetzt werden.

Chronologie

12. Dezember 2012: Alarm in einem Supermarkt in Friedrichshafen. Unbekannte sollen einen stark riechenden Stoff verteilt haben. Polizei, Feuerwehr und Rotes Kreuz sind mit gut einem Dutzend Fahrzeugen vor Ort. Sechs Menschen werden wegen Atemwegsreizungen versorgt.

13. Dezember: Ein 15-Jähriger ist für die Tat verantwortlich. Er gibt zu, in dem Supermarkt eine Stinkbombe zertreten zu haben.

16. Dezember: Die Schadenersatzforderungen für den Einsatz und den Verdienstausfall des Supermarkts können eine vier- bis fünfstellige Summe ergeben.

15. Jänner: Der Jugendliche darf seine Schulden im Supermarkt abarbeiten. Das Rote Kreuz hat schon zuvor auf Einsatzkosten verzichtet. Ungewiss bleibt, wie hoch das Schmerzengeld für die sechs Opfer ist.

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.