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Von einer, die auszog, den Mut zu erlernen

Irmgard Kramers neuestes Buch ist eines für Jugendliche und spielt in der Wiener Sprayer-Szene. Miriam Jaeneke (2)

Irmgard Kramers neuestes Buch ist eines für Jugendliche und spielt in der Wiener Sprayer-Szene. Miriam Jaeneke (2)

Die in Dornbirn aufgewachsene und nun teilweise in Wien lebende Irmgard Kramer dachte viele Jahre an alles Mögliche, aber nicht an Naheliegendes. Schließlich und endlich lebt sie nun ihren Traum: Sie ist Schriftstellerin. Und erzählt, dass dies nicht immer einfach ist.

Von Miriam Jaeneke

Es war ein Traum. Und blieb es lange. Noch dazu im Verborgenen, denn sie wusste nicht wirklich, dass es diesen gab. Dabei hat Irmgard Kramer immer schon geschrieben. Als Kind Einkaufszettel und Geschichten. Als Jugendliche Einkaufszettel und Tagebuch. Als junge Erwachsene Einkaufszettel und Gedichte. Dann wurde sie Volksschullehrerin und erfand das Schulgespenst Egi­dius. Vermutlich, um Geschichten schreiben zu können.

„Volksschullehrerin zu sein, war in Ordnung“, sagt Irmgard Kramer rückblickend. Und der Traum? „Auslöser war ein Unglück in der Familie. Da habe ich gesehen, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Und ich habe gemerkt, dass ich nur deshalb Volksschullehrerin geworden bin, weil ich zu feige war, eine neue Welt zu betreten. Dass ich in Wahrheit mit 18 Jahren gerne die Filmakademie einer Großstadt besucht hätte.“

Warum hat sie es nicht getan? „Vermutlich habe ich Dinge gedacht wie: ,Was, wenn die Konkurrenz zu groß ist? Wenn ich den Anforderungen, auch den eigenen, nicht genüge?‘ Die Schule kenne ich, da gibt es Schüler und Lehrer.“ Das stimmt zwar, allerdings war eine nicht unbedeutende Kleinigkeit anders: Diesmal gehörte sie nicht mehr auf die Schüler-, sondern auf die Lehrerseite. „Ich musste feststellen: Diese Welt war mir als Schülerin wesentlich lieber gewesen.“ Trotzdem, ihrer eigenen Wahrnehmung nach trug sie als Lehrerin dazu bei, die Schule zu einem besseren Ort werden zu lassen.

Tiefer Einschnitt. Dann passierte das Unglück und Irmgard Kramer wurde herausgerissen aus Anstrengung, Alltag und Mittelmäßigkeit. „Das Ereignis hat mir die Augen geöffnet. Mit 35 Jahren wusste ich plötzlich, was naheliegend war, nämlich, was ich werden will. Ich wollte Geschichten schreiben und davon leben können. Diesen Traum habe ich dann verfolgt.“ Elf Jahre lang, allen Rückschlägen zum Trotz. Denn so lange hat es gedauert, bis sich für Irmgard Kramer plötzlich die Türen geöffnet haben. Das ist auch der Grund, weshalb die Schriftstellerin sagt, dass Ausdauer und Hartnäckigkeit mehr zählen als Talent. „Man muss es wirklich wollen“, bemerkt sie.

Inzwischen hat die 49-Jährige schon so manche Geschichte geschrieben, viele Bücher für Kinder, etwa von Pfeffer und Minze oder vom Pirat Tim Buktu. Bücher für Erwachsene und Bücher für Jugendliche, genauer gesagt drei. Das neueste, „17 Erkenntnisse über Leander Blum“, spielt in der Sprayer-Szene in Wien. Dort lebt Kramer inzwischen teilweise. Teilweise ebenso in Vorarlberg, und teils in der Bahn, wo sie acht Stunden ununterbrochen schreibt, um daraufhin wie gerädert auszusteigen.

