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Eine Weltmeisterschaft der anderen Art

Ist die Karosserie erst vermessen, kann sie geformt werden (links und unten links). Winder mit Coach Wilfried Mennel (unten rechts).

Ist die Karosserie erst vermessen, kann sie geformt werden (links und unten links). Winder mit Coach Wilfried Mennel (unten rechts).

Premierenauftritt in Abu Dhabi: ­Simon Winder ist der erste österreichische Karosseriebautechniker, der an Berufsweltmeis­­terschaften ­teilnimmt.

Von Johannes Hofer (Text) und Dietmar Stiplovsek (Fotos)

Zu behaupten, dass Simon Winder beim Anblick von Unfallautos das Herz aufgeht, träfe den Kern der Sache nicht ganz. Sehr weit hergeholt wäre es jedoch nicht. „Das Schönste ist es, wenn ein Auto fast als Totalschaden in die Werkstatt gebracht wird“, sagt der angehende Karosseriebautechniker. „Und wenn es dann nach viel Arbeit wieder perfekt auf dem Hof steht und ich mir sagen kann: Das habe ich geschafft.“

Der 20-Jährige ist im vierten Lehrjahr an der Karosserie-Akademie in seinem Heimatort Alberschwende tätig. Bis zur Abschlussprüfung dauert es nicht mehr lange. Aber es ist eine andere, fast noch größere Aufgabe, die ihn derzeit beschäftigt: Winder wird als bisher erster Karosseriebautechniker Österreich bei den WorldSkills, den Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi (siehe Factbox) vertreten. Nachdem Experten Rohkarosserien krummgezogen und Bauteile ausgebaut haben, wird es die Aufgabe des jungen Bregenzerwälders sein, diese wieder passgenau einzuschweißen und alles ins Lot zu bringen.

Aufbauarbeiten. Seit knapp einer Woche weilt Winder deshalb mit seinem Chef und Coach Wilfried Mennel in den Vereinigten Arabischen Emiraten, um die benötigten Geräte aufzubauen und sich auf die Bewerbe einzustimmen. Heute (Ortszeit) geht die offizielle Eröffnung der WorldSkills über die Bühne, ab morgen werden sich die Teilnehmer vier Tage lang in ihren jeweiligen Disziplinen messen.

Wie bereits erwähnt, ist die österreichische WM-Teilnahme auf Winders Fachgebiet ein Novum. „In der Karosseriebautechnik gibt es hierzulande keine Staatsmeisterschaften. Und die Aufgabenstellung beim Bundeslehrlingswettwerb reicht vom Niveau her leider nicht für eine Qualifizierung bei den World­Skills“, erläutert Wilfried Mennel.

Heuer sollte aber auch in dieser Berufssparte ein Vertreter zu den Meisterschaften geschickt werden. „Es gab erst eine österreichweite Ausschreibung, und schließlich kamen die ­Verantwortlichen direkt auf mich zu“, berichtet Mennel. Als eine Art Bundestrainer sollte er auftreten – denn mit seiner Karosserie-Akademie, die Ausbildungsort und ­Reparaturwerkstätte vereint, hat er sich nicht nur in Vorarlberg einen Namen gemacht. Auch nach einem Kandidaten für die Veranstaltung in Abu Dhabi wurde Mennel von den Zuständigen gefragt.

„Hofmechaniker“. Die Wahl fiel eben auf seinen Lehrling Simon. „Als Wilfried mich fragte, ob ich mitmachen möchte, habe ich ein paar Tage überlegt. Aber mir war ziemlich schnell klar, dass ich Ja sagen werde“, erzählt Winder. Die Arbeit an Gefährten begleitet ihn schon fast sein Leben lang. „Meine Eltern haben eine Landwirtschaft. Da war ich schon immer der Hofmechaniker“, erklärt er und lacht. Zwar hätte der Absolvent der Landwirtschaftsschule sich durchaus vorstellen können, den Hof irgendwann zu übernehmen. Und auch eine Zukunft als „Holzer“ wäre für ihn verlockend gewesen, wie er sagt. Nach einem Schnuppertag stand für den jungen Mann jedoch fest, dass er sich mit Autos beruflich befassen will. In der Lehre sei er dann rasch in die Reparaturarbeiten involviert worden. „Dabei habe ich schnell eine Menge gelernt.“

