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Tierische Therapeuten

Gefühle zulassen und diese zeigen, aber auch Grenzen kennenlernen und diese respektieren. Das sind nur zwei Beispiele, die Birgit Knecht Mädchen und Buben in einer tiergestützten Therapie mit Hilfe von Alpakas und einem Lama vermittelt. Es ist ein Angebot der Beratungsstelle Clean Feldkirch für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Dunja Gachowetz

Schon von Weitem ist die kleine Gruppe zu sehen. Drei Mädchen und zwei Burschen spazieren gemächlich durch Röns. Begleitet werden die Heranwachsenden im Alter von drei bis 13 Jahren von Birgit Knecht. Sie geht am Ende der kleinen Formation. Das Sextett zieht die Aufmerksamkeit anderer Spaziergänger auf sich. Vor allem, weil jedes Kind noch einen Vierbeiner an einer Leine führt. Vier Alpakas und ein Lama traben gemächlichen Schrittes neben den Kindern her, lassen sich – so scheint es – willig führen.

Angehörigenarbeit

Die Tiere der Anden mit den teils lustigen „Frisuren“ gehören Birgit, die bei der Beratungsstelle Clean in Feldkirch angestellt ist. Jede Woche trifft sich die Soziale Verhaltens- und Erziehungswissenschafterin für zwei Stunden mit den Mädchen und Buben in Röns. Aber nicht, um nur spazieren zu gehen. Sondern: Sie kommen seit Jänner jeden Freitag im Rahmen der tiergestützten Therapiegruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien zusammen. Ein Angebot der Beratungsstelle Clean Feldkirch, aus der Taufe gehoben vor zwei Jahren. Birgit über die Gründungsmotive: „Neben den Therapien mit den Betroffenen leisten wir auch viel Angehörigenarbeit, vor allem mit Partnern und Eltern. Wer bisher jedoch immer zu kurz gekommen ist, das war der Nachwuchs der Betroffenen.“

Mittlerweile hat die Gruppe eine eingezäunte Wiese gegenüber des Spielplatzes in Röns erreicht. Die Mädchen und Buben führen ihre tierischen Begleiter auf die Koppel, nehmen ihnen die Halfter ab. Eines der Tiere geht sofort zielstrebig auf ein Erdloch zu, legt sich hinein und wälzt sich genüsslich. Eine Staubwolke steigt auf und zieht in Richtung der Kinder. Die sitzen auf einer Decke in der Wiese, trinken Wasser oder essen eine Banane oder Karotten. Ein paar schnappen sich Papier und Buntstifte und malen die Vierbeiner, die in einiger Entfernung stehen. Nur Calypso, das Lama, ist direkt neben den Kindern. Es hofft wahrscheinlich, dass ein Karottenstück abfällt. Lange muss das Tier nicht warten und eines der Mädchen streckt ihm das Gemüse entgegen.

Einfach Kind sein

Einstweilen berichtet die Fachfrau für tiergestützte Pädagogik und Therapie über ihre Arbeit mit den Heranwachsenden: „Bei dieser Art der Therapie sollen die Mädchen und Buben für zwei Stunden einfach Kind sein, ohne dabei in irgendeine Rolle schlüpfen zu müssen. Das kommt in ihrem Alltag manchmal zu kurz. Gerade wenn sie noch jüngere Geschwister haben, übernehmen sie innerhalb der Familie dann oft die Verantwortung für die Kleinen. Auch wenn ihre Mamas und Papas eigentlich nur das Beste für ihren Nachwuchs wollen, kann auf die Bedürfnisse der Kleinen oft nicht angemessen eingegangen werden.“ Zudem sollen die Heranwachsenden lernen, dass sie Gefühle zulassen und auch zeigen dürfen. „Sie sollen erleben, dass Trauer und Angst genauso zum Leben gehören wie Liebe und Freude“, erklärt Knecht. Während sie erzählt, sortieren die Kinder auf der Decke eifrig kleine Kärtchen. Auf diesen sind gelbe Gesichter gemalt. Jedes hat einen anderen Gesichtsausdruck. Das eine ist traurig, das andere fröhlich, das nächste wütend. Mithilfe dieser Karten sollen die Mädchen und Buben ihre Stimmung während der vergangenen Woche wiedergeben. „Das ist nur eines von mehreren Ritualen, die wir pflegen. Beispielsweise erzählen wir uns am Anfang jedes Treffens, wie es uns geht. Da werden dann schon manchmal Themen angesprochen, die die Kinder belasten. Und wenn sie es nicht direkt mir erzählen wollen, weil es ihnen vielleicht unangenehm ist, dann gibt es Emil“, sagt Birgit. Und sofort hält einer der Buben der Expertin Emil entgehen. Es ist eine Alpaka-Handpuppe.

Nach der Begrüßungszeremonie bewältigen die Kinder mit den tierischen Co-Therapeuten meistens einen kleinen Parcours. „Manchmal passiert es dann, dass die Tiere nicht über ein Hindernis gehen wollen, weil sie vielleicht Angst haben. Genauso wie die Kinder manchmal. Die Kleinen sehen dann auch, dass nicht alles auf Anhieb perfekt klappen muss. Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen und es erneut versuchen. Dann funktioniert es auch“, erklärt Birgit und beobachtet einen der Buben, der sich gerade einem Alpaka nähert. Das Tier läuft weg. „Die Kinder lernen bei der Therapie, die Grenzen anderer zu respektieren. Manchmal ist es ihnen selbst ja ebenso unangenehm, wenn sie angefasst werden. Vor allem, wenn sich von hinten jemand anschleicht. Und dafür sind Alpakas und Lamas ganz wunderbare Co-Therapeuten“, meint Birgit und lächelt. Es ist ihr anzusehen, dass sie mit der Arbeit ihrer tierischen Begleiter mehr als zufrieden ist. Ihre Begründung, warum sie sich für diese Vierbeiner entschieden hat: „Alpakas und Lamas sind in ihrem Wesen noch sehr natürlich, sie sind auf der einen Seite Distanztiere und auf der anderen Seite doch sehr neugierig, man benötigt Zeit und Geduld, um ihr Vertrauen geschenkt zu bekommen. Sie nehmen die Stimmungen und die Körpersprache des Gegen­übers sehr fein wahr. Setzen auch mal ihren eigenen Kopf durch. Und wenn sie keine Lust auf Kuscheln haben, dann lassen sie die Kinder schon auch mal stehen und laufen weg.“

Hol- und Bringdienst

Und schon sind die zwei Stunden um. Birgit und die Kinder packen ihre Sachen zusammen und bringen diese zum Auto. Nachdem alles verstaut ist, steigen sie in die Fahrzeuge. Birgit sagt noch: „Wir holen die Mädchen und Buben zu Hause ab und bringen sie nach der Therapie wieder zu ihren Müttern und Vätern. Diesen Fahrdienst haben wir deswegen eingerichtet, weil manche Eltern es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen“, sagt sie und lächelt.

Die Kinder schauen noch zu den vier Alpakas und dem Lama auf der Weide. Still verabschieden sich die Tiere von den Kleinen. Bis zum nächsten Freitag, wenn die Gruppe wieder für zwei Stunden durch Röns zieht.

„Alpakas und Lamas sind in ihrem Wesen noch sehr natürlich.“

Birgit Knecht, Beratungsstelle Clean Feldkirch

Information

Tiergestützte Gruppen für Kinder aus suchtbelasteten Familien der Beratungsstelle Clean Feldkirch

Kontaktperson: Birgit Knecht

Adresse: Schiesstätte 12/8, 6800 Feldkirch

Telefon: 05522/38072

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