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Lebensphasen bestimmen das Wohnen

„Wohnen in der Zukunft“ – diesem Thema widmet sich Christiane Varga heute Abend im Rahmen der com:nacht. Diese Networking-Plattform für Aussteller und Bau-Experten ist Bestandteil der com:bau der Dornbirner Messe. Im Vorfeld des Vortrags informiert Varga zu ­Visionen und New Living.

Frau Varga, haben Sie Ihre Wohnung der Zukunft schon?

Christiane Varga (lacht): Ja. Ich habe mein Zukunfts-Zuhause gefunden. Wenn auch über Umwege. Denn ich bin von Deutschland nach Österreich zu meinem Freund gezogen. Dessen Wohnung war bereits eingerichtet. Der Stil hat mir gefallen, geschmackvoll und durchdacht. Trotzdem hat es lange gedauert, bis ich mir diesen Raum angeeignet habe. Inzwischen sind einige Dinge ausgetauscht. So ist etwa ein schmales Sofa durch eine Polsterlandschaft ersetzt worden. Solche mag ich sehr und damit wird der Raum für mich individueller, persönlicher.

Wieso ist das aber New Living? Möbel werden doch öfters mal ausgetauscht.

Varga: Unsere Wohnung geht in die Richtung, wie sich Zukunftsforscher ein künftiges Zuhause vorstellen: Räume verschwinden, Zonen entstehen durch Möbel. Wir wohnen in einem Raum. Durch diese Sofalandschaft ist eine Zone für Erholung und Gemeinschaft entstanden.

In einem Raum. Werden die Menschen künftig in platzsparenden Containern wohnen?

Varga: Das hört sich ja furchtbar an und das kann ich mit einem klaren Nein beantworten. Natürlich wird es, je nachdem ob es um Riesenstädte oder ländliche Orte geht, Unterschiede geben. Auf jeden Fall aber geht der Trend zu XS-Wohnungen. Zum einen aus Platz-, zum anderen aus Finanzgründen. Bebaubares Land wird weniger, Wohnen wird teurer. Wichtig ist, dass diese XS-Wohnungen keinen Qualitätsverlust mit sich bringen. Deshalb werden neue Services entstehen oder ausgelagert.

Wie ist dies zu verstehen?

Varga: Teilen, tauschen, gemeinsam nutzen. Der Shareness-Gedanke – gemeinsam nutzen statt besitzen – hat unter dem Begriff „Collaborative Living“ das Wohnen erreicht. Es gibt Wohngemeinschaften. Gemeinschaftlichkeit wächst. Privatraum muss zwar da sein, aber nicht mehr in den bekannten Größenordnungen, weil Dinge ausgelagert werden. Wohnqualität wird sich in der Perspektive nicht über Größe und Ausstattung definieren, sondern über zusätzliche Nutzung und Flexibilität. Auch innerhalb von Häusern, Anlagen und Quartieren. Single-Haushalte – junge wie ältere – nehmen zu. Da wird zum Beispiel die Waschmaschine nicht mehr in der Wohnung stehen, sondern es werden Reinigungssalons genutzt. Oder die Waschmaschine wird in Gemeinschaftsräumen platziert. Auch die Küche benützen Singles eher selten. Den Coffee-to-go gibt es unterwegs, gegessen wird ebenfalls zumeist außerhalb der vier Wände. Wenn für Freunde gekocht werden soll, kann mancherorts bereits eine (Gemeinschafts-)Küche mit allen Raffinessen gemietet werden. Demografischer Wandel sowie Patchwork-Familien und Fernbeziehungen verleihen der kollaborativen Wohnkultur zusätzliche Bedeutung.

Die klassische Wohnung (nach Funktionen – Küche, Wohn-, Schlafraum) wird es demnach nicht mehr geben?

Varga: Bewohner wurden früher über den Einrichtungsstil definiert, der repräsentative Faktor spielte eine große Rolle. Künftig wird sich der Bewohner mehr über sein Konzept definieren: Wie konzipiere ich mein Lebensumfeld? Die Wohnungsstrukturen haben sich ja bereits geöffnet. Offene Küchen, Verschmelzung von Bad und Schlafzimmer – das gibt es bereits. Aus Räumen werden Zonen – je nach Lebensphase und Stilempfinden – umgestaltet.

Vorarlberg ist ein Land der Häuslebauer. Werden die aussterben?

Varga: Ich komme aus dem Schwabenländle und kenne das Häuslebauen gut. Sterben die Häuslebauer aus…. Ja, sie sterben aus. Nicht einmal aus der Not heraus, weil es kein Land gibt. Vor allem, weil sich die Lebensbiografien ändern. Kinderzeit, Ausbildung, Familie, Hausbau das wird sich nicht mehr spielen. Heute sind die jungen Menschen mobiler, ziehen an andere Orte. Das Familienhaus verliert an Bedeutung. Auch die klassische Familienform verändert sich. Die Scheidungsrate beträgt 50 Prozent.

Es wird aber doch Leute geben, die auf das Klassische setzen?

Varga: Das schließe ich nicht aus. Aber Menschen, für die das Haus noch eine Rolle spielt, müssen auch neue Wege gehen. Mehrere Familien werden sich zusammenschließen und ein gemeinsames modulartiges Gebäude errichten lassen. Die Wohnhäuser der Zukunft werden nicht mehr als einzelne Einheiten gestaltet, sondern als ganzheitlich ausgerichtete Lebensräume. Diese Räume bieten vielen unterschiedlichen Lebenskonzepten unter einem Dach Platz. Häuser werden in Raumsystemen konstruiert, die ein Miteinander innerhalb der Hausgemeinschaft ermöglichen.

Sie sagen: „Wir brauchen neue, kreative Wohnkonzepte.“ Die Rede ist von Wohnungs­angeboten, die sich nicht an „lebenslang“, sondern an „Lebensphasen“ orientieren. Was bedeutet dies?

Varga: Wohnen ist nicht mehr ein endgültiger Zustand mit fixer Ausstattung, sondern ein sich stetig wandelnder Prozess. Interessant sind Mehrgenerationenkonzepte. Je nach Lebensphase wird der Lebensstil verändert und adaptiert. Entsprechend verwandeln sich im Laufe der Lebensjahre auch die Wohnvorstellungen und -bedürfnisse.

Gibt es ein Beispiel dafür?

Varga: Mein Lieblingsbeispiel ist Japan. Dort werden die Menschen am ältesten. Es gibt intelligente Architekturkonzepte, die die verschiedenen Lebensphasen berücksichtigen. Flexible Grundrisse, Barrierefreiheit etc. – es werden sowohl die Bedürfnisse der jungen Menschen als auch die der älteren integriert. Wohnraum definiert sich über Konzepte, nicht in Form der vier Wände. Grundidee ist es, die Privatsphäre entsprechend der Lebensphase zu sichern, aber die Generationen über „Collaborative Living“ zu verbinden.

Interview: Heidrun Joachim

Zur person

Christiane Varga, Jahrgang 1985, stammt aus Ulm (D) und lebt jetzt in Wien.

Nach dem Studium der Germanistik und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München war sie Chefredakteurin des Grazer Kulturmagazins „Living Culture“ und Journalistin im Bereich Wohnen und Interior Design. Seit 2012 ist Varga im Think Tank des Wiener Zukunftsinstituts aktiv. Die Germanistin und Soziologin fokussiert sich in ihrer Arbeit auf raumbezogene Gesellschafts­analyse mit den Schwerpunkten New Living, New Work und Geschlechterrollen.

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