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Gefährdete Bewohner der Riedlandschaft

Entwässerungsgräben bilden eine unüberwindbare Hürde für Jungvögel und enden meist tödlich.Dietmar Stiplovsek

Entwässerungsgräben bilden eine unüberwindbare Hürde für Jungvögel und enden meist tödlich.Dietmar Stiplovsek

Wiesenbrüter wie Großer Brachvogel, Kiebitz und Bekassine sind charakteristisch für das Rheintal. Der Bestand ist jedoch bedroht.

Von Danielle Biedebach

Der Bestand der Wiesenbrüter in Vorarlberg lässt sich ähnlich bezeichnen wie das Wetter gestern: trist. Verantwortliche von Land, Naturschutzbund sowie Grundeigentümer, Jäger und Biologen waren am Montagmorgen nahe dem Natura-2000-Gebiet Gsieg und Obere Mähder zusammengekommen, um über die aktuelle Situation von Brachvogel, Bekassine, Kiebitz und Co. zu informieren. Momentan ist nämlich Brutzeit bei jenen Vögeln, welche die Nester am Boden bauen und dort auch auf Nahrungssuche gehen.

„Die Wiesenbrüter sind in den Vorarlberger Riedlandschaften vom Aussterben bedroht“, verdeutlichte Umweltschutzreferent Johannes Rauch (Grüne). Einige Arten – wie die Uferschnepfe – seien bereits verloren. Nun gelte es, rasch einzuschreiten, damit sich die Situation sich nicht noch weiter verschlechtere.

Quasi ausgestorben. Über die konkreten Zahlen gab Biologe Jürgen Ulmer Auskunft. „Die Bekassine brütet in Vorarlberg nur noch mit ein oder zwei Paaren. Ist also quasi ausgestorben. Beim Brachvogel sind es ungefähr zehn“, informierte er. Das sei nicht immer so gewesen.

Die Bekassine war laut Ulmer einst ein verbreiteter Brutvogel im Ländle. 1988 habe es noch 60 Brutpaare gegeben. Beim Gro­ßen Brachvogel sei die Situation ähnlich. Mitte der 1960er-Jahre hätten noch 40 Paare gebrütet.

Doch warum ist das so? Die Verantwortlichen vom Naturschutzbund sind schon seit 20 Jahren in Sachen Wiesenbrüter-Schutz aktiv. Ursache für das allmähliche Verschwinden ist laut den Experten grundsätzlich die Veränderung der Landschaft. „Die Riedgebiete sind zu trocken, zu gehölzreich, und die Flächen werden zu stark genutzt“, erläuterte Bianca Burtscher, Geschäftsführerin vom Naturschutzbund. Um die Ursachen zu bekämpfen wurden, verschiedene notwendige Maßnahmen ausgearbeitet (siehe oben).

Wiesenbrüter mögen es nass und sind auf ein übersichtliches Gelände angewiesen, um Fressfeine rechtzeitig erspähen zu können. Flächen müssen also gewässert und von Büschen befreit werden. Der Großteil (88 Prozent) von Fuchs, Dachs, Steinmarder und Hermelin kommt in der Nacht und in der Dämmerung. Zäune können helfen, die Brut zu beschützen, aber auch eine Schwerpunktbejagung von Raubwild.

Darüber hinaus sind Entwässerungskanäle tödliche Fallen für Jungvögel, die noch nicht fliegen können. Die steilen Böschungen müssen also abgeflacht werden. Und nicht zuletzt ist es der Mensch, der den Wiesenbrütern zum Verhängnis wird. So müssten die betroffenen Flächen grundsätzlich weniger intensiv landwirtschaftlich genutzt werden. „Das ist natürlich mit einem Ertragsausfall für die Landwirte verbunden. Kann aber durch Förderungen abgefangen werden“, erläuterte Burtscher.

Aber nicht nur der Landwirt, auch der Freizeitsportler oder Spaziergänger trägt nicht unbedingt Positives bei. „Ich appelliere an alle: Haltet euch an die Spielregeln“, meinte Rauch. Es sei ein Unding, mit dem Pferd querfeldein durch die Riedlandschaften zu reiten oder dort mit dem Mountainbike durchzubrettern. Auch freilaufende Hunde und streunende Katzen lösen Stress aus und vermindern den Bruterfolg. Die Vögel geben in solchen Situationen das Nest meist auf.

Niemand solle ausgesperrt werden, aber die Natur soll doch in gewissem Maß genossen werden. Zumindest in der sensiblen Zeit. „Damit wir in 20 oder 30 Jahren auch noch was übrig ist.“

Positives Beispiel. Beim Kiebitz konnte der Bestand übrigens stabilisiert werden. Heuer gibt es 70 Brutpaare. Die Schutzmaßnahmen haben offensichtlich beim Kiebitz schon gegriffen. Rund 80 Prozent des Bestandes in der Bodenseeregion brüten im unteren Vorarlberger Rheintal. Sobald die Brutzeit im März beginnt, suchen die Verantwortlichen sämtliche Nester, markieren diese und informieren gegebenenfalls die Landwirte. Damit das Gelege umfahren werden kann. „Das gelingt ausgesprochen gut“, berichtete der Biologe Ulmer. Er hofft jedenfalls darauf, dass sich auch die anderen Bestände wieder erholen werden.

<p class="caption">Bekassine (l.), Kiebitz (u.) und Großer Brachvogel. Schutterstock</p>

Bekassine (l.), Kiebitz (u.) und Großer Brachvogel. Schutterstock

Projekte und Initiativen

Feuchtwiesen sollen erhalten und weniger intensiv genutzt werden. Mit regulierbaren Stauwehren in Entwässerungsgräben kann der Grundwasserspiegel in Frühjahr und Sommer erhöht werden. Im Spätsommer vor der Maht im Herbst wird der Stau geöffnet, damit die Streuwiesen abtrocknen können. Flachteiche können als Ersatz für die einstigen natürlichen Wasserstellen zur Wasser- und Nahrungsaufnahme angelegt werden. Durch die Entfernung von Gehölzen werden die Gebiete wieder offen und gut überschaubar. Die Barrierewirkung tiefer Entwässerungsgräben mit steilen Böschungen kann für flugunfähige Brachvogel-Junge entschärft werden. Gräben können rückgebaut oder abgeflacht werden. Durch das Sperren von Stichwegen während der Brutzeit verbunden mit Gebietskontrollen können Freizeitaktivitäten auf weniger sensible Bereiche beschränkt werden. Ein Leinenzwang für Hunde von 15. März bis 15. Juli ist notwendig. Und schließlich können Gelege durch elektrische Zäune geschützt werden. Verstärkt können Fuchs, Dachs, Steinmarder und Hermelin schwerpunktmäßig gejagt werden, um die Brut-Verluste zu minimieren.

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