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„Ich wusste nicht, dass ich in Österreich bin“

Es ist kein Geheimnis: Auf Öster­reichs Autobahnen herrscht Vignettenpflicht. Und das nicht erst seit gestern. Wer ohne „Pickerl“ erwischt wird, muss tief in die Tasche greifen. 120 Euro sind dann weg. Trotzdem lautet eine der beliebtesten Ausreden: „Ich wusste nicht, dass ich in Österreich eine ­Vignette brauche.“

Isabel Seidel

Es ist 9 Uhr morgens. René Tonini und seine Kollegen von der Asfinag stehen an der Rheintalautobahn in Hörbranz bereit. Ihre Augen sind fest auf die vorbeifahrenden Autos gerichtet. Routiniert suchen sie jede Windschutzscheibe nach der aktuellen „Limette“ ab. Erfahrungsgemäß wird es nicht allzu lange dauern, bis der erste Sünder ertappt ist.
Nach nur zehn Minuten winkt einer der Kontrolleure ein Fahrzeug mit schweizerischem Kennzeichen auf den Parkplatz. Ein älterer Herr mit Schnauzer und Karo-Hemd sitzt hinter dem Steuer und wirkt etwas ratlos. „In Österreich brauchen Sie für die Autobahn eine Vignette“, erklärt ihm Tonini. „Ach so, wie bei uns in der Schweiz? Das wusste ich ja gar nicht“, antwortet der Fahrer und zieht überrascht die Augenbrauen hoch. Bezahlen muss er selbstverständlich trotzdem. Aber der Schweizer nimmt’s gelassen. Mit einem freundlichen Lächeln erklärt er, er müsse nur schnell seine Kreditkarte aus dem Auto holen. Zum Abschied wünscht er den Kontrolleuren noch fröhlich „ein gutes Geschäft“.
Heute und morgen darf er mit dem Bescheid über die Strafe die österreichische Autobahn noch benutzen. So einsichtig wie dieser Fahrer sind bei Weitem nicht alle. Nach Angaben der Asfinag-Mitarbeiter halten sich die Extremfälle aber glücklicherweise in Grenzen. Denjenigen, die sich weigern zu bezahlen, blüht eine behördliche Anzeige. Diese kostet dann zwischen 300 und 3000 Euro.
Derweil nähert sich ein Fahrer, der das „Pickerl“ im Bereich des Tönungsstreifens angebracht hat. Streng genommen ist das zwar nicht ganz korrekt, die Kontrolleure sind in einem solchen Fall jedoch kulant. Sie weisen den Lenker lediglich auf seinen Fehler hin, eine Strafe bleibt aus.

Weniger Glück

Der nächste Kandidat hat weniger Glück. Beim Einfahren streckt der Schweizer die Hand aus dem Fenster und winkt zuversichtlich mit einer Zehn-Tages-Vignette. Er hätte sie jedoch besser auf die Windschutzscheibe geklebt, denn so ist diese leider ungültig. Der hochgewachsene Mann im Anzug sieht das allerdings anders. Schon während er aus seinem silbernen Mercedes steigt, schimpft er lautstark los: „Ich kaufe die Vignette und zahle trotzdem Strafe? Das ist doch ein Witz!“ Seit zwanzig Jahren sei er jede Woche auf dieser Strecke unterwegs, so etwas sei ihm aber noch nie untergekommen. „Gestern habe ich das Ding auch einfach vorgezeigt. Der Kontrolleur meinte, das ginge in Ordnung und heute soll es plötzlich nicht mehr gehen?“ Gelassen zitiert Tonini den aufgebrachten Herrn zum Kontrollfahrzeug. Dieser denkt aber gar nicht daran, sich zu beruhigen und blafft, er werde mit Sicherheit nicht bezahlen. Erst als er hört, welche Konsequenzen ihm drohen, holt er knurrend seine Karte. Doch das Gezeter nimmt kein Ende: „Das ist wieder einmal typisch für euch Österreicher. Finden Sie eigentlich gut, was Sie hier machen?“ „So ist eben das Gesetz“, erklärt Tonini beschwichtigend. „Ach, hören Sie doch auf!“, gibt der Mann fauchend zurück. Abschließend wirft er dem Kontrolleur noch einen etwas unfeinen Ausdruck an den Kopf und rauscht beleidigt davon.

