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Damit Heimbewohner mehr Freiheit erhalten

In Lindau wird seit Jänner das Konzept des Werdenfelser Weges umgesetzt. Demenzkranke sind nun häufiger unterwegs. Dies verlangt auch ein Umdenken beim Thema Sicherheit.

Evi Eck-Gedler

Verschlossene Zimmer- oder Gangtüren, fixiert in Bett oder Rollstuhl – Ivo Holzinger kennt solche Fälle. Er ist als Richter am Lindauer Amtsgericht zuständig für Betreuungsrecht. Und er hilft den Senioren- und Pflegeheimen im Landkreis, sich auf den Werdenfelser Weg zu begeben – der alten und dementen Menschen mehr Freiheit geben soll.

Seine Umgebung nimmt der alte Mann kaum noch wahr. Seine Erinnerung ist allerdings stark: Da hinten, da ist der Säntis, da will er hin. Doch die Tür ist verschlossen. Eine andere Seniorin neigt dazu, aus dem Rollstuhl zu rutschen. Seither hält ein Sitzgurt sie dort fest. Und ihre Zimmernachbarin muss gleich ganz hinter einem Bettgitter verharren: Angehörige und Pflegepersonal haben Angst, dass die bettlägerige Frau sich bei einem Sturz aus dem Bett verletzen könnte.

Es sind Situationen, die bisher in Pflegeheimen durchaus Alltag gewesen sind. Die aber alten Menschen die Freiheit nehmen – die Freiheit, aufzustehen und zu entscheiden, was sie unternehmen wollen. Rund 1200 Senioren leben in den Heimen im Landkreis Lindau. Menschen, die mit altersbedingten Einschränkungen und Krankheiten wie eben Demenz leben, und damit oft auch mit einem erhöhten Sturz- und Verletzungsrisiko.

Aufsichtspflicht

Eva Krezlewski kümmert sich tagtäglich um alte Menschen. Die stellvertretende Pflegedienstleiterin (PDL) des Seniorenheims Reutin ist dort fürs Qualitätsmanagement zuständig. Bisher sei die Alltagsarbeit in schwierigeren Fällen durchaus ein Spagat „zwischen Amtsgericht und Krankenkassen“ gewesen. Denn verzichte das Pflegepersonal beispielsweise auf ein Bettgitter und der alte Mensch breche sich beim Sturz aus dem Bett Arm oder Bein, „dann schiebt die Krankenkasse den schwarzen Peter dem Personal zu, weil wir angeblich unsere Aufsichtspflicht nicht erfüllt haben“.

Ivo Holzinger kennt diesen Interessenkonflikt: „Sie müssen abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit.“ Ist ein betagter Heimbewohner so unruhig, dass ihm eine größere Verletzungsgefahr droht, dann muss das Heim (möglichst gemeinsam mit den Angehörigen) beim Amtsgericht Bettgitter oder Bauchgurt für den Rollstuhl beantragen – eben eine freiheitsentziehende Maßnahme.

Es sind Beschlüsse, die der Richter nicht gerne fasst. Denn auch ein Demenzkranker oder bettlägeriger Senior habe ein Recht auf Freiheit. Davon ist Ivo Holzinger überzeugt. „Sie dürfen die Nebenwirkungen nicht vergessen: Wenn ein alter Mensch im Bett liegt, und das Bettgitter bleibt hochgeklappt, dann ist auch der körperliche Verfall programmiert.“

Der Amtsrichter sieht im Konzept des Werdenfelser Weges eine große Chance. Zusammen mit Ingeborg Patzke, die im Landratsamt für Seniorenbelange zuständig ist, hat er die Heimverantwortlichen angesprochen. Klar ist beiden: Es müsse ein Umdenken stattfinden. „Wir müssen die Bürger sensibilisieren“, wie es Patzke formuliert. Und Holzinger fügt an: „Wir müssen dabei natürlich auch bewusst das Risiko eines Sturzes eines alten Menschen in Kauf nehmen.“

Eva Krezlewski ist froh, dass auch ihr Haus sich ab Jänner bewusst auf den Werdenfelser Weg einlassen will. „Mit dem ganzen Papierkram für die Krankenkassen sind wir bisher allein gewesen.“ Auf der anderen Seite habe das Seniorenheim Reutin im Schnitt zwei bis drei Anträge auf Bettgitter oder Ähnliches pro Monat ans Gericht geschickt.

Die landen alle auf Holzingers Schreibtisch: Seit Februar 2103 habe er rund 250 Anträge zu bearbeiten gehabt. Immer versuche er dabei, die Situation mit den Augen der Betroffenen zu sehen: „Die alten Leute können sich ja nicht mehr wehren.“

Offene Türen werden Alltag

Im Reutiner Seniorenheim hat sich schon einiges geändert. War früher die Tür zur Oase als beschützende Station mit einem Zahlenschloss gesichert, so ist diese seit gut drei Jahren frei zugänglich. Da komme es schon vor, dass der ein oder andere demente Senior ein Weilchen durch Reutin spaziere. „Manche finden heim, bei anderen werden wir angerufen“, schildert die stellvertretende PDL. Wobei das Abholen der betagten Ausflügler auch nicht immer einfach sei: „Wir können ja nicht einfach von der Station weg.“

Einen Punkt des neuen Konzeptes sieht Krezlewski als deutliche Entlastung: Es bietet die Möglichkeit, Betreuung und Pflege betroffener Senioren künftig mit einem Verfahrenspfleger abzusprechen. Wie die Lindauer mit den betroffenen Senioren im Alltagsleben umgehen sollen, ob sie nun scheinbar orientierungslos in einem Stadtteil herumlaufen oder in einem Geschäft landen, da möchte Ingeborg Patzke in nächster Zeit noch einiges an Informationsarbeit leisten. Möglich macht ihr das das Leaderprojekt Demenz, das noch gut eineinhalb Jahre läuft.

Alle Seiten sind froh, dass der Werdenfelser Weg in den Heimen im Landkreis Lindau Alltag wird: Der Richter, weil er auf weniger Anträge und mehr Freiheit für die Heimbewohner hofft. Das Pflegepersonal, weil ihnen einiges an Last abgenommen wird. Und der alte Mann kommt seinem heißgeliebten Säntis ein paar Schritte näher.

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