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Aufwachsen in zwei Welten

Eine Theatergruppe, die in Projekt-Proben zusammen wächst. Miriam  Jaeneke

Eine Theatergruppe, die in Projekt-Proben zusammen wächst. Miriam  Jaeneke

Mit „Kindergeschichten“ packt Brigitte Walk ein Generationentheaterprojekt an. Mit im Boot: das W*ORT, ein Autor, eine Choreografin, eine Wissenschaftlerin, ein Komponist und ein Profi-Schauspieler.

Von Miriam Jaeneke

Die Unterhaltung zweier Laienschauspieler vor der Probe: „Neue Frisur?“ Lachen: „Ja, weißt du, wenn ich den Biedermann spiele, kann ich nicht so eine Lockenpracht haben.“ Das Theaterprojekt, welches die Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin Brigitte Walk zurzeit in Lustenau auf die Beine stellt, ist ein besonderes – aus verschiedenen Gründen: Das jüngste Mädchen, das mitspielt, ist zehn Jahre alt, die zwei ältesten Frauen sind um die 60. Außerdem wird es eine Mischung aus Tanz und Schauspiel werden. Weiters ist neben den Laien ein Profi­schauspieler mit von der Partie. Und die Improvisationen, die während den Proben entstehen, fließen teilweise in das Stück ein.

Und schließlich ging der Probenarbeit eine ausgedehnte Recherche einschließlich Befragungen voraus. „Gemeinsam mit der Soziologin Faime Alpagu haben wir mit Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation hier in Lustenau Interviews geführt“, erzählt Regisseurin Brigitte Walk. Es ging um Kindheiten zwischen der Türkei und Lustenau. Um Kinder, die einen Teil ihres Lebens bei Oma und Opa in ihrem Herkunftsland Türkei verbrachten und mit dem regelmäßigen Verlust einer (Teil-)Heimat zu kämpfen hatten. Kinder, die zwei Identitäten hatten, eine türkische und eine österreichische, zwei Leben, die sich zu einem vermisch­ten. Brigitte Walk berichtet: „Dann sind wir zu dritt in die Türkei gefahren und haben die Eltern und Verwandten dieser Migrantenkinder interviewt. Wie kamen sie mit den Trennungssituationen zurecht?“ Aber Trennungssituationen seien schließlich kein türkisches Phänomen. Daher hat das Team auch mit österreichischen Scheidungskindern aus Lustenau und deren Eltern gesprochen.

365 Lutscher. Und so dreht sich im Stück alles um Kinder. Kinder beispielsweise, die sozusagen zum Ausgleich 365 Cola-Lutscher bekommen haben. Ein Auszug aus dem – vorläufigen – Stücktext: „Tamara: ,Das glaub’ ich dir nicht. Niemand hat einen Jahresvorrat an Cola-Lutschern. Keine Eltern der Welt erlauben das.‘ Hatice: ,Meine schon. Meine Eltern erlauben alles, seit mein Bruder da ist.‘ Tamara: ,Sagen sie dir nie: Nur brave Kinder bekommen Süßes?‘ Hatice: ,Nein.‘ Tamara: ,Sagen dir denn deine Eltern gar nichts?‘ Hatice: ,Doch, die sagen: Im Sommer fahren wir in die Türkei. Keine Widerrede. Freu’ dich drauf.‘ Tamara: ,Die Türkei – wie schön!‘ Hatice entgegnet: Du hast doch keine Ahnung.‘“

Eine weitere Besonderheit des Projekts: Es spielen Mädchen, Buben und Männer mit Migrationshintergrund mit. Bei den Improvisationen dieser Probe sagt Brigitte Walk zu ihnen: „Ihr könnt auf Türkisch spielen. Es geht um eure Emo­tionen, weniger um den Inhalt.“ Doch ausnahmslos alle sprechen deutsch. Wie gebrochen, spielt keine Rolle. Denn die Schauspieler werden auf der Bühne ihre andere Herkunft nicht verleugnen müssen; gerade darum geht es schließlich.

„Ich bringe den jungen Leuten so viel Theaterhandwerk bei, dass das Stück gut werden kann. Dabei hat jeder die Möglichkeit, seinen eigenen Prozess zu durchlaufen. Allerdings geht es hier rein um das Stück, nicht um einen theaterpädagogischen Ansatz. Die Schauspieler können viel von sich ins Stück packen, müssen es aber nicht. Das entlas­tet sie sehr“, meint Walk.

Körperarbeit. Walk leitet bei dieser Probe viel Körperarbeit an – es geht ihr darum, dass die Gruppe zusammenwächst, dass Vertrauen zueinander aufgebaut wird. Denn ohne funktionierendes Miteinander funktioniert auch das Stück nicht. Jeder muss jeden mitziehen.

Zunächst lässt Walk die Mitglieder des Projekts durch den Raum gehen, mal langsamer, mal zügiger. „Nehmt euch Platz, nehmt euch Zeit!“.

