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Über die Grenzen weit hinauswachsen

Dr. Felix Grützner stellte die Geschichte eines Patienten schauspielerisch nach. Christina Vaccaro (3)

Dr. Felix Grützner stellte die Geschichte eines Patienten schauspielerisch nach.

 Christina Vaccaro (3)

Zum jüngsten Vorarlberger Hospiz- und Palliativtag im Kulturhaus Dornbirn kamen rund 500 Zuhörer. Vom Leiden und Sterben – und vom Leben.

Von Christina Vaccaro

Beeindruckend war, wie viele Menschen nach Dornbirn kamen, um zum Palliativtag ein Zeichen zu setzen.“ Die 15. interdisziplinäre Tagung in Regie des Bildungshauses Batschuns stand heuer unter dem Titel „Über Grenzen hinauswachsen“. Aufgezeigt wurden Möglichkeiten zum besseren Umgang mit Leid. Berufstätige und ehrenamtliche Zuhörerinnen und Zuhörer aus der Pflege, der Hospiz, der Seelsorge und der Medizin sowie Interessierte aus der Bevölkerung füllten den Saal des Kulturhauses Dornbirn.

Die deutsche Philosophin und Publizistin Dr. Natalie Knapp sprach über den Wert von Zeiten der Unsicherheit und Lebenserfahrungen an der Grenze der Existenz: „In Wirklichkeit ist diese Grenze niemals eine gerade Linie, sondern ein Raum, ein Zwischenraum, zwischen Leben und Tod. Weil nichts mehr verständlich ist in diesem Raum, kommt man dem Leben oft näher.“ Die Tiefe von Erfahrungen liegen laut der Philosophin nicht in der Kalenderzeit, die in Stunden und Tagen gemessen wird, sondern in der Ereigniszeit. Also jener Zeit, die – ähnlich dem Zeitgefühl von Kindern, die die Uhrzeit noch nicht recht verstehen – unmittelbar berührt. So sagte Knapp: „Die Qualität der Lebenszeit am Ende hängt von unserer Aufmerksamkeit ab.“

Grenzen erreicht. Primar Dr. Holger Rumpold, Leiter der Abteilung für Innere Medizin II am Landeskrankenhaus Feldkirch, sprach über Prognosen nach der Diagnose Krebs und über die Frage der betroffenen Patienten: Wie viel Zeit bleibt mir noch im Falle einer tödlichen Krebserkrankung – denn nicht jede Krebserkrankung ist tödlich. Im Aufklärungsgespräch trifft der faktische Zugang der Ärztin oder des Arztes auf den emotionalen Zugang des Patienten. Der Arzt stößt dabei selbst an seine Grenzen: Er muss die fachliche Expertise mit der entsprechenden Empathie und dem kommunikativen Feingefühl vereinen.

Die heute in Graz lebende Vorarlbergerin Maria Stahl begleitete ihren an Krebs erkrankten Mann über zwei Jahre lang bis zu seinem Tod. In berührenden Gedichten und Tagebuchnotizen las sie dem Publikum ihre Geschichte als Angehörige vor, eine Geschichte von Ungewissheit, von Gefühlen der Ohnmacht, Wut und der Liebe. „Das Leben lässt sich nur schwer erklären“, sagte Stahl: „Das Sterben gar nicht.“ Das wichtigste Anliegen von Stahl ist heute zu verdeutlichen, dass auch Angehörige von schwer leidenden und sterbenden Personen Hilfe brauchen und sich diese auch holen sollen. „Von Palliativ, Hospiz und Freunden. Ohne dieses Netz hätte auch ich es nicht geschafft“, ist sie vollkommen sicher.

„Füreinander da sein – Sorgende Gemeinde im Leben und Sterben“ hieß der Vortrag von Juristin, Sozialarbeiterin und „Sorgekoordinatorin“ Manuela Juen sowie vom Philosophen und Krankenpfleger Dr. Patrick Schuchter. In einem zweijährigen wissenschaftlichen Projekt des Instituts für Palliative Care und Organisationsethik der Universität Klagenfurt, Wien und Graz untersuchten Wissenschaftler, darunter auch Schuchter, wie die Gemeinde Landeck in Tirol die Sorge am Lebensende organisiert. Infolge entstand die Stelle der Sorgekoordinatorin, in der Juen heute als mobile Sozialarbeiterin für vier Sprengelgemeinden unterwegs ist.

Leid in Worte bringen. Um Sprachlosigkeit angesichts des Leids ging es in der Rede der Schweizer Psychologin, Autorin und Coachin Dr. Dorothee Bürgi. „Wie kann Leid ins Wort gebracht werden?“, fragte Bürgi. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, denn „das Wie und Woran des Leids sind so vielfältig wie die Menschen“. Ob körperliches Leiden durch Schmerzen, psychisches Leiden durch den Verlust von Wertvollem, persönlichem Leiden durch Selbstentfremdung und existenzielles Leiden durch das Gefühl der Sinnlosigkeit – Leid habe viele Gesichter, machte die Psychologin deutlich.

Eines ist aber allen Formen gemein: Leidende Menschen brauchen Zustimmung.

Als abschließender Referent widmete sich Dr. Michael Harrer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut und Autor, der Frage, was den Menschen guttut. Für Harrer gehört ein heilsamer Umgang mit den eigenen Grenzen ganz klar „zur Professionalität helfender Berufe“. So ist es laut Harrer gerade für die Gesundheits- und Krankenpflege, für Seelsorger und Hospiz und für Ärzte essenziell, „sich ans Innehalten zu erinnern“.

Übungen. Zwei einfache Übungen empfiehlt der Achtsamkeitstrainer: sich kurz vor dem Schlafengehen drei Dinge zu vergegenwärtigen, die an diesem Tag gut gelaufen sind, und sich während des Tages immer wieder kurz mit seinen Füßen zu erden, gerade wenn man in Eile ist.

Neben den Vorträgen stellte der promovierte Kunsthistoriker und freie Trainer für Hospizarbeit und Palliativversorgung, Dr. Felix Grützner, die Geschichte eines Patienten nach einer Krankheitsdiagnose schauspielernd-tänzerisch dar. Die Violinistin Verena Zeisler verlieh den Themen des Hospiz- und Palliativtages immer wieder auch eine musikalische Stimme.

<p class="caption">Über 500 Frauen und Männer kamen zu der interdisziplinären Veranstaltung.</p>

Über 500 Frauen und Männer kamen zu der interdisziplinären Veranstaltung.

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