Tonini lässt sich davon aber nicht die Laune verderben. Nach zehn Jahren bei der Asfinag ist der Tiroler einiges gewohnt. „Teilweise werden die Leute wirklich niveaulos. Die schlimmsten Beleidigungen mag ich gar nicht wiederholen“, erzählt er. Sein Kollege lotst währenddessen einen schicken schwarzen Audi auf den Parkplatz. Wieder ist es ein Schweizer. Hektisch öffnet der Fahrer das Fenster. „In Öster­reich haben wir Vignettenpflicht“, erklärt Tonini und deutet auf die leere Windschutzscheibe. „Jaja, ich weiß. Ich hatte keine Zeit, sie zu kaufen“, antwortet der junge Mann und steigt aus. Nervös schaut er auf die Uhr. Die Strafe scheint für ihn zweitrangig zu sein. Viel schlimmer ist offensichtlich der Zeitverlust. „Lassen Sie mich einfach schnell bezahlen, damit ich weiterfahren kann. Ich hab’s wirklich sehr eilig“, drängt er. Mit der Quittung in der Hand geht er mit großen Schritten zu seinem Wagen zurück und düst in Richtung Autobahn davon. „Der war wenigstens ehrlich. Die meisten tun so, als wüssten sie nichts von der Vignette. Wahrscheinlich muss er schnell zum Flughafen“, meint Tonini etwas amüsiert.

Nachbarn erwischt

Nicht nur heute bezahlen hauptsächlich Schweizer und Deutsche. Während die Österreicher mittlerweile größtenteils brav das „Pickerl“ aufkleben, versuchen viele unserer Nachbarn immer noch, dem Kauf zu entgehen. „Einige geben sogar an, sie hätten nicht gewusst, dass sie in Öster­reich sind“, berichtet Tonini.
Und schon hat es den Nächs­ten erwischt. Eine Blondine aus Deutschland fährt jetzt auf den Platz. Etwas ängstlich blickt sie an dem Mann von der Asfinag empor. Dass sie etwas falsch gemacht hat, scheint ihr bewusst zu sein. „Haben Sie denn die Schilder nicht gesehen? Überall steht doch, dass Sie auf der Autobahn eine Vignette brauchen“, erklärt Tonini. „Die Hinweise habe ich schon gesehen. Ich dachte halt, dass ich sie hier noch kaufen kann“, rechtfertigt sich die junge Frau. Sie wirkt zwar alles andere als glücklich, aber immerhin bleibt sie höflich und zahlt ohne Murren ihre Strafe.
Es ist jetzt zehn Uhr. In nur einer Stunde haben die Männer von der Asfinag vier „Pickerl“-Sünder aus dem Verkehr gezogen. Wie viele es heute noch treffen wird, kann Tonini nicht sagen. „Das ist unterschiedlich. Am Wochenende und in den Ferien sind es meist etwas mehr.“ Unterschiedlich sind auch die Reaktionen. Von freundlich-gelassen über gereizt bis hin zu ausfallend. Eines wird sich hingegen wohl nicht so schnell ändern: Die Engelsgeduld, mit der René Tonini und seine Kollegen auf den österreichischen Autobahnen für Ordnung sorgen.

„Die Extremfälle halten sich in Grenzen.“

René Tonini, Service- und Kontrolldienst der Asfinag

Vignettenpflicht

Die Vignette wurde 1997 in Österreich eingeführt. Die Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft (Asfinag) besteht seit 1982. Alle Einnahmen aus der Maut werden in den Bau, den Betrieb und die Sicherheit des österreichischen Straßennetzes investiert.

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