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interview

„Fühle mich als Schulsprecher innerhalb Europas“

1976 war Othmar Karas Bundesobmann der Union Höherer Schüler. Heute ist er Vizepräsident des Europäischen Parlaments und Spitzenkandidat der ÖVP.

Sie haben sich bereits als Schüler politisch engagiert, waren Bundesobmann der Union Höherer Schüler (heute: Schülerunion). Inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?

Othmar Karas: Diese Zeit hat mich natürlich sehr geprägt. Bereits als Schülervertreter habe ich alle Bundesländer Österreichs besucht, habe mit anderen Jugendlichen gemeinsame Ziele formuliert, Programme erarbeitet. Wenn ich heute an verschiedenste Orte komme, treffe ich immer wieder auf Menschen, mit denen ich damals schon zusammengearbeitet habe. Dementsprechend kann ich auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen, was mir bei meiner Arbeit im Europäischen Parlament hilft.

Sie profitieren also vor allem von den Kontakten, die Sie damals geknüpft haben?

Karas: Nicht nur. Für mich ist die Europäische Union wie eine Schule mit 28 Klassenzimmern. Jede Klasse hat einen Sprecher, aber man wählt trotzdem einen Schulsprecher. Eben weil die Klassengemeinschaft alleine noch keine Schulgemeinschaft ausmacht. Und so fühle ich mich als Schulsprecher in Europa und bemühe mich eine Identität, eine Ordnung, eine Marke „Euro­pa“ und eine Aufgabenteilung zwischen den Beteiligten zu erreichen. Die spannendste Zeit in meinem politischen Leben und auch die ehrlichste politische Arbeit habe ich während der Schulzeit erlebt.

Engagieren sich heute auch noch so viele junge Menschen politisch oder ist denen die Politik relativ egal?

Karas: Ich glaube, egal sollte uns gar nichts sein. Was mir auffällt, ist, dass wir oft einen falschen oder zu engen Politikbegriff haben. Politik ist mehr als die Mitgliedschaft in einer Partei. Funktionen, Parteien und Institutionen sind lediglich politische Instrumente. Aber wenn ich Klassensprecher werde, wenn ich eine Schülerzeitung gestalte, wenn ich einen Leserbrief schreibe oder einfach nur Verantwortung für Mitmenschen übernehme – dann agiere ich politisch. Das verstehe ich unter Demokratie und politischem Engagement. Und das ist bei den Jungen durchaus groß. Ich merke das nicht zuletzt auch an den vielen Schülergruppen, die nach Brüssel oder Straßburg kommen. An den vielen Einladungen zu Diskussionen an den Schulen, die ich erhalte.

Sie waren 1984 Teilnehmer an der Pressekonferenz der Tiere. Warum war Ihnen dies damals wichtig?

Karas: Ich war in der Anti-AKW-Bewegung, habe in der Friedenbewegung mitgearbeitet und die Zukunftswerkstätte Kraftfeld gegründet. Ich wollte das gesellschaftliche Engagement der jungen Menschen stärken und den zivilen Widerstand gegen Engstirnigkeit, Rücksichtslosigkeit und Intransparenz in Zusammenhang mit der Hainburger Au unterstützen. Mich hat diese partei­übergreifende und an der Sache orientierte Zusammenarbeit sehr geprägt. Gerade darauf, das Gespräch mit anderen zu suchen, kommt es nämlich auch im Europäischen Parlament an.

Welche Bereiche im Umweltschutz liegen Ihnen denn heute besonders am Herzen?

Karas: Die zentrale Frage ist die Einleitung einer Energiewende. Wir müssen von Gas aus Moskau und vom Öl der Golfstaaten unabhängiger werden. Das heißt die Energieeffizienz erhöhen, den Energieverbrauch reduzieren, erneuerbare Energien fördern und den CO2-Ausstoß reduzieren. Die EU-Klimaziele geben den Weg vor und sind mit Wachstums- und Beschäftigungszielen verbunden. Ich möchte die ökosoziale Marktwirtschaft umsetzen. Und von der Energiepolitik hängt dabei sehr viel ab. Daher ist das mein Hauptprojekt in den kommenden fünf Jahren.

