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Jägerlatein

Es ist eben nicht „Wurst“, was man sagt

Ich weiß, es ist schon etwas Wasser den Rhein runtergeflossen, aber als ehemaliger Profimusiker (und Mitbewohner von Travestiestar Lilo Wanders) möchte ich doch noch auf Conchita Wurst eingehen. Ich hab’ mir den Song Contest angesehen und ihr Beitrag (warum haben immer alle so ein Problem mit dem geschlechtsspezifischen Pronomen – die Kunstfigur Conchita Wurst sieht sich eindeutig als Frau, also ist „sein“ ja wohl hanebüchen) „Rise like a Phoenix“ war nicht nur mit Abstand der beste Song des Abends, sondern auch ihre (dezente) Performance war die bei Weitem souveränste. Alles andere als ihr Sieg wäre daher ein Fehlurteil gewesen.

Ebenfalls beeindruckt hat mich ihre Pressekonferenz am folgenden Tag. Deutlich und klug schilderte Wurst ihre Gefühle – sowohl beim und zum Contest als auch jene gegenüber ihren Kritikern. Da fiel kein böses Wort, obschon sie selbst doch einiges schlucken musste. Ich halte es da übrigens mit ihr und hoffe, dass es 2014 nicht mehr notwendig ist, auf homophobe Aussagen zu reagieren oder sie gar zu kommentieren. Dass allerdings nach dem doch überraschenden Triumph einige Leute vom Kaliber Alf Poier oder HC Strache dann ganz schnell zurückruderten, freut mich dennoch diebisch. Was mich ebenfalls freut: Dass vol.at die teilweise unerträglichen User-Kommentare zu diesem Thema, die nicht nur schwulenfeindlich und dumm waren, sondern teilweise schon eine strafrechtlich relevante Dimension annahmen, allesamt gelöscht hat. Daran könnte ich mich gewöhnen. Und schlussendlich: Viele Menschen meinten, dass Frau Wurst nicht repräsentativ oder gar peinlich sei; daher möchte ich an den letztjährigen Beitrag Österreichs zum Song Contest erinnern: Die Band Track­shittaz mit ihrem Lied „Woki mit deim Popo“. Gegen diese (repräsentative?) Band mit der doch etwas simplen Aussage (die mit einer ebenfalls sehr simplen Melodie garniert wurde) ist Wurst jetzt schon ein Weltstar.

Apropos Weltstar: Dieter Bohlen mag ja jede Menge Nummer-1-Hits geschrieben haben (die man mögen kann oder auch nicht), aber seine Aussagen sind oft auch nicht gerade durchgeistigt. So meinte er zu einem eventuellen Engagement beim ORF: „Die können sich mich nicht leisten. Für das, was Sido dort als Juror bekommen hat, gehe ich morgens nicht mal an den Briefkasten!“ Jetzt weiß ich zwar nicht, welches Salär der Rapper bezog; über dem österreichischen Durchschnittseinkommen wird es aber wohl deutlich liegen. Nicht, dass ich dem Modern Talker sein Gehalt missgönne, aber besonders beliebt macht er sich mit solchen Sprüchen bei Normalverdienern wohl nicht. Es ist eben doch nicht „Wurst“, was man so daherredet – da könnte auch der Multimillionär von Newcomerin Conchita durchaus noch was lernen.

Raimund Tschako Jäger

Hinweis: Der Inhalt dieser Kolumne muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

raimund.jaeger@russmedia.com

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