Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Auf Diebestour mit den „Hardar Wealloruschar“

Das „Bratenstehlen“ am „gumpiga Donnerstag“ ist ein alter Vorarlberger Brauch. Der Harder Faschingsverein lässt diesen wieder aufleben.

Isabel Seidel

Donnerstagvormittag. Eine Räuberbande treibt in Hard ihr Unwesen. Ihr Ziel: Gasthäuser, Metzgereien und in Geschäften die Fleischtheken. Mit Instrumenten bewaffnet fallen sie über ihre Opfer her und schleppen die Beute in orangefarbenen Kisten davon. Zwölf unschuldige Braten werden auf diese Weise entführt und sind wenige Stunden später verschwunden – in den Mägen der Räuber.

Alles legal

Aber keine Sorge. Alles ist völlig legal. Die „Gauner“ sind alte Bekannte. Jedes Jahr gehen die „Hardar Wealloruschar“ am „gompiga Donnerstag“ auf Diebestour. Das „Bratenstehlen“ ist eine alte Tradition, die früher in ganz Vorarl­berg verbreitet gewesen ist. Deren Ursprung liegt vermutlich im 13. Jahrhundert. Während der Faschingszeit war es damals den Narren erlaubt, Braten aus der Klosterküche zu stehlen.

Die „Hardar Wealloruschar“ gibt es seit 1994. Zehn Jahre waren sie eigentlich ein Guggamusik-Verein. 2004 folgte dann eine Umstrukturierung. Seitdem widmen sich der Faschingsverein der Pflege alter Vorarlberger Bräuche. Und so beschlossen die „Wealloruschar“ im Jahr 2005, dem Bratenklau alljährlich wieder zu frönen. So auch heuer. In einem weißen, alten Bus fahren die 48 Mitglieder zu ihrer ersten Station: Eine kleine Metzgerei im Harder Zentrum. Mit dabei ist das Inselshoworchester Höchst (ISOH), das den „Bestohlenen“ zum Dank ein Ständchen bringt. Letzte Instruktionen von der Obfrau Petra Gebhard und schon strömen alle hinein. Mit einem kräftigen „Hi Ha Ho“ werden die Mitarbeiter und Kunden im Laden begrüßt. Zu den Klängen von „I’m so excited“ nimmt „Ober-Wealloruschar Ingo Mager“ den ersten Braten in Empfang.

Und weiter geht’s. Die Fleisch­theke des Supermarkts ist jedoch wie ausgestorben. Die ISOHs blasen zum Sturm auf die Küche, wo sie die Verkäuferinnen und vor allem den Braten vermuten. Und sie haben Recht. Dampfend und säuberlich in Alu-Folie gewickelt liegt dieser schon bereit. Nach der ganzen Aufregung haben sich die „Wealloruschar“ eine kleine Stärkung verdient. Die Spender des saftigen Fleischbrockens haben vorgesorgt und bereits ein großes Tablett mit Leberkäsesemmeln vorbereitet. Die Tradition verlangt, auf jeden geklauten Braten mit einem Schnäpschen anzustoßen. Weil man Regeln ja nicht brechen soll, gibt es jetzt für jeden einen Schluck Obstler.

Absprachen getroffen

Während die Braten früher unangekündigt entwendet wurden, spricht sich der Verein heute im Vorfeld mit den Wirten und Geschäften ab. Auch Privatpersonen können sich melden. Die „Wealloruschar“ holen die hausgemachte Köstlichkeit dann höchstpersönlich ab. Moni aus Hard hat genau das getan. „Schön, dass ihr da seid. Ach, ist das wunderbar“, ruft sie begeistert, als sie die Menschenansammlung in ihrem Garten erblickt. Die ISOHs haben sich jetzt warm gespielt und zeigen, was sie können. Im ganzen Haus hat sich ein betörender Geruch ausgebreitet. Das ist natürlich der Braten. Nur immer der Nase nach und schon steht die ganze Truppe in der kleinen Küche. „Vergesst den Schnaps nicht“, mahnt Moni und hat schon die Flasche in der Hand.

Obfrau Petra Gebhard treibt ihre Kollegen an: „Abfahrt! Um Viertel vor zwölf müssen wir fertig sein.“ Dann wird die Beute nämlich auf dem Rathausplatz an die hungrige Bevölkerung verteilt. So gemütlich es auch in Monis Wohnzimmer ist, die Pflicht ruft. Also schnell zurück in den Bus, der sich scheppernd in Bewegung setzt. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Das nächste „Opfer“ ist wieder in einer Metzgerei. Die Chefin leis­tet jedoch unerwartet Widerstand. In gespielter Verzweiflung klammert sie sich an dem gut verschnürten Paket fest.
„Ober-Weallaruschar“ Ingo Mager nimmt die Sache persönlich in die Hand und sogleich ist die Warmhaltebox noch ein bisschen voller geworden.

Aber natürlich war das alles nur ein Scherz. Die lustige Meute wird überall freundlich empfangen. Auch auf der Straße rufen und winken ihnen die Leute zu. Die Wirtin im nächsten Gasthaus zeigt sich besonders großzügig und sponsert gleich zwei riesige Krustenbraten. Als Dankeschön gibt es von den ISOHs eine Zugabe. Jetzt ist die Kiste voll, da hilft kein Quetschen und kein Drücken mehr. Die Zeit wird ohnehin langsam knapp. Am Rathausplatz müssen nämlich noch einige Stände aufgebaut werden. Also zurück zum Ausgangspunkt. Während sich eine Hälfte der „Wealloruschar“ nun den Aufbauarbeiten widmet, machen sich die anderen wieder auf den Weg. Schließlich müssen sie genug Braten zusammenbekommen, um 250 Semmeln zu befüllen.

„Der schmutzige Donnerstag ist unser Tag im Jahr“, sagt Petra Grabher, während sie wieder in den Bus steigt. Die letzten Braten müssen noch ihre Besitzer wechseln.

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.