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„Menschen auf ihre Verantwortung hinweisen“

Die meisten Menschen haben keinen Bezug mehr zu den Folgen, die Krankheiten wie Kinderlähmung für Betroffene mit sich bringen können. Dennoch hält der Mediziner Bernhard Jochum, Kinderarzt in Bludenz sowie Fachärztlicher Leiter Impfen beim aks gesundheit, nichts von einer Impfpflicht.

Diese Woche ist in Berlin ein 18 Monate altes Kind an den Folgen einer Maserninfektion gestorben. Derzeit sind an die 600 Menschen in der deutschen Hauptstadt mit diesem Virus infiziert. Kommt eine solche Epidemie überraschend?

Bernhard Jochum: Nein, es ist immer wieder davor gewarnt und schon länger befürchtet worden, dass kleine oder größere Epidemien in Deutschland oder Österreich auftreten können. Und 600 Masernfälle allein in Berlin, das ist schon relativ viel. Statistisch gesehen muss bei 1000 Infizierten mit einem Todesfall gerechnet werden.

In Deutschland wird derzeit über die Einführung einer Impfpflicht diskutiert. Was halten Sie davon?

Jochum: Ich denke, dass eine solche Impfpflicht in der heutigen Zeit nicht durchsetzbar und für die Allgemeinheit nicht sinnvoll ist. Die Pockenimpfung war in den vergangenen Jahren die einzig verpflichtende Impfung, die es in Österreich gegeben hat. Ansonsten ist man immer ohne eine solche Verordnung ausgekommen. Letztendlich ist jeder für sich verantwortlich. Ich glaube, man muss einfach die Menschen auf ihre Verantwortung hinweisen.

Aber gefährden Impfverweigerer mit ihrem Verhalten nicht auch andere Menschen, die aufgrund von anderen Erkrankungen nicht geimpft werden können?

Jochum: Das ist ein gewichtiges Argument für eine gewisse Zwangsmaßnahme in bestimmten Bereichen. Etwa bei Angestellten im Gesundheitswesen. Denn dort sind beispielsweise Kinder, die noch zu jung für eine Masernimpfung sind oder an Erkrankungen leiden, die die Immunabwehr herabsetzen. Solche Patienten dürfen unter Umständen nicht geimpft werden. Sie haben aber natürlich ein Recht auf Schutz, gerade in einer öffentlichen Gesundheitseinrichtung wie einem Krankenhaus. In den USA ist es beispielsweise so, dass nicht geimpfte Mädchen und Buben keinen Kindergartenplatz bekommen. Ich persönlich glaube, dass eine Impfpflicht nicht notwendig ist, wenn die Menschen seitens des öffentlichen Gesundheitswesens gut informiert werden.

Es gibt Eltern, die ihren Nachwuchs aufgrund religiöser Gründe nicht impfen lassen. Sind Ihnen solche Fälle bekannt?

Jochum: Das habe ich praktisch selbst noch nie erlebt. Aber ich habe Eltern, es sind nicht viele, die aus allen möglichen anderen Gründen Impfungen ablehnen. Meine Aufgabe ist, dass ich den fachlichen und medizinischen Stand erkläre.

Was sind Bedenken von Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen?

Jochum: Einerseits befürchten sie Nebenwirkungen. Andererseits halten sie die Impfungen für nicht notwendig, weil keiner mehr die Kinderkrankheiten und deren Auswirkungen kennt. Diese sind aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Meine Großmutter zum Beispiel hat mir öfters erzählt, dass sie ständig große Angst davor hatte, dass ihre Kinder an Kinderlähmung erkranken. Sie gab ihnen Knoblauchzehen in die Manteltasche, das galt damals, vor der Impfära, als Mittel zur Vorbeugung gegen Kinderlähmung. Ich hatte noch einen Mitschüler, der Kinderlähmung gehabt hat. Aber die Angst vor einer Polio-Infektion ist heute nicht mehr vorhanden. Die meisten Menschen haben keinen Bezug mehr dazu, weil aufgrund von Impfprogrammen speziell die Kinderlähmung zurückgegangen ist.

Müssen die Menschen besser aufgeklärt werden, dass solche Krankheiten wieder ausbrechen können?

Jochum: In Österreich hat es bereits entsprechende Kampagnen gegeben, weil bemerkt worden ist, dass die Durchimpfungsraten eher sinken. Es muss aber sicher noch verstärkt­ erfolgen. Denn obwohl es in Österreich bisher immer nur Einzelfälle gegeben hat, kann auch hierzulande jederzeit eine Masernepidemie ausbrechen.

Für Mädchen und Buben in der vierten Schulstufe wird die HPV-Impfung kostenfrei im Rahmen des bestehenden Schulimpfprogramms angeboten. Was halten Sie davon?

Jochum: Ich finde es gut, dass diese nun auch in Österreich gratis angeboten wird. Denn ich glaube, dass dadurch ein Großteil der Krebserkrankungen, die durch das HP-Virus ausgelöst werden, verhindert werden können.

Beim Thema „Impfen“ gehen die Meinungen mittlerweile stark auseinander. Wieso ist es so emotional besetzt?

Jochum: Ein Grund ist, wie bereits erwähnt, dass viele Krankheiten bereits in Vergessenheit geraten sind. Ein weiterer ist, dass es Impfgegner gibt, die aktiv Gegenpropaganda betreiben. Hier wird teilweise mit kuriosen Fehlinformationen gearbeitet. Es wird maßlos übertrieben, was Nebenwirkungen angeht.

Beispielsweise, dass Autismus eine Nebenwirkung ist?

