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Mut ist der Beginn vieler Geschichten

Für ihr therapeutisches Puppenspiel hat Nicole Bösch im Dornbirner Eulental 3 eine Heimat gefunden. Mit Unterstützung von Freunden und Familie wurde aus dem „wüsten“ Haus ein Schmuckstück.

Von Danielle Biedebach

Mild fällt die Herbstsonne auf die weiß gestrichenen, hölzernen Doppelglasfenster im Erdgeschoss. In dem Zwischenraum zwischen beiden Scheiben leuchten getrocknete Maiskolben und Sonnenblumenköpfe hervor. Auf die erst vor Kurzem abgeschliffenen Holzdielen wirft die Sonne ebenso ein Muster wie auf den alten Kachelofen. In eben erst aufgetragenem, freundlichem Weiß erstrahlen die Holzdecken im Eulental 3 in Dornbirn.

Fast am Ende der Häuserzeile und am Beginn eines schönen Spazierwegs hoch auf den Rhomberg steht das in die Jahre gekommene Holzhaus. Nicole Bösch war der Bau bei Spaziergängen auf den Berg und wieder herunter aufgefallen. Dann stand dieser plötzlich leer. „Da dachte ich: Wenn nicht jetzt, wann dann?“, erzählt die Selbstständige. „Ich wollte in dem Haus Räume für therapeutisches Puppenspiel einrichten. Aber jeder war der Meinung, aus dieser Bausubstanz lässt sich nichts mehr machen.“

Doch Nicole Bösch gab so leicht nicht auf. Sie suchte wohnliche Zimmer, in denen sie sich mit ihrem neuen Beruf verwirklichen wollte. Und in der Tat, das Eulental 3 bietet ihr nun ein zauberhaftes Reich dafür. Bis es aber soweit war, wartete nicht nur Überzeugungsarbeit auf die 46-Jährige. Sondern auch eine Menge Arbeit – bei der sie ihr handwerklich geschickter Vater ebenso unterstützt hat wie ihr Mann und ihre vier erwachsenen Söhne: Bad schrubben, alle Böden abschleifen und neu versiegeln, die Fenster überholen, die Küche rausreißen und eine neue einbauen. Aber bitte alles mit Geschmack: Die weiße Farbe auch an den niedrigen Decken sorgt für eine freundliche Stimmung, der Heizherd zeugt von einer stilechten Kombina­tion aus Alt und Neu.

Vielfältige Hilfe. Die liebevolle Einrichtung reicht bis zum Herz­engelchen aus Draht an der Tür und der Metalleule als Briefkas­ten. „Vieles sind Geschenke von Freundinnen. Sie haben mir auch mit dem Umbau geholfen. Und ja, jetzt ist das Haus stimmig“, sagt die 46-Jährige. Im Gegenzug dürfen die Helferinnen die Räume für sich nutzen, wenn Nicole Bösch sie nicht braucht.

Sie steigt empor zu ihrem kreativen Werkraum: Im ersten Stock liegen auf einem ausladenden Tisch gelbe Wollfäden, Stoffe, eine fast fertige Puppe. In den Händen der Dornbirnerin verwandeln sich die Wollfäden in das blonde lange Haar der Puppe. Für eine Prinzessin unentbehrlich. Und eine Prinzessin ist wichtig für das therapeutische Puppenspiel, meint Bösch.

In der Therapiestunde suchen sich die Kinder selbstständig Puppen aus. Aus drei Gegenständen, drei Figuren und einem Ort, der mit Tüchern und Naturmaterialien aufgebaut wird, entsteht eine lebendige Geschichte unter der Regie des Kindes. Dieses bestimmt, welche Figuren ihr erwachsenes Gegenüber Nicole Bösch spielt und wie sie diese spielt, welche Charakterzüge die Figuren haben.