In Wien liegt in Kramers Augen so manche Geschichte auf der Straße. Wie die des Obdachlosen, der sie durch hinterste Winkel der Großstadt geführt und sie in manche Winkel seines Lebens hat blicken lassen. „Hat schon mal jemand über Sie ein Buch geschrieben?“, hat sie ihn nach der Führung einfach gefragt. „Nein“, antwortete er verblüfft. „Hätten Sie da Lust drauf?“ Daraufhin sagte er ja, und das war der Beginn einer Zusammenarbeit, die andauert. „Wenn es überhaupt funktio­niert, ist das Ergebnis sicher nicht massentauglich und wird auch nicht vom Loewe- oder Piper-Verlag gedruckt. Aber als Schriftsteller musst du immer der eigenen Nase nachgehen. Denn der Buchmarkt ist hart und kann dich zermürben.“

Anpassung. Zu viel Anpassung macht unglücklich, diese Lek­tion wird die Autorin wohl nicht mehr vergessen. Sie sitzt im Garten ihrer Schwester und blinzelt in die Sonne. „Man muss den Moment genießen“, sagt sie und denkt an die Zeit zurück, als vor ihr noch das in die Jahre gekommene Elternhaus stand, das heute einem modernen Bau gewichen ist. „Das war ein Märchenhaus, in dem meine Eltern, meine Großmutter, meine Urgroßmutter und meine Ururgroßmutter gelebt haben. Die Bücherleidenschaft war immer da, meine Mutter hat uns vom ersten Tag weg vorgelesen. Wir hatten sämtliche „Pumuckl“-Geschichten und Märchen auf Schallplatte. Ich weiß noch, wie meine Mutter immer gesagt hat: ,Kinder, lasst die Finger von der Plattenspieler-Nadel!‘“

Von Fantasiegestalten umgeben war Kramer also schon immer. Wenn sie sich heute welche ausdenkt, passiert das recht diszipliniert. „Bei mir gibt es ein Programm in meinem Hinterkopf, das immer geöffnet ist, und immer, wenn ich etwas Spannendes erlebe oder erzählt bekomme, überlege ich: Kann man daraus was spinnen? In der Regel gilt: Selbst wenn eine Idee super ist, eine allein trägt nicht.“

Aus vielem wird gar nichts, und manchmal wird aus vielen kleinen Ideen etwas Großes. Oft kommt ein Buch über Umwege zustande, und die Autorin sagt: „Ich kenne Leute, die schreiben viel besser als ich, bringen aber keinen Roman zu Ende, weil ihnen die Ausdauer fehlt.“ Kramer dagegen steht um sieben oder acht Uhr morgens auf, und nach einer halben Stunde Bewegung setzt sie sich an den Schreibtisch, bis sie gegen ein, zwei Uhr mittags Hunger bekommt. „In Wien setze ich mich auch gerne in ein Café oder abends in einen Gastgarten. Wenn ich an einem Romanprojekt dran bin, schreibe ich und nehme nichts um mich herum wahr. Bin ich in einer Suchphase, schau ich mir mit offenem Geist alles an und lasse mich inspirieren.“

Zeit zum Reifen. Monate, manchmal Jahre braucht sie für ein Buch. „Für ein Bilderbuch habe ich gerade den Text geschrieben. Schlussendlich nur 20 Sätze. Aber dafür habe ich ein ganzes Jahr gebraucht. Je weniger, desto schwieriger.“ Und wie lange kreisen Figuren, Sätze, Schicksale weiter in ihrem Kopf? „In dem Moment, wo ich das Manuskript zum Lektorat freigegeben habe, beginne ich das nächste Projekt.“ Dann haben neue Geschichten und Figuren den Platz in Irmgard Kramers Kopf eingenommen. Und werden bald darauf sehr wahrscheinlich die Köpfe von vielen anderen Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern einnehmen.

Einen unerfüllten Traum hat die Schriftstellerin: Sie möchte gern einmal einen Bestseller schreiben. Obwohl, es gibt da ein Problem. „Man sagt ja, es ist das Beste und das Schlimms­te, wenn sich ein Traum erfüllt. Denn dann hast du ja keinen mehr.“ So ganz stimmt das nicht. Denn Irmgard Kramers großer Traum ist von Bestand: „Geschichten schreiben und davon leben können.“

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Irmgard Kramer ist in Dornbirn groß geworden. Hier im Garten ihrer Kindheit.

„Ich wollte unbedingt Geschichten schreiben und auch davon leben können.“

Irmgard Kramer, Schriftstellerin

Zur Person

Irmgard Kramer

Geboren: 1969 in Dornbirn

Laufbahn: bis 2010 Volksschullehrerin (mit Montessori-Ausbildung), Masterabschluss in „Literarisches Schreiben“ an der IB-Hochschule in Berlin,

lebt als Autorin in Wien und im Bregenzerwald, schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Auswahlwerke: „Die indische Uhr“, „Am Ende der Welt traf ich Noah“, „Sunny Valentine“-Reihe.

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