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vorarlbergerin der woche

Die große Lust am Lesen

„Österreich liest“ heißt eine bundesweite Veranstaltungsreihe, die kommende Woche wieder über die Bühne geht. Eine, die das Lesen zu ihrem Lebensinhalt gemacht hat, ist die Leiterin der Dornbirner Stadtbücherei Ulrike Unterthurner (58).

Von Brigitte Kompatscher

Eigentlich bezieht sich die Redensart „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“ ja auf Menschen. Bei Ulrike Unterthurner, seit über einem Vierteljahrhundert Leiterin der Stadtbücherei Dornbirn, ist das gewissermaßen mit einem Gebäude der Fall. In jenem Haus, in dem heute ihr Arbeitsplatz ist, hat die 58-Jährige als Hauptschülerin schon ihre Maschinschreibstunden erhalten. „Ein witziger Zufall“, sagt sie und lacht.

Bibliothekarin wollte Unterthurner eigentlich nie werden – ganz viele Bücher wollte sie allerdings immer schon haben. „Lesen habe ich ganz schnell gelernt und das M-I-M-I-Buchstabieren in der ersten Volksschulklasse ist mir ziemlich auf den Keks gegangen“, erinnert sich die gebürtige Dornbirnerin, die heute in Lochau lebt.

Im Busch. Nachdem ihr Vater Weber war und nach Afrika ging, landete die damals Neunjährige mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester ebenfalls im westafrikanischen Togo – „mitten im Busch“. Ein Jahr lang blieb die gesamte Familie dort, dann kehrten die beiden Schwestern nach Vorarlberg zurück, wo sie eine Zeitlang bei der Großmutter aufwuchsen. „Die Städte von Togo kann ich heute noch“, sagt Unterthurner mit einem Grinsen und fängt an sie aufzuzählen: „Lomé, Anecho, Kpalimé, …“

Auf das Borg in Lauterach folgte ein Geschichte- und Germanistikstudium an der Universität Innsbruck. Kurzfristig stand während der Schulzeit auch ein Medizinstudium zur Diskussion, erzählt sie – „es war diese Vorstellung, für den Menschen da zu sein“. Nicht umsonst waren die in ihrer Jugendzeit prägendsten Bücher „Sadako will leben“, über ein vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima betroffenes Kind, und „Noemi. Die kleine Sklavin“.

Missionarisch. „Die Bücher sind zu mir gekommen“, fasst es Unterthurner rückblickend zusammen, ob als Volksschülerin, als Klassenbibliothekarin in der Hauptschule oder auch in ihrer Jugendzeit. Wobei, gesteht sie heute, „ich war damals wahrscheinlich ein bisschen missionarisch unterwegs. Ich habe meinen Mitschülerinnen die Bücher schon irgendwie aufgedrückt.“

Eine Bibliothek, genauer gesagt die damalige Deutsche Bibliothek in Leipzig, war es auch, die bei ihrem Auslandsjahr in der ehemaligen DDR im Zentrum ihres Interesses stand. „Das war super dort und ich habe auch die ganzen ‚Giftschrankbücher‘ bekommen“. Eine vorherige Exkursion hatte ihr Interesse an dem Land erweckt, woraufhin sie 1982/83 dort ein Studienjahr verbrachte.

1986 hat die Dornbirnerin promoviert und war dann ein halbes Jahr mit ihrem damaligen Ehemann auf Weltreise. Konkrete Jobaussichten hatte sie nicht. Ihr Studium hatte Unterthurner als Putzfrau finanziert: „Ich war die bestbezahlte Putzfrau von hier bis Texas“, erzählt sie. Hundert Schilling habe sie in der Stunde bekommen. Der Reise folgte ein Akademikertraining an der Universität Innsbruck, dann eine Anstellung – ebenfalls an der Uni – als Sekretärin am Geschichteinstitut und später ein zweijähriges Forschungsstipendium. Allerdings hatte sie irgendwann keine Lust mehr, im universitären Bereich zu arbeiten: „Lebendigkeit und Inspiration haben mir gefehlt.“

Feuerwehr-Chronik. Zufall oder Schicksalsfügung: Auf jeden Fall traf sie zu jener Zeit, als sie einmal in Dornbirn war, einen ehemaligen Geschichte-Studienkollegen. Der erzählte ihr, dass die Feuerwehr Dornbirn jemanden suche, der ihre Chronik schreibe. Unterthurner bewarb sich und als sie gefragt wurde, ob sie das überhaupt könne, meinte sie: „Das weiß ich nicht, aber ich verlange das doppelte Honorar.“ Sie bekam den Job und arbeitete dann ein halbes Jahr an dem Projekt.