Jochum: Ja. Das ist maßlos übertrieben und mittlerweile ist auch belegt, dass die vom Briten Andrew Wakefield aufgestellte Behauptung, dass die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln Autismus auslösen könne, falsch ist. Es wurden damals Befunde gefälscht. Aber solche Fehlinformationen werden über Jahre weitergepredigt. Leider sind da auch immer wieder einzelne Fachpersonen beteiligt wie Mediziner, Leute aus der Krankenpflege oder Hebammen. Aber diese Einzelfälle bekommen ein ziemliches Gewicht.

Wieso?

Jochum: Denn wenn eine Krankenschwester oder gar ein Arzt sagen, impfen ist schlecht, dann nehmen das Eltern schon wesentlich ernster, als wenn es jemand anderes sagt. Meinen Patienten in der Ordination empfehle ich betreffend Impfungen, dass sie sich jemanden suchen sollen, dem sie vertrauen und dessen Ratschlägen sie auch folgen können. Mit vielen der Impfgegner kann man ja fachlich gar nicht diskutieren. Und sie haben nie die ärztliche Verantwortung für ein krankes Kleinkind mit einer eitrigen Gehirnhautentzündung gehabt.­ Sie haben nie einer Mutter sagen müssen, dass das Kind nach dieser Infektion nun taub ist, eine Entwicklungsstörung haben wird oder sogar gestorben ist. Aber man hetzt gegen Impfungen. Das ist für mich zunehmend ein Ärgernis. Leute, die keine Ahnung haben, sich ihre Informationen aus zweifelhaften Internetquellen besorgen und dann anfangen, andere über Impfungen zu beraten. Das finde ich schlimm.

Hatten von Ihnen geimpfte Menschen bereits mit Nebenwirkungen zu kämpfen beziehungsweise gab es Schäden durch Impfungen?

Jochum: Bisher ist mir nichts bekannt. Aber ich habe den Eindruck, dass manchmal auch gezielt Fehlinformationen verbreitet werden. In unserer Praxis wurde zeitweise ein Kind mit einer Entwicklungsstörung behandelt, bei dem eine klare Diagnose gestellt worden ist. Ich höre trotzdem immer wieder die Behauptung, dass es sich in dem Fall um einen Impfschaden handelt. Das stimmt nicht, die Fehlinformation hält sich aber hartnäckig. Bei einem behaupteten Impfschaden muss man immer genau prüfen, wer wann was diagnostiziert beziehungsweise festgestellt hat und ob es eine seriöse fachliche Prüfung gegeben hat oder ob es sich nur um eine Behauptung, beispielsweise einer Impfgegnerin oder eines Impfgegners, handelt.

Ist es nachweisbar, dass ein Schaden durch eine Impfung ausgelöst worden ist?

Jochum: Ja, das geht. Und man muss ganz klar sagen: Eine Impfung ist eine Therapie. Und diese kann Nebenwirkungen haben. Vor allem während der Entwicklung der Impfstoffe sind teilweise dramatische Dinge passiert. Heute gibt es jedoch nur mehr ganz wenige Vorfälle.

Der Organismus von Babys muss teilweise bis zu sechs Impfungen gleichzeitig verkraften. Ist das nicht zu viel für so ein kleines Wesen?

Jochum: Über die Jahre wurden die Impfstoffe verbessert. Beispielsweise waren in einem Dreifachimpfstoff vor 30 Jahren wesentlich mehr Fremdstoffe enthalten als heute in den modernen Sechsfach-Impfungen. Wenn ein Kind heute in einem Sandkasten sitzt und ein Schäufelchen Sand isst, dann nimmt es wesentlich mehr Fremdstoffe zu sich.

Besteht eine Gefahr, dass beispielsweise Flüchtlinge Polio einschleppen können?

Jochum: Das ist eine relevantes Problem. Wir behandeln immer wieder Migranten, die meistens der Sprache nicht mächtig sind. Da kann ich dann kein Impfanamnese erstellen. Seitens der Ärzteschaft wäre es sehr wünschenswert, wenn dieses Problem angegangen wird. Denn viele Flüchtlinge haben wenig bis gar keine Impfungen. Da besteht natürlich dann die Gefahr, dass sie eine Polio einschleppen können.

Wie ist es mit der Impfmoral in Vorarlberg bestellt?

Jochum: Ich habe nicht das Gefühl, dass diese bei uns besonders schlecht ist. Aber es gibt schon eine Tendenz, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen lassen. Hier gibt es sicherlich einen Informationsbedarf.

Sinkt die Durchimpfungsrate, besteht die Gefahr, dass „ausgestorbene“ Krankheiten wieder ausbrechen können. Wie groß ist hier die Gefahr einer Masern- oder Polio-Epidemie?

Jochum: Das Masern-Virus ist ein sehr ansteckendes. Hier müssen 93 Prozent der Gesamtpopulation geimpft sein, damit die Infektionskette unterbrochen wird. In Österreich beträgt diese Rate etwa 85 Prozent. Daher hat es auch hierzulande immer wieder kleinere Epidemien gegeben.

Wie gefährlich sind Kinderkrankheiten für Erwachsene?

Jochum: Meistens wesentlich gefährlicher. Alle diese Krankheiten führen bei Erwachsenen zu wesentlich heftigeren Reaktionen als bei Kindern.

Rechnen Sie damit, dass in den kommenden Tagen die Nachfrage nach Impfungen steigen wird?

Jochum: Ja, das kann gut sein, gerade bei jener gegen Masern.

Interview: Dunja Gachowetz

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