Auf ein Zeichen hin finden sich die an diesem Tag 19 Schauspieler jeweils zu zweit zusammen. Wer sie sind, darüber sollen sie sich in zwei Minuten austauschen. Ein eher zurückhaltender, türkischstämmiger Jugendlicher taut auf, als er von einem weiteren Hobby erzählt. „Fußball eher weniger. Aber Kickboxen, seit sieben Jahren. Ich hatte einige Verletzungen, jetzt boxe ich nicht mehr bei Kämpfen.“ Ein zehnjähriges Mädchen erzählt währenddessen von zwei Brüdern und einer Schwester. „Ich plane Häuser“, sagt sein Gegenüber. Und: „Was hat dein Vater in Afghanistan getan? Darf er hier schon arbeiten?“

„Ihr geht jetzt durch den Raum. Dann sag ich zum Beispiel ,drei!‘, ihr geht zu dritt zusammen und streckt die Arme aus, die Beine, was auch immer, aber am Schluss müsst ihr ­euch zu dritt untereinander berühren“, lautet Walks nächste Anweisung. Etwas schwieriger, denn Berührungen haben etwas Verbindliches. Doch die Schauspieler sind viel zu beschäftigt, als dass Scham aufkommen könnte. Danach arbeiten alle wieder zu zweit, der eine muss aus dem anderen in drei Schritten ein Standbild bauen. Schließlich sind es Vierergruppen, die gemeinsame Körperbilder entwickeln sollen.

Kreativität. Dabei werden die Improvisierenden immer krea­tiver und risikofreudiger. „Es gibt kein falsch“, bestärkt Brigitte Walk sie alle. Eine steht etwa auf dem Stuhl und streckt die Hände in Richtung Decke. Zwei andere stemmen die Zehnjährige in die Luft, so dass diese waagrecht im Nichts liegt und sich mit beiden Händen an den Beinen der auf dem Stuhl Stehenden festhält. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß an der Sequenz, bauen ihre Smartphones ein, immer wieder wird pantomimisch auch getreten. Aggression ist ein Thema. Auch später, bei den Improvisationen zu zweit jeweils vor allen anderen, bei denen auch gesprochen wird: „Wieso hast du deiner Mutter Geld geklaut?“ „Hab’ ich nicht!“ „Ich hol’ den Gürtel!“

Überhaupt geht es viel um Geld, um Taschengeld und Geld als Stein des Anstoßes in einer monetär ausgerichteten Gesellschaft. „Ich habe von dir niemals Geld ausgeborgt!“, oder: „Frau Maier, ich bitte Sie! Ich habe das Geld nicht. Ich kann Ihre Wohnung putzen, Ihren Garten richten, ich kann…“ „Nein, danke, ich hab’ schon einen Mann!“ Oft sind die spontanen Dialoge auch witzig. „Ich bin deine Mutter!“ „Wo steht das?“ Was der ­Regisseurin aber am besten gefällt: „Schön, dass ihr keinem Konflikt aus dem Weg geht. Das ­brauchen wir nachher fürs Stück.“

Rolle vergeben. Danach wird mit verteilten Rollen aus dem noch nicht ganz fertigen Stück gelesen, das der Autor Amos Postner aus dem biografischen Material entwickelt hat. Am Ende der Probe ist eine Rolle auch schon vergeben: „Du bist Mehmet. Es gibt keine bessere Besetzung dafür als dich.“ Da fällt das Auswendiglernen nur noch halb so schwer.

<p class="caption">Brigitte Walk sagt den Schauspielern: „Nehmt euch Zeit und Raum.“ (r.) Spontan entstehen eigenwillige Standbilder.</p>

Brigitte Walk sagt den Schauspielern: „Nehmt euch Zeit und Raum.“ (r.) Spontan entstehen eigenwillige Standbilder.

„Die Schauspieler können viel von sich in das Stück packen, müssen es aber nicht. Das entlastet sie sehr.“

Brigitte Walk, Regisseurin

Theaterprojekt

Kindergeschichten – ein Generationentheaterprojekt in Lustenau

Wie wachsen Kinder und Jugendliche heute auf, wie wuchsen migrantische Kinder in der „Fremde“ auf? Ziel ist die Erarbeitung eines Theaterstücks unter professioneller Leitung, das auf Interviews beruht und in Lustenau aufgeführt wird. Schauspieler und Schauspielerinnen sind Jugendliche und Erwachsene.

Inszenierung: Brigitte Walk

Textfassung: Amos Postner

Choreografie: Silvia Salzmann

Ausstattung: Petra Künzler Staudinger

Recherche/wissenschaftliche Begleitung: Faime Alpagu

Musik: Martin E. Greil

Übersetzung: Hacer Göcen

Profi-Schauspieler: Suat Ünaldi

Premiere am 27. Juni, weitere Vorstellungen am 28., 29., 30. Juni und 1. Juli im Gutshof Heidensand in Lustenau.

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