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Wo Geschichte lebendig wird

In Klaus gibt es einen Ort, an dem jahre- und jahrhundertealte Gegenstände liebevoll bewahrt werden – und vor allem auch deren Geschichte. Diese möchte der ebenfalls in die Jahre gekommene Besitzer Hugo Welte teilen.

Von Miriam Jaeneke

Hugo Welte ist stolze 95 Jahre alt. Er tastet sich mit dem ihm eigenen Tempo die Treppe seines Hauses in Klaus empor – genauer gesagt ist es das Elternhaus seiner Frau. Die Grundmauern stammen aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert, das hat er einmal untersuchen lassen. Das Hausmuseum im Bruderhof ist eine würdige Wohnstätte, in der die Vergangenheit lebendig scheint. Während Welte sich vorwärtsarbeitet, erzählt er von dem Unfall, den er neulich hatte. Rückwärts sei er da die Treppe hinuntergefallen und könne von Glück sagen, dass er nicht mit dem Kopf aufgeprallt sei. Aber Schmerzen seien das, und sehen könne er seither nicht mehr wirklich gut, das Gehör sei fast ganz weg.

Für seinen jetzigen Auftritt macht das aber nichts. Denn wo der Esel auf dem Ölgemälde stehe, das an der Wand im Flur hänge, wisse er blind. Schließlich hat er es selbst gemalt, von einem historischen Vorbild abgemalt, vielmehr.

Hören und schauen. Und eine Unterhaltung braucht es auch nicht wirklich, für Hugo Weltes Vorhaben braucht es eher den Zuhörer, den Zuschauer. Er stellt noch die beiden massiven Holzschränke mit den Bauernmalereien darauf vor, die im obers­ten Stock stehen und sicher auch ihre Geschichte erzählen könnten. Das eine sei lange Zeit der Medikamentenschrank im alten Stadtspital gewesen. Er hat das Möbel bekommen, weil eine Verwandte dort Hebamme gewesen sei. Dann öffnet er die Tür zum Allerheiligsten, seiner Sammlung unterm Dach.

Es riecht nach vergilbtem Papier, altem Holz und Staub. Auf engstem Raum und doch ordentlich sind Bilder gestapelt, liegen jahrhundertealte Gegenstände, hängen Schwarzwald- und andere in die Jahre gekommene Wanduhren. Lange schon hat diese niemand mehr aufgezogen. „Die Uhrpendel habe ich teilweise selbst hergestellt, die Gewichte aus Blei gegossen. Das hier sind Uhren mit Regulatoranzeige, statt Gewichten haben sie Stahlfedern. Für die Schifffahrt – Gewichte wären durch den Wellengang hin- und hergeschlagen worden“, erzählt Welte und deutet auf die Stücke.

Ältester Gegenstand. „Das hier“, er zeigt unvermittelt auf ein dickes Buch vor ihm, „ist ein Kultur- und Geschichtsbuch von vor 100 Jahren für Tirol und Vorarlberg.“ Er blättert. „Die Kinder haben vorne und hinten Seiten ausgerissen. Und das hier ist ein Buchständer aus dem 17. Jahrhundert.“ Nebenan liegt der älteste Gegenstand in seinem Hausmuseum: das Gewicht einer Waage mit eingestanztem Wappen von 1678. Dann stellt er drei Holzstühle vor, „Drechslerarbeiten vom Ende des 18. Jahrhunderts, mit Bast am Sitz und Rücken.“ Nebenan stehen ein Paar Holzski aus dem Jahr 1955, und so durchkämmt Hugo Welte die Kammer, geduldig, assoziativ und mit viel Wissen und Sachkenntnis. „Das ist ein Friedhofskreuz vom Bartholomäberg. Da haben Studenten Grabungen gemacht.“ Er hält eine armgroße schmiedeeiserne Arbeit in die Höhe.

