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Wenn die Wahlbeteiligung zählt

Am Freitagvormittag schritten die Lehrlinge im Werk in Höchst zur Wahl.

Am Freitagvormittag schritten die Lehrlinge im Werk in Höchst zur Wahl.

Bei den Betriebsratswahlen der Firma Grass standen die Sieger schon vorher fest. Zu sagen hatten die Kandidaten dennoch einiges.

Von Sonja Schlingensiepen

Nachdem die Lehrlinge im oberen Stock ihre Stimmzettel im Rahmen der Betriebsratswahl abgegeben haben, wird die Wahlkabine wieder in Richtung Aufzug gerollt.

Norbert Loacker, ÖGB-Vorsitzender und Betriebsratsvorsitzender des Höchster Beschlägeherstellers Grass, schaut auf seinen Zettel. „Von 9.30 bis 10 Uhr wird im Grass-Haus gegenüber gewählt“, sagt er. Mit dem Aufzug geht es also ins Erdgeschoss, aus dem Gebäude hinaus, vorsichtig über den Schutzweg auf der L 202 und die Rampe hinauf ins nächste Gebäude.

Drei Tage sind für die Betriebsratswahl veranschlagt. Schließlich sind über 1000 Mitarbeiter an den Standorten in Höchst und Götzis wahlberechtigt. „Damit jeder die Chance hat, seine Stimme abzugeben, haben wir am Mittwochmorgen um 4 Uhr begonnen“, berichtet Loacker.

Nur ein Betriebsrat. Seit 1985 ist er Betriebsratsvorsitzender. Heuer schlägt er bereits seine achte Wahl. Eigentlich sollten laut Arbeitsverfassungsgesetz zwei Betriebsräte – einer der Arbeiter, einer der Angestellten – gewählt werden. Bei Grass allerdings wird seit Jahren ein gemeinsamer Betriebsrat gewählt. „Ich bin ein Gegner der Trennung, weil es denselben Kollektivvertrag, dasselbe Gehaltsschema gibt. Deshalb vertrete ich die Philosophie: Ein Betrieb, ein Betriebsrat und eine Gewerkschaft.“

Wer die 14 Kandidaten der gemeinsamen Liste nicht unterstützen will, kann den Listennamen durchstreichen. Eine Gegenliste gibt es nicht. „Vor 20 Jahren hat es mal eine radikal-islamische Liste gegeben, die von den Dincers ins Leben gerufen worden ist“, erzählt Loacker. Zwei Wochen lang sei Wahlkampf betrieben worden. „Dann wurde mir angeboten, dass die Gegenliste zurückgezogen werden soll, wenn ich 30.000 Schilling für einen Teppich in der Moschee zahlen würde.“ Loacker zahlte nicht. „Ich hatte weder das Geld, noch wäre es rechtskonform gewesen.“ Die Unterlagen hätte er aufgehoben, das Ganze aber nicht zur Anzeige gebracht. „Heute würde ich das sofort tun.“

Doch im Juli 2017 ist die türkische Gegenliste längst Geschichte. Was heute zählt, ist die Wahlbeteiligung. „Das ist der Maßstab und Ziel sollte es sein, 80 Prozent zu erreichen.“

Im Grass-Haus finden sich die Angestellten zur Wahl ein. „Gibt’s keine Brezel oder Ähnliches?“, will einer der Mitarbeiter wissen und lacht. „Natürlich nicht, das wäre ja Anfütterung“, antwortet Loacker.

Schnelles Team. Die Stimmabgabe schreitet auch ohne Brezel zügig voran. So schnell, dass Gewerkschaftsvertreter und Grass-Mitarbeiter, die die Wahlkommission bilden, fast schon wieder mit ihrer Wahlkabine davongerollt sind, als noch eine Mitarbeiterin von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen will. „Bis 10 Uhr müssen wir schon warten. Sonst könnte die Wahl theoretisch angefochten werden“, mahnt ein Mitglied der Kommission.

Dieser gehört auch Wolfgang Fritz an, der erneut hinter Loacker auf Platz zwei kandidiert. „Wichtig ist, dass ein Betriebsrat alle Anliegen ernst nimmt“, weiß er aus Erfahrung. Ab und zu gebe es kleinere Wünsche wie etwa einen zusätzlichen Getränkeautomat. „Das wird dann gleich in Angriff genommen.“ Andere Probleme seien da schon schwieriger zu lösen. „In manchen Gebäuden in Höchst hat es derzeit mehr als 30 Grad. Um eine Klimaanlage ähnlich wie in Götzis einzubauen, sind aber einige Dinge zu klären und zu entscheiden.“

Ein Thema, das die Grass-Mitarbeiter das ganze Jahr über beschäftigt, ist die Lohnsteuer. „Immer, wenn die Gehaltszettel ausgeteilt werden, beschweren sich die Menschen bei mir über die weit überhöhte Lohnsteuer“, berichtet Loacker.

Zusammen mit AK-Chef Hubert Hämmerle hatte der ÖGB-Chef in der Vergangenheit massiv auf die Lohnsteuerreform gedrängt, die 2016 in Kraft trat. Die Effekte allerdings seien verpufft. Zeit, sich erneut an den Finanzminister zu wenden.

<p class="caption">Wahlkabine auf Rädern. Drei Tage dauerte die Betriebsratswahl bei Grass.  Grass/Reinhard König (2)</p>

Wahlkabine auf Rädern. Drei Tage dauerte die Betriebsratswahl bei Grass.
Grass/Reinhard König (2)

Wahlergebnis

Das Team Grass Norbert Loacker – Wolfgang Fritz wurde mit 709 Stimmen und damit 99 Prozent Zustimmung gewählt.

Die Wahlbeteiligung
lag bei insgesamt
81,5 Prozent.

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