Nicole Bösch stellt alle ihre Puppen selber her, bei ihr sind das durchaus ungewöhnliche Figuren. Ein Koch, ein Bösewicht mit großen grünen Augen, der so böse auch wieder nicht aussieht. „Irgendwie gelingen mir die richtig bösen Puppen noch nicht ganz“, gesteht die Frau und schmunzelt ein. Das ist aber nicht schlimm, denn wenn die Kinder wollen, können sie jederzeit Figuren selbst schöpfen. Dieser Prozess des Selbst-Gestaltens ist bedeutend für den Verlauf, sagt Nicole Bösch. „Dieser ist wie die Geburt eines Wesens, das in einem lebt, ein intensiver Prozess, der Glücksgefühle entstehen lässt.“

Fürs kreative Schaffen hat sie sich im ersten Stock zwei Räume eingerichtet. Neben dem mit dem Tisch, wo die Figuren entstehen, einen ganzen Raum, den sie „Schatzkiste“ nennt. Stoffreste von Vorarlberger Herstellern finden sich da, sorgsam in Kisten gelagert. Abgeschnittene Hemdsärmel, die zu Körpern der Puppen werden. Knöpfe, Augen, Spitze, Nähutensilien, jede Schublade ist eine Entdeckung.

Ähnlich geht es den Kindern ein Stockwerk tiefer, wo ein Zimmer nur für das therapeutische Puppenspiel da ist. In einem historischen Regal gruppieren sich Muscheln ebenso wie gestreifte, abgerundete Steine, vielgestaltige Federn und viele kleine Fundstücke mehr.

Für ihr Spiel suchen sich die Kinder die jeweiligen Utensilien aus. Dabei können und dürfen die gewählten Figuren und Requisiten alles, was das Kind sich gerade vorstellt. Sie sind mutig, traurig, böse und lustig, dürfen sich wehren, weinen und lachen, zaubern und sich verwandeln. Kleine Kinder geben eher Tierfiguren den Vorzug – wobei sie mindestens etwa viereinhalb Jahre alt sein und das Rollenspiel beherrschen sollten. Im Spiel spiegelt das Kind sein inneres Erleben wider. Die Dornbirnerin nennt die Grundregel: „Es ist immer ein Spiel des Kindes, das Kind steht im Mittelpunkt.“ Spielerisch kann es alternative Verhaltensweisen ausprobieren, kann die Situation zu Hause nachspielen und der Geschichte ein Happy End geben. Es kann einen Bösewicht darstellen und Aggressionen abbauen. Der Ansatz des therapeutischen Puppenspiels ist stets ein positiver: Wo und womit können Therapeut oder Eltern das Kind unterstützen, vor allem: Welche Ressourcen hat das Kind, welche Fähigkeiten und welche Lösungsansätze, um mit der schwierigen Situation umzugehen?

Wie gut diese Therapie wirkt, hat Bösch bei ihrem Sohn gemerkt. Als er neun Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden. Und seine Mutter spürte, sie hat alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihm eine Stütze zu sein. Trotzdem kamen sie beide nicht weiter. „In manchen Momenten kann es sinnvoll sein, sich Hilfe, einen anderen Blickwinkel von außen zu holen“, sagt sie heute. Damals ging sie zu einer therapeutischen Puppenspielerin. Nach zehn Sitzungen hatte sich der Knoten bei ihrem Sohn gelöst. „Er spricht manchmal heute noch davon“, erzählt Bösch über dieser prägenden Erfahrung.

Vor einem Jahr hat sie in Frankfurt am Main mit der Ausbildung im therapeutischen Puppenspiel begonnen. Vorausgegangen sind viele Tätigkeiten mit Kindern. Seit 1991 arbeitet sie mit Kindern und Familien. In ihrem Wahlspruch taucht dabei immer wieder Mut auf: „Mit Mut bezeichne ich eine Bewegung, einen ersten winzigen Schritt aus der Komfortzone in die Bewältigung. Eltern benötigen Mut, sich Unterstützung zu suchen. Kinder benötigen Mut, ihre Gefühle zu offenbaren.“

Sie coacht auch Erwachsene, und zwar in der Regel im Gehen, genauer gesagt beim Laufen in der Natur. Denn Bösch hat festgestellt, dass durch körperliche Bewegung auch ein mentaler Prozess leichter ins Rollen kommt. Die 46-Jährige begleitet also Menschen in Übergangssituationen – große wie kleine. Verlassen sie das Holzhaus im Eulental 3, sind sie ein Stückchen gewachsen. Gerade so viel, dass sie noch unter den niedrigen weißen Decken hindurchpassen.

„Es ist immer das Spiel des Kindes - das Kind steht stets im Mittelpunkt.“

Nicole Bösch, therapeutisches Puppenspiel

Zur Person

Nicole Bösch-Gruber

Therapeutisches Puppenspiel, Workshops und Seminare, Coaching im Gehen, www.nicoleboesch.com, Telefon 0676 847226605, E-Mail:
mail@nicoleboesch.com

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