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Fall Kalinka: Noch kein Urteil

Staatsanwalt zollte dem Angeklagten Respekt für seinen Mut und die Beharrlichkeit. Trotzdem fordert er eine bedingte Haftstrafe.

Im Entführungsfall um den Tod der 14-jährigen Kalinka hat die französische Staatsanwaltschaft in Mulhouse am Freitag eine sechsmonatige Bewährungsstrafe für den Vater des Mädchens gefordert. Andre­ B. (76), ein Franzose, soll die Entführung des deutschen Stiefvaters von Kalinka 2009 von dessen Wohnort am Bodensee nach Mulhouse eingefädelt haben, um ihn in Frankreich vor Gericht zu bringen.

Für zwei Komplizen des Vaters, einen Georgier und einen Kosovo-Albaner, forderte Staatsanwalt Herve Robin ein Jahr Haft ohne Bewährung. Die beiden sollen den deutschen Arzt Dieter K. (79) ergriffen und nach Frankreich verschleppt haben. Eine Vorarl­berger Journalistin soll wegen ihrer Vermittlung zwischen dem Vater und den beiden Männern eine Haftstrafe von drei Monaten auf Bewährung bekommen. Ein Termin für ein Urteil steht noch nicht fest.

Dieter K. verbüßt in Frankreich eine 15-jährige Haftstrafe wegen des Todes Kalinkas vor mehr als 30 Jahren. Ohne die Entführung würde er weiterhin als freier Mann in Deutschland leben. Denn dort waren Ermittlungen gegen ihn schon 1987 aus Mangel an Beweisen eingestellt worden.

Beharrlichkeit

Vor dem Gericht in Mulhouse sagte der französische Staatsanwalt einerseits: „Die Angeklagten sind Gauner, und sie haben eine schwere Straftat begangen.“ Eine Entführung sei ein Gewaltakt, Kalinkas Vater sei der Anstifter gewesen. Gleichzeitig brachte er dem ehemaligen Wirtschaftsprüfer „menschlich gesehen“ Verständnis für seine Tat entgegen. „Ich bin beeindruckt von Ihrem Mut und Ihrer Beharrlichkeit“, sagte er dem Angeklagten.

Der Anwalt des Vaters, Laurent de Caunes, wollte auf Freispruch plädieren. „Ja, die Entführung war eine Straftat, doch diese illegale Handlung geschah im Interesse der Jus­tiz“, sagte er außerhalb des Gerichtssaals. Der Franzose hat den deutschen Stiefvater immer für den Vergewaltiger und Mörder seiner Tochter gehalten. Eine Entführung erschien ihm als das letzte Mittel, um Dieter K. vor die französische Justiz zu bringen. Der Deutsche war 2009 gefesselt, geknebelt und verletzt in der Nähe des Gerichts in Mulhouse gefunden worden. So konnte die Polizei ihn festnehmen.

Der Vater hat diese Selbstjustiz nie geleugnet, allerdings den Begriff vehement zurückgewiesen. Er habe entschieden, den Arzt nach Frankreich „transportieren zu lassen“, sagte er vor Gericht. „Kann man einen Vater für eine Tat verurteilen, die der Justiz ihre Arbeit möglich macht?“, fragte sein Anwalt im Gespräch mit Journalisten.

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