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„Wir kommen ohne Europa schlicht nicht aus“

Der Grüne-EU-Kandidat und ehemalige burgenländische Landtagsabgeordnete ­Michel Reimon (42) über seine Vorhaben, Umfragen, den Wahlkampf seiner Partei und den Klimawandel.

Sie kandidieren als Zweiter auf der Grüne-Liste für die EU-Wahl, wodurch Ihre Chancen für einen Einzug nicht schlecht stehen. Schließlich sind die österreichischen Grünen derzeit mit zwei Mandaten im EU-Parlament vertreten. Nachdem Sie hierzulande kaum bekannt sein dürften: Können Sie sich kurz vorstellen?

Michel reimon: Ich bin Ex-Journalist und komme aus der globalisierungskritischen Bewegung. Seit rund 15 Jahren beschäftige ich mich mit Finanzmärkten und dem Einfluss von Großkonzernen, Markenfirmen usw. auf die Politik und habe dazu auch mehrere Bücher geschrieben. Ich bin auch im Netz sehr aktiv und wenn man mich googelt, kann man sich da sehr ausführlich mit mir beschäftigen.

Und warum sollte man Sie ins EU-Parlament wählen?

reimon: Weil ich glaube, dass der Einfluss von Bankenkonzernen und Lobbys in Brüssel enorm ist und dass es da Aufklärung über die Methoden und Widerstand dagegen braucht. In Hinblick auf das derzeit massiv diskutierte Freihandelsabkommen mit den USA war ich im letzten Jahr sicher einer der ersten, die das in mehreren Artikeln thematisiert haben. Dass es jetzt ein wesentliches Thema ist, entspricht genau dem, was ich für wichtig halte und wie ich auch als Europaabgeordneter arbeiten möchte.

Sie sehen sich also als Aufklärer?

reimon: Nicht nur. Man kann im Europaparlament konstruktiv an inhaltlichen Positionen arbeiten. Das ist mir auch sehr wichtig. Es wird aber wenig Außenwirkung entfalten so wie bei allen anderen Europaabgeordneten. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Ein zusätzlicher Faktor sind aus meiner Sicht aber die Aufklärung und die Kommunikation nach Österreich. Damit die Leute wissen, was da vor allem bei problematischen Dingen passiert. Das ist, glaube ich, der Zusatznutzen, den ich gegenüber vielen anderen bringen kann.

Umfragen sehen die Neos vor den Grünen. Warum?

reimon: Das halte ich in doppelter Hinsicht für eine uninteressante Mediengeschichte: Man kann Grüne-Umfragen schon nicht gewichten, geschweige denn die Neos nach zwei Wahlen. Aber prinzipiell ist es doch völlig irrelevant, ob sie vor oder hinter uns sind. Es zählt unser Ergebnis. Ich konzentriere mich auf das, was wir beeinflussen können. Wenn unser Ergebnis gut ist, soll das der Neos auch gut sein.

Der Grüne-Wahlkampf ist ja bislang eher holprig verlaufen, Stichwort „Eva“-Magazin und die Kritik der Jungen Grünen, Strasser-Plakat, das offensichtlich auch parteiintern kritisiert wird und nicht zuletzt auch ihr „Duell“ mit Madeleine Petrovic. Da hat man doch schon einiges verbockt, oder?

reimon: Ich sehe das überhaupt nicht so. Ich habe noch nie einen Grüne-Wahlkampf erlebt, wo es nicht geheißen hat, die Materialien passen nicht. Und wenn man sich über nichts aufregen kann, heißt es, es ist fad. Wir sind die Einzigen, die die Flüchtlingsproblematik plakatieren, das muss man sich mal trauen. Sich damit auseinanderzusetzen, dass im Mittelmeer jedes Jahr tausend Leute elend ertrinken, ist ein Thema. Und das auf ein Plakat zu geben, habe ich für richtig gehalten. Ich rede viel lieber darüber …

Glaube ich Ihnen …

reimon: … ich finde, dass das medial nicht ausreichend gewürdigt wurde. Das ist offensichtlich keine so interessante Geschichte. Aber wir sind die erste Partei, die in einem Europa-Wahlkampf die Flüchtlingsproblematik auf Plakaten im ganzen Land anspricht.

Die EU wird von vielen als Feindbild betrachtet – nicht zuletzt auch deswegen, weil sie für Politiker immer wieder für deren nationale Interessen als Sündenbock herhalten muss. Wie erklären Sie den Skeptikern die Sinnhaftigkeit der EU?

reimon: Für mich gibt es ein endgültiges Argument: Es gibt ein politisches Problem, das wir in den nächsten 30 bis 40 Jahren zu lösen haben werden und das ist der Klimawandel. Wenn wir das nicht lösen, ist alles andere, was wir diskutieren – Pensionen, Bildung – zweitrangig, weil wir in die Katastrophe schlittern. Kurzfristig sind zwar alle anderen Themen immer wichtiger, aber in der großen Perspektive müssen wir das in 30 bis 40 Jahren gelöst haben. Das werden wir nicht auf lokaler Ebene können, sondern da braucht der größte Markt der Welt eine ökologische Umsteuerung. Europa kann vorangehen, weil wir zusammen die größte Wirtschaftseinheit der Welt sind. Es ist wichtig, dass man ökologische Dinge auf lokaler Ebene umsetzt. Das bedeutet, dass man sich etwa wie in Vorarlberg um ein 365-Euro-Ticket kümmert und damit den öffentlichen Verkehr fördert. Aber diese lokalen Umsetzungen müssen in Europa zusammenlaufen. Es braucht beide Ebenen und so versuche ich zu erklären, dass wir ohne die europäische Ebene schlicht und einfach nicht auskommen werden.

Wobei der Klimawandel für die meisten Menschen nicht so direkt spür- und greifbar wie etwa Arbeitslosigkeit sein dürfte. Wie kann da der Nutzen der EU nähergebracht werden?

reimon: Das ist teilweise auch eine Generationensache. Je jünger die Menschen sind, umso normaler kommt ihnen die EU-Mitgliedschaft Österreichs vor, weil sie nichts anderes kennen, und desto weniger wird sie grundsätzlich in Zweifel gezogen. Wir haben inzwischen einen Level erreicht, wo man über die europäische Politik so spricht wie über Innenpolitik. Man kritisiert, was die Bundesregierung oder die Landesregierung macht, aber man stellt deswegen nicht Österreich oder Vorarlberg infwrage. Das funktioniert inzwischen auch auf der europäischen Ebene so. Und das ist ein gutes Zeichen, weil es inhaltlich kritische Auseinandersetzungen erlaubt, ohne dass man die EU gleich zerschlagen will. Die Frustration über die Innenpolitik ist nicht geringer als jene über die Europapolitik. Insofern hat es sich normalisiert.

Ihre Prognose für das Abschneiden der Grünen?

reimon: Wir liegen ganz knapp am dritten Mandat und ich hoffe natürlich, dass wir es schaffen.

Interview:

Brigitte ­Kompatscher

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