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Vorarlberger­ Modell als ­Vorbild für Bund

Seit 1994 gibt es in Vorarlberg das Instrument der Jugendgerichtshilfe. Jetzt zeigt sich auch der Bund interessiert, es österreichweit einzuführen.

Im Rösslepark in Feldkirch wurden gestern Nachmittag die neuen Räumlichkeiten des Vereins „Neustart“, der für Bewährungshilfe zuständig ist, offiziell eröffnet. Einer der Redner war dabei auch Chris­toph Koss, Geschäftsführer Sozialarbeit „Neustart Österreich“ aus Wien. Und dieser lobte das Vorarlberger Modell der Jugendgerichtshilfe, das hierzulande seit zwanzig Jahren praktiziert wird.

Konkret geht es dabei um eine intensive Zusammenarbeit mehrerer Einrichtungen, um Haft für Jugendliche, also für 14- bis 18-Jährige, so weit wie möglich zu vermeiden beziehungsweise Maßnahmen zielsicher anzuordnen und durchzuführen. Ein Ansatz, der mit dem neuen Justizminister Wolfgang Brandstetter auch bundesweit konkret verfolgt werden soll – nicht zuletzt auch aufgrund von Vergewaltigungen jugendlicher U-Häftlinge in einem Wiener Jugendgefängnis im Sommer letzten Jahres.

Frühe Erhebungen

Entstanden ist die Vorarl­berger Jugendgerichtshilfe, weil einige Personen in der damaligen Jugendwohlfahrt überzeugt waren, dass man Möglichkeiten schaffen müsse, um so gut wie möglich an die Jugendlichen ranzukommen, erläutert Winfried Ender, der Leiter von „Neustart Vorarlberg“. Ein „klassisches Instrument der Tertiärprävention“, also grob gesagt dem möglichst Geringhalten von Auswirkungen und Folgeschäden, wenn der Schaden schon da ist. Ein Jugendlicher, der eine Strafanzeige am Laufen hat, wird dabei noch vor der Verhandlung dem Verein „Neustart“ zugewiesen, der eine Erhebung macht. „Wir reden mit ihm, den Eltern, schauen uns sein Umfeld an“, sagt Ender. Für die bevorstehende Verhandlung wird dann ein Erhebungsbericht zur besseren Information des Richters gemacht, in dem auch schon Empfehlungen drin sind.

Abschlussbericht

Die Verhandlung wird zudem vorbereitet und der Jugendliche begleitet. Anschließend gibt es eine Nachbereitung und einen Abschlussbericht, der an die Jugendwohlfahrt geht, wo genau berichtet wird, was gemacht wird. „Wenn wir etwa bei einem 17-Jährigen draufkommen, dass es in der Familie große Schwierigkeiten gibt, empfehlen wir vielleicht ein halbes Jahr in einer betreuten Wohngemeinschaft“, liefert Ender ein Beispiel. Es werde ganz genau geschaut, was der Jugendliche benötige.

„Es geht darum, möglichst früh zu profunden Erkenntnissen zu kommen, um Interventionen setzen zu können“, sagt Koss, der die hierzulande übliche Praxis als „Idealmodell und Best Practice“ bezeichnet, das er sich für ganz Österreich­ wünschen würde. In Wien gebe es zwar auch eine von der Justiz finanzierte Jugendhilfe. Problematisch sei aber insgesamt die Finanzierung, auch weil die Bewährungshilfe vom Bund finanziert wird, die Jugendwohlfahrt aber von den Ländern und dadurch eine Schnittstelle entstehe. Wobei hierzulande 90 Prozent der Finanzierung das Land und zehn der Bund übernimmt.

Aber mit dem neuen Justizminister gehe die Tendenz bei jugendlichen Straftätern ganz stark Richtung Entwicklung und Erziehung und weniger Haft, sagt Koss, zumal in Österreich auch mehr Jugendliche in Untersuchungs- und Strafhaft sitzen würde als in anderen europäischen Ländern. So soll die U-Haft nur mehr als allerletzte Maßnahme bei einem ganz geringen Teil von Jugendlichen zum Tragen kommen. Wobei der Schwerpunkt der U-Haft für Jugendliche in den letzten Jahren vor allem in Wien gelegen sei, erläutert Koss, in Vorarlberg gebe es vergleichweise nur wenige jugendliche U-Häftlinge.

Rund 40 Jugendliche seien derzeit österreichweit in U-Haft, informiert Koss, 50 bis 60 in Strafhaft. Wobei die Zahl schon in den letzten Monaten um ein Drittel gesenkt werden konnte. Und dann gibt er noch zu bedenken, dass 95 Prozent der Jugendkriminalität episodenhaft seien, also keine „kriminelle Karriere“ folgen würde.

Der Bundesminister würde sich eine Kooperation zwischen Bund und Land wünschen, meint Koss dann weiter, zur Überwindung der derzeit bestehenden Schnittstelle, denn „die Sicherung und Verwahrung von Jugendlichen darf im 21. Jahrhundert nicht mehr im Fokus stehen“. Der Bericht der Task force „Jugend-U-Haft“, die nach den Vergewaltigungen eingesetzt worden war, liege vor. Jetzt gehe es darum zu klären, welche Maßnahmen wie umsetzbar seien. Und da ist das Vorarlberger Modell vorbildhaft.

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