„Es war wirklich extrem spannend, eine der besten Zeiten meines Lebens“, erinnert sie sich heute noch mit Begeisterung daran. Ihr Honorar bekam sie in drei Raten ausbezahlt, anfangs, in der Mitte und am Ende. Und als sie mit der zweiten Rate dann nach Australien fuhr, hätten die Feuerwehrler schon ein wenig Angst bekommen, dass sie den Abgabetermin nicht einhalte, erzählt sie mit einem Grinsen. Aber sie kam rechtzeitig zurück und konnte die Arbeit somit fristgerecht überreichen.

Leidenschaft. Zu jener Zeit sah sie auch, dass die Stelle der Büchereileitung in Dornbirn ausgeschrieben war. Allerdings war die Bewerbungsfrist schon abgelaufen, woraufhin sie sich nicht weiter darum kümmerte. Ein Feuerwehrmann war es dann, der Unterthurner aufforderte, sich trotzdem zu bewerben. Einige Monate ging es dann noch und ab April 1991 war sie die Leiterin der damals neuen Bücherei, die im November eröffnet wurde. „Es ist super, und zwar immer noch“, beschreibt sie die Leidenschaft, die sie für ihren Beruf seit jeher hat.

Eine Leidenschaft, die sie auch ihren Kindern, dem 1995 geborenen Max und der 1999 geborenen Antonia weitergeben wollte. „Ich habe mir immer gedacht, wenn ich mal Kinder habe, zeige ich ihnen die allerschönsten Bilderbücher.“ Allerdings wollte ihr Sohn dann nur die allerschönsten Sachbücher und ihre Tochter veranstaltete regelmäßig ein Drama, wenn ein Band einer Reihe, die sie lesen wollte, in Bücherei oder Buchhandlung nicht vorhanden war, erinnert sich Unterthurner grinsend an die Lesegewohnheiten ihrer Sprösslinge.

Engagement. Neben ihrer Tätigkeit in Dornbirn ist die 58-Jährige unter anderem auch bundesweit in der Aus- und Fortbildung für Bibliothekarinnen engagiert. Gemeinsam mit ihrem Team bietet sie in der Stadtbücherei zudem seit Jahren ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm an – der hohe Besucherzuspruch kommt nicht von ungefähr.

Seit Beginn, also seit zwölf Jahren, ist die Stadtbücherei Dornbirn auch am bundesweiten Literaturfestival „Österreich liest“ beteiligt. Dazu gibt es unter anderem morgen ein Literaturfrühstück mit dem Autor, Journalisten und Kritiker Alexander Kluy. Einen Stapel seiner Bücher hat Unterthurner schon vorbereitet: „Ich glaube, das wird total lässig“, gerät sie ins Schwärmen. Allerdings gab es in der Stadtbücherei schon vor der österreichweiten Veranstaltungsreihe eine herbstliche Lesewoche.

Im kommenden Frühjahr soll nun, wie mehrfach berichtet, gleich neben dem Altbau mit dem Bau der neuen Stadtbücherei begonnen werden, nachdem der jetzige Standort viel zu klein geworden ist. Darauf freut sich die Leiterin sehr. Sie hat dann noch mehr von dem, was sie immer schon wollte: ganz viele Bücher.

<p class="caption">Ulrike Unterthurner vor ihrem Arbeitsplatz in Dornbirn.  Klaus Hartinger (3)</p>

Ulrike Unterthurner vor ihrem Arbeitsplatz in Dornbirn.  Klaus Hartinger (3)

„Ich habe meinen Mitschülerinnen die Bücher schon irgendwie aufgedrückt“

Ulrike Unterthurner, Leiterin Stadtbücherei Dornbirn

Österreich liest

Vorarlberg liest

Bis 22. Oktober geht die 12. Auflage des österreichweiten Literaturfestivals über die Bühne. In Vorarlberg sind dazu rund 40 Veranstaltungen geplant, darunter Lesungen mit Bernhard Aichner („Totenrausch“) und Eva Rossman („Patrioten“) aber auch Theater, Musik, Workshops und anderes.

Alle Termine unter: www.oesterreichliest.at/
veranstaltungskalender

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