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Menschen „nebenan“ kennenlernen

Die Mädchen kümmern sich um den Weg – der Lehrer hilft.

Die Mädchen kümmern sich um den Weg – der Lehrer hilft.

Tina Jovanovic, Linda Chai, Gabriel Hagen und David Schelling haben sich – wie knapp 100 weitere Lustenauer Schüler auch – ­gestern auf den Weg gemacht. Mit Stadtplan und Neugier spielten sie „Mondopoly“, hörten heiße Rhythmen und rochen Scharfes.

Von Miriam Jaeneke

Es ist Dienstag, 7.30 Uhr am Morgen und noch kühl. Doch der Tag verspricht sonnig zu werden. Auf dem Vorplatz des Lustenauer Theresienheimes schieben erwachsene Helfer Tafeln in die richtige Position. Auf diesen soll später geschrieben werden. Ortspläne werden auseinandergefaltet und auf Tischen ausgelegt, Buttons mit Namen darauf und gelbe, grüne, lilafarbene Beutel werden gerichtet. Letztere enthalten kleine Ortspläne, Busfahrkarten, Spielpässe, Basecaps, auf denen unübersehbar geschrieben steht: „Mondopoly Lustenau“.

Das ist ein Begegnungsspiel, das aus Zürich stammt und mit dem dafür gesorgt werden soll, dass sich Menschen begegnen, die sonst auf der Straße anei­nander vorbeigehen würden. Es wurde gestern zum ersten Mal in Lustenau gespielt, zum ersten Mal in Österreich überhaupt. Organisatoren waren Vertreter von Gemeinde, Offener Jugendarbeit und von W*ORT. Wenn es gut klappt, soll es wiederholt werden, vielleicht mit allen Lustenauern, die mittun wollen. Zunächst aber spielten es rund 100 Schülerinnen und Schüler.

Das Spiel. Und los geht es: Alle finden sich in dem Saal des Theresienheims ein, eine Moderatorin erklärt den Ablauf: „Ihr werdet jetzt in Gruppen eingeteilt, dann bekommt ihr eure Unterlagen, schaut, wo ihr hinmüsst und geht zusammen los.“ Immer zwei Kinder, die sich kennen, bildeten mit zwei oder vier anderen ihnen unbekannten Schülern eine Gruppe. Tina Jovanovic (13) und Linda Chai (12) sind befreundet. Als die Moderatorin fragt, wer in Vorarlberg geboren ist, drängen sich Tina und Linda in den entsprechenden Kreis. „Wer hat Eltern, die nicht in Österreich geboren sind?“ Diesmal ist der Kreis nicht so bevölkert, aber auch da sind Tina und Linda mit dabei. Dann werden die Gruppen gebildet, die beiden Mädchen aus der dritten Klasse der Mittelschule Kirchdorf werden mit Gabriel Hagen (12) und David Schelling (12) aus der Mittelschule Hasenfeld zusammen eingeteilt.

„Wir haben nur noch diese beiden Farben“, eine Helferin zeigt auf die extra für den Anlass genähten gelben und lilafarbenen Beutel. „Die Farbe ist okay“, sagt Tina Jovanovic stellvertretend für die anderen. Die vier bekommen einen ausgefüllten Spielpass und werden über die erste Adresse informiert.

Laufen. Minuten später, die Gruppe hat sich in Bewegung gesetzt, heißt es: „Laufen wir?“ Tina wischt den Tau von der Anzeigetafel an der Bushaltestelle und bestimmt nach einem kritischen Blick: „Wir laufen.“ Alle halten mal den Stadtplan, jeder tippt mal drauf, am Ende finden die vier sicher ihr erstes Ziel. Martin Grabher öffnet die Tür, vor der die vier Schüler stehen. „Schuhe bitte ausziehen“, sagt er, bietet dann Fanta und Multivitaminsaft an. „Wisst ihr, wo ihr seid, mit wem ihr redet?“ Allgemeines Kopfschütteln. Grabher stellt sich als Musiker vor, als Schlagzeugspieler.

Er zeigt sein Musikzimmer, wo auch Konga-Trommeln stehen, eine E-Gitarre, ein Bass an der Wand hängen. „Wer mag probieren?“ Schließlich traut sich Tina, nimmt am Schlagzeug Platz. Gegenüber steht ein weiteres Schlagzeug, an das sich Martin Grabher setzt. Er gibt den Rhythmus vor: Fußtrommel, Fußtrommel, Snare. Fußtrommel, Fußtrommel, Snare.

Rasch hat die 13-Jährige den Beat raus, schon legt der Musiker und Schlagzeuglehrer die Latte höher: auf der eins des Takts die Fußtrommel, auf der drei das Hi-Hat, auf eins bis vier das Snare. Da tun jede Hand und der rechte Fuß Unterschiedliches, Tina kapituliert.

