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Jägerlatein

Am untersten Ende der Leiter

Nicht, dass ich mich als kinderloser Mit-Fünfziger zum Thema Abtreibung allzu sehr aus dem Fenster lehnen will, aber man darf sich doch wundern, warum im ansonsten fortschrittlichen Vorarlberg dies überhaupt noch ein solches Reizthema ist. Tatsache ist, dass im Ländle – im Gegensatz zu anderen Bundesländern – ein Schwangerschaftsabbruch in Spitälern nach wie vor nicht möglich ist. Das heißt zudem, dass die weit schonenderen Abbrüche mit der Pille Mifegyne, die nur an Krankenanstalten durchgeführt werden dürfen, in Vorarlberg unmöglich sind. Allein diese Tatsache, die ja nur zu Lasten der betroffenen Frauen geht, hat mit christlicher Nächs­tenliebe wenig zu tun. Noch erstaunlicher ist, dass sich auch die Freiheitlichen, sonst ja nicht allzu eng christlichen Wertvorstellungen verhaftet, ebenfalls gegen diese Erleichterung aussprechen (wohl um ein konservatives Stammklientel nicht zu verunsichern).

Fakt ist, dass ein Schwangerschaftsabbruch in Österreich seit 1975 in den ersten drei Monaten nicht unter Strafe gestellt wird, also erlaubt ist. Andererseits ist auch kein Arzt verpflichtet, diesen – so das Leben der Schwangeren nicht akut bedroht ist – vorzunehmen, was eine zwar keine gesetzliche, aber im höchsten Maße eine moralische Grauzone darstellt. Ob die einzelnen Ärzte in Vorarl­bergs Spitälern sich nun dieser oder jener Haltung zum Thema anschließen, sei dahingestellt; solange sie im Krankenhaus arbeiten, sind ihnen – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hände gebunden. Mir persönlich sind noch allzu ungut die Bilder gegenwärtig, als sich christliche Fundamentalisten vor einer Arztpraxis, die auch Abtreibungen durchführte, in der Bregenzer Kaiserstraße niedergekniet haben und dabei Plakate von Föten schwenkten. Das war und ist für die Gesellschaft, noch mehr für den Arzt, mit Sicherheit aber für die betroffenen Frauen ein unhaltbarer Zustand. Aber anstatt diesen zu helfen – und ich gehe einmal davon aus, dass es leichtfertigere Entscheidungen als einen Schwangerschaftsabbruch gibt – werden ihnen seitens des Landes Steine in den Weg gelegt. So werden Bürgerinnen, die nichts anderes tun, als von ihrem Recht Gebrauch zu machen, zu Diskriminierten.

Es geht mir hier keineswegs um eine moralische Beurteilung von Schwangerschaftsabbrüchen oder dem Recht auf Leben auch für Ungeborene. Es geht um ein Gesetz und darum, dass man dieses gefälligst zu vollstrecken hat. Wenn man den betroffenen Frauen Erleichterungen wie Mifegyne verweigert, ist dies medizinisch, juristisch und auch moralisch äußerst fragwürdig. Das hat nichts mit Parteien zu tun, sondern mit Respekt. Und was diesen betrifft, sind Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschließen, bei vielen am untersten Ende der Leiter.

Raimund Tschako Jäger

Hinweis: Der Inhalt dieser Kolumne muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

raimund.jaeger@russmedia.com

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