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„Ein verzerrtes Bild von HIV und Aids“

Muriel Aichberger, Jean-Luc Tissot, Beate Dannoritzer, Kerstin Wissel sowie Angela Knill und Renate Fleisch von der Aids-Hilfe Vorarlberg (v.l.).  KlaUS HARTINGER

Muriel Aichberger, Jean-Luc Tissot, Beate Dannoritzer, Kerstin Wissel sowie Angela Knill und Renate Fleisch von der Aids-Hilfe Vorarlberg (v.l.).  KlaUS HARTINGER

Im Bregenzer Festspielhaus gingen ges­tern Nachmittag die siebten Vorarlberger Aidsgespräche über die Bühne.

Von Brigitte Kompatscher

Alle zwei Jahre veranstaltet die Aids-Hilfe Vorarlberg ein Fachsymposium. Diese Vorarlberger Aidsgespräche gab es gestern Nachmittag im Bregenzer Festspielhaus zum siebten Mal. Medizin, Pflege und Antidiskriminierung waren die heurigen Schwerpunktthemen, wie die Leiterin der hiesigen Aids-Hilfe, Renate Fleisch, am Vormittag bei einer Pressekonferenz erklärte. Mit ihr am Tisch saßen vier Fachleute, die bei der Tagung am Nachmittag Vorträge hielten und Workshops leiteten. Prinzipiell gehe es bei den Vorarlberger Aids-Gesprächen darum, durch Information Ängste und Unsicherheiten abzubauen, erläuterte Fleisch.

Der seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Jean-Luc Tissot ist Künstler und HIV-Aktivist. Der gebürtige Schweizer ist seit 1987 HIV-positiv. „Damals war ich sicher, dass ich bald sterben muss“, erinnert er sich. In den 1990ern gab es dann die ersten brauchbaren Medikamente, heute hat er eine chronische Krankheit und nimmt noch eine Tablette am Abend.

Nicht infektiös. Tissot beschäftigt sich in seiner Arbeit auch mit dem „verzerrten Bild von HIV und Aids in der Gesellschaft“ und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Betroffenen und jene Personen, die mit dieser Zielgruppe arbeiten. So sei etwa die Tatsache, dass HIV-Infizierte, die entsprechend behandelt werden, nicht mehr infektiös sind, noch viel zu wenig bekannt. Zu tun hat das damit, dass die Virenzahl zu gering werde, um jemanden anstecken zu können. Somit sei es eine „normale“ Infektion – allerdings nur in der Theorie.

In der Praxis sei Aids viel mehr als nur eine Infektion – historisch gesehen erfülle die Krankheit in der Gesellschaft wohl auch die Funktion einer Bremse bei zu großer sexueller Vielfalt. Mit den damit zusammenhängenden Schuld- und Schamfragen müsse man sich auseinandersetzen, sagt Tissot – um ein Ende der Stigmatisierung zu erreichen.

Pflege. Als in Österreich Ende der 1980er-Jahre die ersten HIV-Fälle auftauchten, war die heute in Wien tätige Beate Dannoritzer noch Studentin. „Das Thema ist weit weg von mir“, dachte sie damals. Es kam dann schnell näher, als ein Mensch in ihrem Umfeld HIV-positiv war und meinte, dass er mit dieser Diagnose lieber sterben wolle, erzählt sie. Der Tod dieses Menschen 1997 und die vorher mit ihm gemachten Erfahrungen haben Dannoritzer bewogen, in dem Bereich tätig zu werden. Sie ist mittlerweile Geschäftsführerin und Mitbegründerin einer HIV-spezifischen medizinischen Hauskrankenpflege.

In den Anfängen war wenig Wissen darüber da, wie eine Pflege zu Hause aussehen könnte, erinnert sie sich. Und dann erzählt sie, dass es bis heute so sei, dass Menschen mit HIV oder Aids die schlimmsten Erlebnisse der Ausgrenzung und Diskriminierung mit medizinischem Personal hätten. „Das hört man immer wieder.“ Was HIV-spezifische Pflege betrifft, gehe es primär darum, Kenntnisse über die Lebenswelten der Menschen zu haben, sagt Dannoritzer – eine Standardisierung bringe da wenig.

Trauma. Muriel Aichberger ist Kunst-, Medien- und Sozialwissenschaftler und auf Männlichkeitsforschung und Queer-Studies spezialisiert. Der Schwulenaktivist aus München beschreibt sein Tun unter anderem so: „Ich denke über Aids als kollektives Trauma nach, von dem man sich lösen muss.“ Und die Chance dafür sei jetzt gut. Aichberger ist auch in der Präventionsarbeit tätig, wo es darum gehe, Verantwortung für das eigene Tun in Hinblick auf „Safer Sex“ zu übernehmen. Und gleichzeitig auch wieder mehr Freiheit in Hinblick auf Sex zu fordern.

Die am Kantonsspital St. Gallen arbeitende Internistin Kerstin Wissel ist Vorstandsmitglied der Aidshilfe St. Gallen/Appenzell und Expertin für HIV- und HCV (Hepatitis C)-Infektionen. In beiden Bereichen habe es in den vergangenen Jahren große Fortschritte gegeben, informiert sie. Als Riesenschritt den von Tissot bereits erwähnten, dass HIV-Infizierte nicht mehr ansteckend sind, weil die Virenanzahl unter die Nachweisgrenze gedrückt werden kann. Bei Hepatitis sei es bereits gelungen, sie komplett zu eliminieren.

Rund 200 Menschen haben dann am Nachmittag an der Fachtagung teilgenommen, darunter zahlreiche Pflegeschülerinnen, Mitarbeiterinnen von Mobilen Hilfsdiensten und der Hauskrankenpflege, aber auch Sozialarbeiterinnen und andere Interessierte.

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