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Der rote Faden

Bereits in ihrer Kindheit war Nähen die große Leidenschaft von Birgit Fleisch (45). Seit nunmehr fünf Jahren lehrt die Schneidermeisterin arbeitssuchenden Mädchen das kreative Handwerk. In der Designwerkstatt in Dornbirn nehmen Entwürfe von Designern so Formen an.

Rubina Bergauer (Text)

Einmal kam einer ihrer Schützlinge zu spät zur Arbeit. Birgit Fleisch erkundigte sich bei dem Mädchen, was denn los gewesen sein.“ Da hat sie etwas schüchtern geantwortet, dass sie im Bus jemanden gesehen habe, der eine Tasche der Designwerkstatt trug. Und um sich zu vergewissern, ob die Tasche vielleicht von ihr selbst gefertigt worden war, fuhr sie noch eine Station weiter. Dass nenne ich eine gute Entschuldigung“, sagt die 45-Jährige und lächelt.

Sie sitzt neben dem großen Arbeitstisch der Werkstatt. Darauf halb ausgerollt eine riesige Plane. Birgit hat gerade damit angefangen diese zuzuschneiden. Alles vorzubereiten. Bevor „ihre“ Mädchen kommen. Die Schneidermeisterin aus Götzis ist Leiterin der Design­werkstatt der Initiative Job Ahoi in Dornbirn. Die Liebe zum Nähen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Bereits in der Kindheit begeisterte sie das Handwerk: „Ich habe Kleider für meine Puppen genäht. Irgendwann erzählte mir jemand, dass man an der Textilschule lernen könne, Gewand, das einem gefällt, ganz einfach zu schneidern. Damit stand meine Berufswahl fest“, erinnert sich die Oberländerin. Ganz so einfach sei es dann doch nicht gewesen. Denn auch das Anfertigen von Schnittmustern wollte gelernt sein. „Es gehört halt auch etwas Technik dazu,“ sagt Birgit und schmunzelt.

Weg vom Termindruck

Nach erfolgreichem Schulabschluss arbeitete die nähbegeisterte Frau für diverse Textilfirmen. Ein Arbeitsauftrag sollte sie nach Bulgarien führen. „Es ging um Qualitätskontrolle. Ich spürte, dass die Arbeiterinnen vor Ort mit mir das Gespräch suchten, doch konnte ich ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit widmen, wie ich eigentlich wollte. Da war dieser ständige Termindruck.“ So wuchs in ihr der Wunsch beruflich etwas zu verändern. Birgit wollte zukünftig nicht mehr permanent unter Zeitdruck stehen. Sondern sich Zeit nehmen. Es sollte nicht mehr nur die Qualität der Arbeit, sondern auch die Menschen im Vordergrund stehen. Also suchte die engagierte Frau nach einer Stelle, bei der sowohl ihre Nähkünste als auch ihr Einfühlungsvermögen gefragt waren. Seit fünf Jahren nun leitet die Götznerin die Designwerkstatt, eine Initiative für arbeitssuchende Mädchen von Job Ahoi.

Es geht Birgit nicht nur darum, hochwertige Produkte zu fertigen. Die Mädchen werden Schritt für Schritt an das Berufsleben herangeführt. Lernen beispielsweise, dass Pünktlichkeit wichtig ist. Und verbuchen erste Erfolgserlebnisse. Denn die meisten von ihnen haben keinerlei Erfahrung im Nähen. „Sie trauen sich das auch gar nicht zu“, weiß die die Werkstattleiterin.

Doch langsam werden die Jugendlichen von der Schneidermeisterin an die Handhabung einer Industrienähmaschine gewöhnt. Lernen den richtigen Umgang mit den verschiedenen Materialien. Und fertigen schließlich nach Vorgaben von Designern Kleider, Taschen, Hocker, Kissen und Modeaccessoires. „Das macht sie stolz. Sie lernen, dass sie das Zeug dazu haben. Das es klappt, wenn sie sich Mühe geben.“ Auch einen Einblick in den Traumberuf Designer erhalten die jungen Frauen auf diese Weise. Und erfahren, welche Ausbildung es dazu braucht. „Das kann einige natürlich dazu anspornen, sich Ziele wie den Schulabschluss zu stecken.“ Oder vor Augen führen, dass der Weg zum Traumberuf eben auch mit Mühe und Arbeit verbunden ist.

Oft sei sie überrascht, wie viel Persönliches die Heranwachsenden ihr anvertrauen: Sorgen, Probleme, Hoffnungen, Träume. Birgit wirkt nachdenklich. Die Jugendlichen wissen wahrscheinlich einfach, dass sie ihr vertrauen können. Das ihre Sorgen bei der 45-Jährigen gut aufgehoben sind. Denn Birgit Fleisch ist Chefin, erfahrene Arbeitskollegin und Mutterersatz in einer Person.

Die Freude, mit der sie diese Arbeit erfüllt, ist deutlich spürbar. Die Oberländerin kommt gerne in die Werkstatt in der Schlachthausgasse. Ihr Beruf ist eine Berufung geworden. Morgens bereitet sie die Stoffe vor, an denen die Mädchen untertags arbeiten werden. Eine Gruppe am Vormittag, eine andere am Nachmittag.

Verständnis zeigen

Nur eines mag sie nicht: auftrennen. „Dadurch entstehen unschöne Löcher im Stoff. Aber was noch viel schwerer wiegt, ist, dass es die Mädchen entmutigt. Denn sie hatten schon genügend Rückschläge im Leben“, berichtet die Schneidermeisterin. Deshalb nimmt sie sich die Zeit, auf die Jugendlichen einzugehen. Fordert im Gegenzug von ihnen Motivation und Qualität. Das bedarf manchmal etwas Ausdauer. Doch Birgit Fleisch gibt nicht auf. Zeigt Verständnis und erklärt geduldig, wieso gewisse Regeln eingehalten werden müssen. Meist fällt das auf fruchtbaren Boden. Die Mädchen gliedern sich in den Arbeitsalltag der Designwerkstatt ein.

Auch privat ist die Schneiderin nicht von der Nähmaschine zu trennen: „Es gibt einfach immer etwas Neues auszuprobieren. Ich fertige gerne Kinderkleidung für den Bekanntenkreis.“ Ansonsten ist der Garten die zweite große Leidenschaft von Birgit Fleisch. Dort baut sie vor allem Obst und Gemüse an, das sie dann in ihrer Küche verwertet. Die 45-Jährige wirkt zufrieden mit ihrem Leben.

Anfang Juni wird eine Designerin in die Schlachthausgasse kommen, um gemeinsam mit Birgit und den Mädchen ihre Entwürfe zu nähen. Diese sollen beim Bsundrigsmarkt verkauft werden. Es wird also garantiert nie langweilig in der Designwerkstatt.

„Es gibt immer Neues auszu- pro­bieren.“ Birgit Fleisch

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