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Menschen in höchster Not helfen

Andrea Schwarz hat fünf Einsätze unter dem Dach der „Ärzte ohne Grenzen“ absolviert. Schwere Zeiten, aber die Erfahrungen bedeuten ihr viel. Marina Schedler/ Privat

Andrea Schwarz hat fünf Einsätze unter dem Dach der „Ärzte ohne Grenzen“ absolviert. Schwere Zeiten, aber die Erfahrungen bedeuten ihr viel.

 Marina Schedler/ Privat

Nächstenliebe, Mut und Hingabe sind die Eigenschaften, die Andrea Schwarz (35) aus Altach auszeichnen. Fünf Jahre lang arbeitete sie hauptberuflich für Médecins Sans Frontières (MSF). In Österreich ist diese Hilfs­organisation unter dem Namen „Ärzte ohne Grenzen“ bekannt.

Von Dominic Schedler

Nach ihrer Hebammenausbildung in Innsbruck sammelte Andrea Schwarz zunächst mehrere Jahre Praxiserfahrung im Krankenhaus Dornbirn auf der Geburtenstation. Die Arbeit gefiel ihr sehr. Sie merkte jedoch auch, dass sie gerne mehr Verantwortung übernehmen würde. Nach reiflicher Überlegung entschloss sie sich, nach Wien zu ziehen. Mit dem Ziel, sich dort um Obdachlose zu kümmern. Das Schicksal hatte wohl andere Pläne mit ihr. Denn schon sehr bald sollte sich ihr Leben nachhaltig verändern.

Ein Plakat. Ein schlichtes Plakat über „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières – MSF) weckte das Interesse der jungen Frau. Sie begann, sich eingehend über diese Organisation zu informieren. „Eigentlich wollte ich mir nur einen Überblick verschaffen, war dann aber fasziniert von der Arbeit dieser Leute“, erzählt die gebürtige Höchsterin. „Mich hat anfangs vor allem die neutrale Haltung der Mediziner angesprochen und beeindruckt. Die Ärzte und Helfer achten bei ihrem Wirken nicht auf Herkunft, politisches Interesse oder Religion.“ Mit dem Grundsatz, dass jeder Mensch in Not ein Recht auf Hilfe hat, konnte sich die Hebamme sofort identifizieren. Die Sache war klar: Sie wollte bei einem MSF-Einsatz dabei sein.

Doch um Teil eines solchen Teams zu werden, sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. Das war Schwarz durchaus bewusst und so bereitete sie sich über ein Jahr lang akribisch auf die Aufnahmeprüfung vor. Am Tag der Prüfung wurden schließlich fünf Bewerber von einer zwölfköpfigen Kommission auf Teamfähigkeit, Stressresistenz, Verantwortungsbewusstsein und natürlich Fachkenntnisse geprüft. „Ich habe die Tests beim ersten Versuch bestanden und bekam bald darauf zwei Projektvorschläge. Ich konnte zwischen Einsätzen in Somalia oder Afghanistan wählen. Da ich schon einmal ein Buch über Afghanistan gelesen hatte, entschied ich mich für dieses Land. Ich darf gar nicht daran denken, wie naiv ich damals die Sache in Angriff genommen habe“, sagt Schwarz rückblickend.

Der erste Einsatz. Es folgten Briefings in Wien und in Brüssel. Anschließend wurden die ausgewählten Helfer nach Kabul geflogen, um auch dort in einem zweitägigen Briefing über die Lage vor Ort aufgeklärt zu werden. Die theoretische Vorbereitung war sehr gut, stellte aber nur die Basis dar. „Ich saß in den Besprechungen und machte mir keine Gedanken darüber, was mich tatsächlich erwarten würde. Eigentlich fühlte ich mich in der Obhut von MSF relativ sicher. Als wir dann ins Lager fuhren, in dem wir arbeiten sollten, wurde mir auf einmal schlagartig bewusst, was los war: Ich befand mich inmitten eines echten Krieges.“ Die nächsten sechs Monate sollte die Vorarlbergerin hier verbringen, um vor allem den Frauen und Kindern zu helfen. Die junge Hebamme bekam sofort die Verantwortung über die gesamte Geburtenstation.

Schwarz klärt auf: „Man darf sich da kein Krankenhaus mit modernen Geräten vorstellen, wie wir es kennen. Ärzte ohne Grenzen müssen meist unter sehr eingeschränkten Bedingungen arbeiten. In dem kleinen Spital mit zehn Betten wurden am Tag bis zu 30 Babys auf die Welt gebracht. Da kann die Hebamme oft keine Rücksprache mit einem Arzt halten. Bei heiklen Situationen ist man auf sich und seine Kolleginnen gestellt.“ Und Andrea Schwarz hatte schwere Entscheidungen zu treffen: „Steht das Leben von Mutter und ungeborenem Kind auf dem Spiel, hat das Überleben der Mutter Priorität. Sie hat meist noch andere Kinder zu versorgen. Diese würden ebenfalls sterben, wenn sie keine ­Mama mehr hätten.“

Da MSF nur wenige Helfer vor Ort hatte, war die Unterstützung durch afghanische Hebammen wichtig. Diese waren erstaunlicherweise in der Lage, auch komplizierte Geburten zu meis­tern. So wurden zum Beispiel Babys in Beckenendlage mit gekonnten Handgriffen ins Leben geholt. Fertigkeiten, die sich Schwarz ebenfalls aneignete. Umgekehrt wurde das Wissen um möglichst steriles Arbeiten zur Vermeidung von Infektionen an die Einheimischen vermittelt. Unter den dortigen Umständen kein leichtes Unterfangen.