Ein Bajonett aus dem Zweiten Weltkrieg. „Das haben die Soldaten aufs Karabinergewehr aufgesteckt.“ Eigene Kriegserfahrungen kommen bei dem 95-Jährigen hoch. „Ich hatte meine Ausbildung in Frankreich. Wir haben gelernt, Ladehemmungen zu beseitigen, mit dem Kompass umzugehen. Dann kam ich nach Nantes und sollte auf einem Flugplatz Militärflugzeuge bewachen.“ Bei dem unglaublichen Wind, der da geherrscht habe, hätten auch im Stehen die Seitenruder der Maschinen begonnen zu singen. Welte macht eine wegwerfende Handbewegung. „Dann, in Halle an der Saale, habe ich einen Bombenlegerkurs mitgemacht. Uns wurde erklärt, wie die Zünder funktionieren und wie die Bomben entschärft werden können. Man musste die elektrischen Zünder kurzschließen.“

Erinnerungen. Nach der Ausbildung wurde der Soldat nach Helgoland in die Dünen verlegt. Wenn vom deutschen Fluggeschwader nur noch die Hälfte zurückkam, hieß es, die anderen hätten auf deutschem Boden zum Tanken notlanden müssen. „Uns war völlig klar, dass die Wirklichkeit anders aussah“, bemerkt Welte nachdenklich. Dann steht er mühsam auf und entschuldigt sich: Leider sei er nicht mehr so gut beieinander. Eine Klage kommt ihm trotzdem nicht über die Lippen.

Berufswunsch. Stattdessen zeigt Welte seine Bilder, Öl und Aquarell. Vielleicht wäre er lieber Maler geworden als Dorfgendarm. „Als Gendarm war man schlecht angesehen. Wenn die Leute dich haben kommen sehen, hieß es, ,oje, der bringt nur Ärger. Eine Anzeige, eine Beschwerde, eine Abmahnung.‘“

Gemalt hat Hugo Welte auf Hartfaser – Leinwand war zu teuer. Auch Malkurse hat er besucht. Und um seine Technik zu schulen, nahm er sich Bilder anderer Maler zum Vorbild und malte diese ab. „Manchmal zwei, drei Mal. Aber mit jedem Mal ist das Bild schlechter geworden.“ Weltes Augen blitzen. Der Schalk ist auch mit 95 Jahren noch da. Dann beugt er sich, wieder ernst geworden, über ein kleinformatiges, gerahmtes Ölbild, das einen vielleicht zehnjährigen Jungen mit akkuratem Haarschnitt zeigt. „In Dornbirn gab es einen leeren Stadel mit Tenne“, beginnt Welte zu erzählen. „In diesem Stall wurden kurzfristig die Polizeihunde untergebracht. Als ich diese mal füttern sollte, habe ich in der Ecke einen Küchenkasten, Sessel, altes Zeug und dieses Bild gefunden.“

Kurzerhand nahm er es mit und versuchte, dessen Geschichte herauszufinden. Das Haus zum Stall, so viel war bekannt, hatte einer jüdischen Familie gehört. Doch dieses Wissen genügte Welte nicht. Er ging mit dem Bild ins Jüdische Museum Hohenems, wo alle nur den Kopf schüttelten. Schließlich, in einem Dornbirner Archiv, fand er eine Frau, die Folgendes erzählte: Regelmäßig begannen die Angetrunkenen aus dem Wirtshaus nebenan bei der jüdischen Familie Turteltaub anzuhalten und zu brüllen: „Dreckspack! Juden raus!“ und so weiter. Schließlich beschloss die Familie, Hals über Kopf zu fliehen. In Genua angekommen, wollten sie ein Schiff nach Amerika nehmen.

Doch inzwischen war Hitler in Polen einmarschiert, Mussolini ließ das Schiff festsetzen und unter anderem die Familie Turteltaub in ein Internierungslager bringen. Am Ende landeten alle Familienmitglieder in Auschwitz und wurden vergast. Das Bild des Jungen hat all dies überdauert und die Geschichte der Turteltaubs bewahrt. Als Mahnung, wenn auch nur in Hugo Weltes Kämmerchen.

<p class="caption">Hugo Welte hat auch Postkarten gesammelt (oben). Der 95-Jährige hat viel gesammelt und viel zu erzählen.</p><p class="credit"> Miriam Jaeneke</p>

Hugo Welte hat auch Postkarten gesammelt (oben). Der 95-Jährige hat viel gesammelt und viel zu erzählen.

 Miriam Jaeneke

<p class="caption">Alte Gemälde waren für den Hobbymaler Hugo Welte willkommene Vorlagen.</p>

Alte Gemälde waren für den Hobbymaler Hugo Welte willkommene Vorlagen.

<p class="caption">Die eine Hälfte der viele alte Schätze beherbergenden Dachkammer.</p><p class="credit"> Miriam Jaeneke</p>

Die eine Hälfte der viele alte Schätze beherbergenden Dachkammer.

 Miriam Jaeneke

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