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VS Bludenz St. Peter

Toleranz und ­Vielsprachigkeit

Mit rund 70 Prozent Kindern nicht deutscher ­Muttersprache ist die Volksschule Bludenz St. Peter die Schule mit dem höchsten Anteil in Vorarlberg. Direktorin Sabrina Bacher erzählt, wie damit umgegangen wird.

Brigitte Kompatscher

genau 127 Kinder besuchen derzeit die Volksschule St. Peter in Bludenz, 89 davon sind nicht deutscher Muttersprache. Sie kommen vor allem aus zwei Wohnsiedlungen mit hohem Migrantenanteil, die in den Sprengel fallen, erläutert Direktorin Sabrina Bacher (30). Großteils haben die Kinder türkischen Hintergrund, aber auch aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Russland oder Tschetschenien sind Schüler da – wobei viele von ihnen, deren Eltern bei Getzner und anderen großen Unternehmen der Umgebung arbeiten, österreichische Staatsbürger sind.

Große Bedenken

Bacher, eine Kärntnerin, die seit vier Jahren an der Schule in Bludenz tätig und seit letztem Jahr deren Leiterin ist, hat vorher in Wien gearbeitet. Dort war ein hoher Anteil an Schülern mit migrantischem Hintergrund ganz normal, erzählt sie. Und das waren auch die Schulen, an die die Lehrer nach ihrer Ausbildung hinwollten, erinnert sie sich. Hierzulande seien die Bedenken diesbezüglich größer, so ihre Erfahrungen, und zwar vonseiten einheimischer und migrantischer Eltern. Letztere hätten Angst, das ihre Kinder nicht genügend Deutsch lernen. „Allerdings sagt ein hoher Migrantenanteil nichts über die Schule aus, sondern nur darüber, was wir als Lehrer leisten müssen“, stellt die engagierte 30-Jährige fest. Und die positiven Rückmeldungen der Eltern nach den anfänglichen Befürchtungen bestätigen das. Denn in der Schule wird einiges getan, um die zweifelsohne in vielen Fällen vorhandenen Sprachprobleme auch direkt anzugehen und zu lösen.

Die Direktorin hat die Erfahrung gemacht, dass die Eltern ihrer Schüler manchmal besser Deutsch können als die Kinder. „Weil die Kinder halbsprachig-zweisprachig aufwachsen und daher im Kopf keine Sprachstruktur haben, auf der sie eine zweite Sprache aufbauen können.“ So erlebe sie bei Einstufungstests regelmäßig, dass man bei vielen Kindern das Gefühl habe, dass sie Deutsch ganz gut beherrschen, es aber dann problematisch wird, wenn es um spezielle Begriffe geht. Dann trete klar zutage, dass der Wortschatz fehlt. Weitere ganz konkrete Problemfelder seien in der Folge etwa die Artikel und deren Deklination, Satzstellung und anderes – im Prinzip das, mit dem jeder, der Deutsch lernt, kämpft.

Fehlende Möglichkeiten

Auf der anderen Seite gebe es aber auch Kinder mit migrantischem Hintergrund, die einen weit über dem Durchschnitt liegenden Wortschatz hätten, berichtet Bacher, die auch sagt, dass sie durchgängig das Gefühl habe, dass den Eltern die Bildung ihrer Kinder wichtig ist. Wobei die Mütter und Väter oft nicht die Möglichkeiten hätten, ihren Nachwuchs zu unterstützen: weil die nötige Kompetenz dafür fehlt oder sie mit den Abdecken der Grundbedürfnisse vollauf beschäftigt sind.

Wünschen würde sich Bacher mehr Logopäden für Wortschatz und Grammatik für den Standort Bludenz. „Da würden wir ein Extrakontingent brauchen.“ Die Lehrer selbst haben Fortbildungen in Sachen Sprachförderung absolviert, die als Leitfaden dienen. Zugleich sei man derzeit am Aufbau eines einheitlichen Sprachförderungskonzepts, das in Zukunft noch besser auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen kann. Bacher kann sich dabei etwa eine Art Leistungsgruppen in der Förderung vorstellen, damit Kinder, die intensive Unterstützung brauchen, diese auch bekommen.

Aber schon jetzt wird an der Schule sehr viel Wortschatzarbeit gemacht, erläutert die Leiterin, es wird gesprochen, erzählt, Rollenspiele gemacht, aber auch Bücher und Geschichten bearbeitet und dann aufgeführt. Auch viel neues Lehr- und Lernmaterial wurde zuletzt angeschafft. Anstelle der üblichen sieben Deutschstunden pro Woche haben die Kinder der ersten und zweiten Klassen bis zu elf und wenn die katholischen Kinder Religion haben, gibt es für die anderen Sprachförderung. Festgestellt hat Bacher auch, dass wenige Schulbücher auf die Bedürfnisse von Klassen mit Kindern unterschiedlicher sprachlicher Kenntnisse abgestimmt sind – was wiederum viel Planung und Flexibilität von den Lehrern erfordert. Aber das ist da, „denn es gibt hier ein überdurchschnittliches Engagement der Lehrer in Hinblick auf die Sprachförderung“.

Im nächsten Schuljahr werden zudem eine vierte und eine erste Klasse als Ganztagsklassen mit verschränktem Unterricht geführt, „um den Kindern noch bessere Bildungschancen zu bieten“. Denn da könne man mit einem guten Konzept einiges bewirken, ist die Schulleiterin überzeugt.

Über dem Schnitt

Und ihre Arbeit trägt Früchte: Mit dem Abschneiden bei den Tests zu den Bildungsstandards in Mathematik im letzten Jahr sei man sehr zufrieden und von der Mittelschule Bludenz bekomme man die Rückmeldungen, dass die Kinder in Deutsch über dem Landesschnitt liegen würden. „Da war ich selber überrascht, wie gut sie sind“, freut sich Bacher. „Aber ich habe schon das Gefühl, dass die Kinder viel lernen.“ Es seien letztendlich nur ganz wenige, bei denen es auch nach den vier Volksschuljahren nicht reichen würde. „Und wir haben natürlich auch Kinder mit migrantischem Hintergrund, die aufs Gymnasium gehen.“

„Man lernt Toleranz gegenüber anderen Kulturen und eine Vielsprachigkeit wird erlebbar“, beschreibt Bacher einige der Vorzüge ihrer Schule und fügt mit einem Grinsen hinzu: „Ich kann auch ‚Happy Birthday‘ auf Türkisch.“ Deutsch reden müsse in der Schule auch nicht verordnet werden. Es reichten die Bitte und die Erklärung, wie es sich für die anfühlt, die eine Sprache nicht verstehen: „Das verstehen die Kinder sehr gut.“

Und abschließend sagt die Schulleiterin noch etwas, was viele der Befürchtungen und Ängste in Hinblick auf einen hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund relativiert: „Wenn du in die Klasse gehst, stehst du vor 18 Kindern und das ist das, was zählt.“

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