Bis 1995 waren Sie beruflich in der Banken- und Versicherungsbranche tätig. Warum haben Sie sich für einen Job in der Politik entschieden?

Karas: Ich wollte nie von der Politik abhängig sein. Mir ist Freiheit und Selbstständigkeit sehr wichtig. Ich war immer ein sehr politischer Mensch. Mir ist es wichtig, dass es verstärkt zu einem Austausch zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft kommt. Weil dies auch die Augen öffnet und das Verständnis für die Realität erhöht. Durch einen stärkeren Dialog zwischen Politik und Wirtschaft können wir uns auch viel Bürokratie und Kos­ten ersparen.

Was sagen Sie zu den Wahlplakaten der Grünen, auf denen Ernst Strasser abgebildet ist? Er wurde Ihnen ja vor fünf Jahren als Spitzenkandidat vor die Nase gesetzt.

karas: Das finde ich grenzwertig. Und das ist auch nicht mein politischer Stil.

Ein Wort zu den Neos, die ja im Prinzip den Grünen und Ihrer Partei die meisten Stimmen kos­ten dürften. Was hat Ihre Partei verabsäumt?

Karas: Bei der Europawahl ist die Sachlage eine andere. Es geht darum, im Europaparlament etwas zum Besseren bewegen zu können. Ich kenne sehr viele Neos-Wähler, die aus Unzufriedenheit mit der Innenpolitik bei der vergangenen Nationalrats-Wahl nicht ÖVP gewählt haben, bei der Europa-Wahl aber Karas hinschreiben werden. Eben weil es im Europäischen Parlament auf vier Eigenschaften ankommt, die die Menschen spüren: Kompentenz, Erfahrung, Glaubwürdigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Das habe ich mir in den vergangenen Jahren erarbeitet. Ich hoffe, dass ein Wahlerfolg meiner Liste und meiner Person zu einem Öffnungsprozess in der ÖVP führt und zu einem intensiveren politischen Dialog über die Zukunft.

Wenn so viele Neos-Wähler am 25. Mai Karas wählen, müssten die Neos unter fünf Prozent bleiben?

Karas: Nein, das glaube ich nicht. Aber ich denke, dass die Stimmen bei den Parlamentswahlen bei mir besser aufgehoben sind.

Sie sind seit 1999 Abgeordneter zum Europäischen Parlament, seit 2012 einer von 14 Vizepräsidenten. Was bedeutet denn Europa für Sie?

Karas: Europa ist für mich das erfolgreichste Friedensprojekt der Welt. Europa heißt für mich Respekt, Solidarität, Miteinander. Ich hoffe, dass Europa für alle auch einmal Heimat werden kann.

Sonja Schlingensiepen

Zur Person

Othmar Karas wurde am 24. Dezember 1957 in Ybbs geboren. Er ist seit 1987 mit der Juristin und Künstlerin Christa Karas-Waldheim, einer Tochter von Kurt Waldheim, verheiratet und hat einen Sohn.

Karas begann seine politische Karriere 1976 als Bundesobmann der Union Höherer Schüler. Danach wurde er u. a. Politischer Referent der ÖVP, Bundesobmann der Jungen ÖVP, Mitglied des Bundesparteivorstandes und Vizepräsident der Jungen Europäischen Christdemokraten. Von 1983 bis 1990 war Karas Abgeordneter zum Nationalrat.

Im Vorfeld der Besetzung der Hainburger Au 1984 war Karas einer der Teilnehmer der Pressekonferenz der Tiere und trat dabei als „Kormoran“ auf. Zur Unterstützung eines Volksbegehren protestierten Au-Schützer und eine Gruppe prominenter Persönlichkeiten aus Politik und Kultur gegen die Kraftwerkspläne der Donaukraftwerke AG und warben für die Erhaltung der Auen.

Seit 2012 ist Karas einer der Vizepräsidenten des europäischen Parlaments.

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