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„Ephemera“ – Verein für Alltagsgrafik

Sammler aus Leidenschaft

Der Höchster Friedl Wolaskowitz ist ein begeisterter Sammler von alltäglichen Dingen. 1990 gründete er den Verein „Ephemera“, um sich mit anderen Sammlern auszutauschen und Tauschbörsen zu veranstalten.

Martina Kuster (Text) und Bernd Hofmeister (Fotos)

Das Sammelfieber packte ihn schon als Bub. Da hatte es Friedl Wolaskowitz (heute 62) auf Briefmarken abgesehen. Und seine Sammelleidenschaft hat sich bis heute erhalten. „Das ist wie Atmen. Man kann nicht aufhören damit“, behauptet der Höchster. Er muss es wissen. Hat er doch in seinem Leben schon mehrere zehntausend Dinge zusammengetragen. Es gibt fast nichts, was er nicht schon gesammelt hat: Kaffee­rahmdeckel, Zündholzschachteln, Feuerzeuge, Würfelzucker, Postkarten, Schuhcremedosen, Überraschungseier, Waschmittelkartons, Autobahnvignetten, Teebeutel, Eisdeckel, Bierdeckel, Milchkartons, Christbaumanhänger, Banknoten, Telefonwertkarten, Fahrscheine, Kronkorken, Verschlüsse, Schultüten, Rasierklingenhüllen …

Wenn er meint, von einem Objekt genug zu haben, sucht er sich neue Dinge der Begierde. Zur Zeit hat er es auf Lotterielose (aus aller Welt) abgesehen. 50.000 Stück besitzt er schon. Aber sein Interesse daran ist noch nicht erloschen. Eben erst hat er Lotteriescheine aus der Türkei mitgebracht. „Egal, wo – ich halte immer die Augen offen.“

Sein Eifer beschert ihm natürlich auch Platzprobleme. „Zu Hause sind drei Zimmer für mich und mein Hobby reserviert. Da habe ich Regale, die voller Mappen und Schachteln sind.“ Freilich: Für größere Dinge ist da kein Platz. Darum wich der pensionierte Lehrer in den Keller der Hauptschule Höchst aus.

„Das ist mein Lager“, sagt er und öffnet die Tür. Der kleine Raum ist mit Utensilien vollgestopft. Wolaskowitz greift zuerst zu einer Zeitung aus dem Jahre 1914. Die Schlagzeile der „Tagespost“ lautet: „Ultimatum an Serbien.“ Daneben liegt ein Büchlein mit alter Schrift. „Das ist die Krönungsgeschichte von Karl V.“, verrät der Höchster stolz und er weiß: Diese wurde im Jahre 1520 auf den Straßen verschenkt. Wolaskowitz greift in eine Kiste und zieht eine Postkarte aus Baumrinde heraus. „Die stammt aus dem Ersten Weltkrieg.“ Dann zeigt er auf ein Gerät, bei dem nicht zu erraten ist, was es ist. Der 62-Jährige klärt auf: „Das ist ein Massagegerät aus dem Jahre 1890.“

In einer Vitrine stehen alte Maggi-Flaschen. „Die stammen aus dem Jahre 1900. Damals ist die Firma Maggi aus der Schweiz nach Vorarlberg gekommen.“ Nun kramt der Mann eine Brille hervor. „Das ist eine Sonnenfinsternisbrille aus dem Jahre 1999. Die hatte nur für zwei Minuten einen Sinn.“ Stolz ist der Höchster auch auf seine kleine Sammlung von Bazooka-Papierchen. „Diesen Kaugummi haben US-Soldaten in den 40er- und 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ins Land mitgebracht.“

Viele der Utensilien, die hier lagern, widerspiegeln vergangene Alltagswelten. Und genau darin liegt laut Wolaskowitz deren Wert. „Es lohnt sich, die Dinge zu bewahren. Denn heute haben diese einen kulturhistorischen Wert.“

1990 gipfelte sein Sammel­eifer in der Gründung des Vereins „Ephemera – Verein für Alltagsgrafik“. „Ephemera“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „kurzlebig“. Es steht für Alltagsgegenstände, die für einen einmaligen beziehungsweise kurzen Gebrauch bestimmt sind „wie etwa Briefe, Postkarten, Werbung, Eintrittskarten, Plakate, Poster und andere Kleindrucksachen“, erklärt Wolaskowitz.

Der Verein startete mit fünf Mitgliedern. Sie kommen aus ganz Österreich und dem Bodenseeraum und sammeln keine Kunst oder Antiquitäten, sondern eben jene alltäglichen Dinge, die nur kurzzeitig Verwendung finden. „Ich habe den Verein gegründet, um Gleichgesinnte kennenzulernen, ihnen und mir die Möglichkeit zum Tauschen zu geben und entsprechende Börsen organisieren zu können“, informiert Wolaskowitz, Obmann des Vereins, über seine Motivation. In seiner Hochblüte hatte der Verein 430 Mitglieder. „Das war Ende der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts.“ Inzwischen sind es nur mehr 75 Mitglieder. „Etliche sind verstorben und Junge kommen kaum nach“, bedauert der Obmann die Überalterung der Vereinigung und den sukzessiven Mitgliederschwund.

Wolaskowitz wundert es, dass nicht mehr Leute Sammler sind, „wo dies doch so viel Spaß macht“. Gerade die kleinen Alltagsdinge seien es doch wert, bewahrt zu werden. Weil diese Zeitdokumente seien, die die schnelllebige Wegwerfgesellschaft besser dokumentieren könnten als zum Beispiel Antiquitäten. „Nachfolgenden Generationen wird sich beim Betrachten dieser Sammlungen der Alltag unserer Zeit eindrücklich darstellen“, ist Wolaskowitz überzeugt.

Der Obmann von „Ephemera“ möchte die Sammlungen des Vereins einem breiten Publikum zeigen. Deshalb wünscht er sich seit Langem ein Museum. „Bislang konnten wir aber keine Räumlichkeiten auftreiben. Es wäre schön, wenn uns jemand welche zur Verfügung stellen würde, bevorzugt natürlich im Raum Höchst. “

Die nächste große Sammlerbörse des Vereins ist übrigens im Herbst geplant, und zwar am 6. und 7. September im Pfarrsaal Höchst (mehr Informationen unter Tel. 0043(0)699-11499512).

■ Ihr Verein soll im Rahmen der Serie vorgestellt werden? Dann schicken Sie eine E-Mail an dunja.gachowetz@neue.at.

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