Haben die Schüler noch Fragen? Diese schweigen, also fragt Martin Grabher. Zum Beispiel, ob sie schon wissen, was sie werden möchten? Die zwölfjährige Linda nickt. „Wirtin, wie meine Mama.“ Manchmal reden Mutter und Tochter chinesisch miteinander, erzählt Linda. Oft aber auch deutsch. Der Berufsmusiker erzählt, dass er eine sechsjährige Tochter hat und dass er fünf Jahre in Holland war. „Das müsst ihr auch machen, wenn ihr könnt. Mal was anderes sehen“, gibt er den Jugendlichen mit, bevor sich diese auf den Weg zum nächsten Zielpunkt, der Bibliothek, begeben.

Nächster Ort. Dort sitzt ein Helferteam, die Frauen stellen Orangensaft und Äpfel hin, während sie die nächste Adresse heraussuchen. Gar nicht so weit weg, aber weit genug, um die „Zu-Fuß-oder-Bus-Diskussion“ erneut aufbranden zu lassen. Gabi Hampson vom W*ORT kommt der Gruppe mit dem Mountainbike entgegen. „Alles klar?“ „Hast du noch Platz aufm Rad?“, fragt Gabriel. „Für euch alle?“, fragt die Mitorganisatorin zurück. Nun, das wäre eng geworden. Letztendlich geht die Gruppe doch wieder zu Fuß.

An der richtigen Adresse angekommen, weist ein Schild schon am Eingang auf „Lustenauer Senf“ hin. Der Chef wird geholt, Felix Bösch. Der 36-Jährige begrüßt die Schüler und lotst sie quer durch den ratternden, brummenden, tackernden Maschinenpark. Später werden alle vier jeweils 20 Tuben Senf in einen braunen Karton abfüllen – rund 700.000 Tuben liefert das Familienunternehmen auf diese Art pro Jahr aus. Die Schüler werden an den Gewürzen riechen, die zur Senfsaat hinzukommen – „Ingwer“, bestimmt Gabriel treffsicher. Werden in groben Zügen über den Herstellungsprozess informiert, sehen Senfpulver und -paste auf dem Weg zum fertigen Produkt. Die Mädchen und Buben unterhalten sich mit dem Firmenchef aber auch über Sport: David und Gabriel spielen Fußball und visieren eine semiprofessionelle Karriere an, die zierliche Linda ist im Kader des Turnvereins und Tina steht bei den Handballerinnen der U14 und U18 im Tor. Und erzählt, dass sie den einen oder anderen Ball im Gesicht gut aushalten würde. „Er hat mehr über uns geredet als über sich“, bemerkt jemand auf dem Rückweg. „Gut war es, Cool“, sagen sie alle unisono. Und nörgeln diesmal nicht über das Zu-Fuß-Gehen. Und das, obwohl ihnen der Bus vor der Nase weggefahren ist. Sie werden jetzt im Theresienheim einen Putenburger und Schokomuffins verdrücken und am Nachmittag zwei weitere Adressen auf der Agenda stehen haben. Das Gute: Die Bustickets befinden sich nach wie vor in den farbigen Mondopoly-Beuteln.

<p class="caption">Steven Marx, Michaela Müller, Corinna Ebner-Trenker, Gabi Hampson und Kenneth Auer vom Organisations-Team (v.l.).</p><p class="credit"> Miriam Jaeneke</p>

Steven Marx, Michaela Müller, Corinna Ebner-Trenker, Gabi Hampson und Kenneth Auer vom Organisations-Team (v.l.).

 Miriam Jaeneke

<p class="caption">Tina Jovanovic unterwegs im Namen von Mondopoly.</p>

Tina Jovanovic unterwegs im Namen von Mondopoly.

<p class="caption">Was ist dein liebster Ort? Linda Chai muss nicht nachdenken.</p>

Was ist dein liebster Ort? Linda Chai muss nicht nachdenken.

„Mal etwas anderes sehen als den Heimatort. Das müsst ihr auch machen, wenn ihr könnt.“

Martin Grabher, Musiker

Mondopoly

Mondopoly ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verein, der seit 2010 mehrmals in Zürich das gleichnamige Begegnungsspiel mit Schulklassen gespielt hat. Dieses hat zum Ziel, ein friedliches, integratives Zusammenleben der Gesellschaft zu fördern. Es führt Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen, die im Alltag wahrscheinlich nicht miteinander reden würden. Einblicke unter www.lustenau.mondopoly.eblog.at, unter facebook.com/lustenaumondopoly und instagram.com/lustenau.mondopoly.

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