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Jägerlatein

Man wählt eine Idee, keine Partei

Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals derart lustlos zu einer Wahl geschleppt zu haben, wie ich dies am kommenden Sonntag tun werde. Eh klar, bei Gemeinderatswahlen macht man sein Kreuz hinter dem Namen einer mehr oder minder befreundeten Person, bei Landtagswahlen ist immer noch ein Großteil der Liste im Duz-Bereich und die Personen, die sich bei einer Nationalratswahl aufstellen lassen, hat man zumindest schon einmal gesehen oder reden gehört. Bei der Wahl zum EU-Parlament spielt der Kandidat eine bedeutend geringere Rolle; im Bestfall weiß man, wen die Parteien an die Spitze ihrer Liste gesetzt haben. Wählt man also eine Partei? Das sehe ich nicht so – man wählt eine Idee oder wählt sie eben ab. Und darum MUSS man hin.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie mühsam es noch Mitte der 80er-Jahre war, im benachbarten Deutschland eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Als ich 1986 nach Hamburg zog, musste mein Arbeitgeber von Pontius zu Pilatus rennen, damit jemand, dessen Heimatort gerade mal fünf Kilometer von der Grenze entfernt ist, dort Theater spielen darf. Apropos Grenze: Jüngere Leser wissen teilweise gar nicht mehr, wie mühsam es ehedem war, einen Einkauf in Lindau oder Ulm zu tätigen. So kam es schon mal vor, dass ich eine Stunde oder mehr im nicht gerade sehr einladenden Zollhäuschen an der Leiblach verbringen musste, weil irgendein Beamter, dem offensichtlich langweilig war, die Herkunft eines Goldringes oder einer Lederjacke überprüfen wollte.

Gott sei Dank sind solcherlei Schikanen heutzutage Geschichte – zumindest in einem Großteil Europas. Denn bei all den Fehlern, die sicherlich auch in Brüssel und Straßburg gemacht werden, überwiegt – zumindest bei mir – doch die Freude, in einem Kontinent frei reisen zu können und mir meinen Wohn- und Arbeitsplatz aussuchen zu dürfen. Es würde mich nicht wundern, wenn viele andere Menschen da ähnlich denken, egal, ob sie in Magdeburg, Genua, Bukarest, Porto, Warschau oder eben Bregenz geboren wurden. Und an alle, die derzeit so gerne von „Überfremdung“ reden und schreiben: Mir ist es noch nicht aufgefallen, dass Horden aus anderen EU-Staaten der heimischen Bevölkerung die Arbeitsplätze wegnehmen. Im Gegenteil: Es gab in Vorarlberg noch nie so viele Arbeitsplätze, wie dies 2013 der Fall war, und manche Branchen – etwa die Metallindustrie – suchen dringender Facharbeiter wie ein Fisch das Wasser.

Deshalb: Mag ich mich übermorgen noch so mühsam zum Wahllokal wandern – ich werde es tun und wohl oder übel ein Kreuz hinter einen der Pro-EU-Vorschläge machen, denn wenn ich vielleicht auch die entsprechende Partei nicht liebe – die „Idee Europa“ halte ich – bei allen Mängeln – für richtig und wichtig.

Raimund Tschako Jäger

Hinweis: Der Inhalt dieser Kolumne muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

raimund.jaeger@russmedia.com

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