Das Gefühl, nach Monaten im Kriegsland wieder zu Hause zu sein, ist schwer zu beschreiben: „Ehrlich gesagt fühlte ich mich sehr unwohl. Ich dachte, dass ich den Frauen in Afghanistan nicht wirklich geholfen habe.“

Die Rolle der Frau. „Nach meinem ersten Einsatz war mir klar, dass ich meine Haltung ändern musste. Mit der Einstellung, nicht genügend geleistet zu haben, wäre ich niemandem eine Hilfe. Ich machte mir bewusst, dass keiner die ganze Welt retten kann.“ Ziel von MSF ist es nicht, andere Kulturen zu ändern, sondern Menschen in Not zu helfen. Einsätze in Ländern, in denen Frauen keine Rechte haben, wo sie misshandelt und vergewaltigt werden, wo Mädchen wertlos sind, bringen an psychische Grenzen. „Und da habe ich mir vorgenommen: In den Stunden der Geburt und der kurzen Zeit danach werde ich den Frauen mit Achtung und Wohlwollen begegnen. Ich werde ihnen das Gefühl geben, wertvoll zu sein. Und ich werde, so gut es geht, dafür sorgen, dass sie ihre Babys gesund zur Welt bringen können“, umschreibt Schwarz ihre Ziele für die Arbeit vor Ort.

Und dann erzählt die Vorarlbergerin eine Geschichte, die sie besonders berührt hat: „In Afghanistan kam ein hochschwangeres 16-jähriges Mädchen zu mir. Sie war von oben bis unten mit Dreck verschmiert, weil sie gezwungen wurde, in einer Hundehütte zu leben. Ihr Ehemann hatte sie mehrfach geschlagen und vergewaltigt. In diesem elenden Zustand suchte sie bei uns Schutz, um ihr Kind zu gebären. Bei der Geburt verlor sie sehr viel Blut. Für das Baby konnten wir nichts mehr tun und wir hatten größte Mühe, das Leben der jungen Frau zu retten.“ Nach Tagen des Bangens habe sich deren Zustand gebessert. „Obwohl sie nach einiger Zeit körperlich wieder in der Lage gewesen wäre, die Einrichtung zu verlassen, behielt ich sie noch einen Tag länger bei mir. Dann allerdings musste ich sie gehen lassen.“ Sie habe gewusst, dass die junge Frau wieder zu ihrem Ehemann zurückkehren müsse, zurück in ein menschenunwürdiges Leben. „Ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Aber ich muss oft an sie denken.“

Tägliche Gefahr. Auf den ersten Einsatz sollten fünf weitere folgen. Schwarz war anschließend zwei Mal im Südsudan und sowie je einmal in Kenia, Afghanistan und im Libanon tätig. Der geplante Aufenthalt in Syrien wurde abgebrochen, weil MSF-Mitglieder entführt worden waren und die Lage zu unsicher wurde.

Mit Zwischenfällen ist trotz aller Vorsicht immer zu rechnen. „Ich weiß von einem Luftangriff der U.S. Air Force auf ein MSF-Krankenhaus, weil die Amerikaner unter den tausenden Hilfsbedürftigen auch Mitglieder der Taliban vermuteten. Die Folgen waren verheerend. Viele Unschuldige verloren ihr Leben.“ Im Südsudan war die Lage ähnlich prekär: „Wir hatten unglaubliche viele zivile Opfer mit Schussverletzungen zu versorgen. Ich kann mich an einen vierjährigen Buben erinnern, der so schwer verletzt worden war, dass ihm das Bein abgenommen werden musste. Ich habe erlebt, wie eine Kugel durch unser Strohdach schoss und nur wenige Zentimeter neben dem Bett einer Mutter mit ihrem Baby einschlug. Beide blieben glücklicherweise unverletzt.“ Trotz einiger heikler Situationen kehrte die Vorarlbergerin unbeschadet nach Hause zurück.

Erlebtes verarbeiten. Wenn Andrea Schwarz nach einem Einsatz wieder nach Hause kam, brauchte sie erst einmal eine Pause. Die Strapazen forderten ihren Tribut. Körperlich wie geistig war sie ausgelaugt. Nach der Erholungsphase verbrachte sie allerdings gerne Zeit mit ihrer Familie und mit Freunden.

Erlebtes verarbeitete sie so allerdings nicht. Wenn Freunde fragten: „Und wie war es?“, antwortete sie meist in Standardphrasen. Aus ihrer Sicht sind ihre Erlebnisse nur schwer nachzuvollziehen. „Das ist aber auch gar nicht nötig. Diejenigen, die wirklich wussten, wovon ich redete, waren jene Menschen, die mit mir im Team arbeiteten. Wir tauschten uns aus. Und ich hatte das Gefühl, dies half allen Beteiligten ein wenig. Allerdings hatte ich nie das Empfinden, mit Erlebtem schwer belastet oder gar überfordert zu sein.“ Sie habe versucht, über die Jahre bewusst den Blick für die Rea­lität nicht zu verlieren. „Alle Geschehnisse sind Teil meines Lebens, nicht mein Leben selbst.“

Glücklich ist Andrea Schwarz darüber, diese Erfahrungen gemacht, tolle Leute kennen gelernt zu haben. Und dafür ist sie dankbar.

Zurzeit arbeitet sie in einer Arztpraxis und was die Zukunft ihr bringt, bleibt abzuwarten.

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