Shanghai. Wenn Winder morgen an die Richtbank tritt und mit seinen Aufgaben ­beginnt, wird das nicht sein erster Auftritt auf internationaler Ebene sein. Im Juni zeigte er sein Können bereits bei einer entsprechenden „Skills Competition“ in Shanghai. „Von der Dimension her war das fast wie bei den Olympischen Spielen“, sagt Wilfried Mennel über die Wettkämpfe in China. Rund 1100 Teilnehmer aus 38 Ländern und Regionen traten dort im Sommer in verschiedenen Berufs­sparten an. In Shanghai konnte das Vorarlberger Duo auch erste Erfahrungen hinsichtlich der Bewertungskriterien sammeln. Leider habe sein Schützling sich bei den diversen Arbeiten etwas zu sehr auf die Qualität konzentriert und sich deshalb ein bisschen zu viel Zeit gelassen, erzählt Mennel. Dennoch erreichte Simon Winder immerhin den siebten Platz von zwölfen. „Bei der Preisverleihung hatte ich fast Wasser in den Augen“, erinnert sich sein Coach.

Bei den WorldSkills ist Winder nun bewusst, nach welchen Aspekten die Punkte verteilt werden. Wenn er dieses Mal das Tempo anziehen wird, heißt das jedoch nicht, dass er die Qualität vernachlässigt. Auf den Millimeter genau muss gearbeitet werden, um die Jury – auch Mennel wird als Punktrichter fungieren – zu überzeugen. Arbeitsschutz, Geschwindigkeit, Ausführung und Technik werden ebenfalls bewertet werden.

An vier Tagen stehen innerhalb von dreißig Stunden vier „Disziplinen“ an. Seitenwandbauteile müssen eingeschweißt, Radhäuser entfernt und wieder eingebaut werden. Zudem ist eine Karosserievermessung und -rückformung vorzunehmen. Auch eine elektronische Fehlerbehebung an einem Airbag gehört zum „Prüfungsstoff“. Dieses sogenannte „E-Tech-Konzept“ hat mit Karosserien zwar nicht direkt zu tun, gehört aber zu den Instandsetzungsmaßnahmen nach einem Unfall.

Trainingsplan. So viel trainiert wie manche seiner Mitbewerber hat Winder nicht. „In Asien wird zwei Jahre vor den Wettkämpfen mit den Vorbereitungen begonnen. Es heißt, dass man in Korea für sich und seine Familie ausgesorgt hat, wenn man den Sieg erringt“, lässt Mennel wissen. Das Vorarlberger Team tritt dagegen weitgehend aus Idealismus an. Und um die Karosseriebautechnik bekannter zu machen.

Aber auch wenn Winder weniger Zeit für Vorbereitungen zur Verfügung stand, hat er einige sehr intensive Monate durchlebt. Seit dem Frühjahr trainiert er für die WorldSkills. Insgesamt 300 Übungsstunden hat er hinter sich gebracht – viele davon im Anschluss an den regulären Arbeitstag oder an den Wochenenden. Etwa zehn Tage vor der Abreise wurde der Lehrling von Mennel freigestellt, um quasi in Vollzeit die Handgriffe zu perfektionieren. Auch Theorie-Pauken für einen Wissenstest sowie Konditions- und Mentaltraining standen auf dem Programm.

Ausgemacht hat ihm der vollgepackte Übungsplan nichts. „Ich bin es von daheim aus gewohnt zu arbeiten. Wenn ich in der Freizeit auf dem Sofa rumsitze, wird mir eh nur langweilig“, erklärt der 20-Jährige.

Sechs Personen aus Alberschwende begleiten Winder nach Abu Dhabi, darunter auch seine Eltern. Wenn er aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückkehrt, soll er im Rahmen eines kleinen Volksfests in Empfang genommen werden. Ganz egal, ob er nun den Weltmeistertitel nach Vorarlberg trägt oder nicht. Sein Ziel ist es, unter die ersten Zehn zu kommen. „Ich hoffe mal, das klappt“, sagt Winder und lächelt.

Ob er 2020 bei den Euro­Skills – der „Berufs-EM“ – in Graz ebenfalls an den Start gehen wird, weiß der Bregenzerwälder noch nicht. In einer Sache ist er sich aber ganz sicher: „Die Lehrabschlussprüfung wird nach Abu Dhabi sicher kein Problem mehr.“ Und so gesehen hat er, abseits von offiziellen Meisterschaften, jedenfalls schon einen persönlichen Sieg errungen.

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Schweißen ist für Simon Winder schon zur Routine geworden.

WorldSkills

Berufsweltmeisterschaft

In Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) gehen heuer von 14. bis 19. Oktober die 44. WorldSkills über die Bühne. Der internationale Berufswettbewerb wird alle zwei Jahre ausgetragen. 1300 Teilnehmer aus 76 Nationen treten dieses Jahr in 51 Sparten gegeneinander an. Aus Österreich nehmen insgesamt 40 Bewerber teil – davon drei aus Vorarlberg.

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