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Richtiges Agieren auf Alpen wichtig

06.06.2020 • 23:01 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Mutterkuh-Halter und Obmann der Alpe Schuttannen, Karl Klien, stellt Warnschilder auf.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Mutterkuh-Halter und Obmann der Alpe Schuttannen, Karl Klien, stellt Warnschilder auf. Klaus Hartinger

OGH hat „Kuhattacken-Urteil“ bestätigt. Wanderer sollten Verhaltensregeln einhalten.

Es war eine dramatische Sache, die hohe Wellen schlug, als im Jahr 2014 in Tirol eine deutsche Wanderin, die mit ihrem Hund unterwegs gewesen war, von Kühen zu Tode getrampelt wurde. Sogar von einem Ende der Alpbewirtschaftung in der derzeitigen Form war die Rede, als der Landwirt, dem die Mutterkuh-Herde gehörte, zunächst vom Landesgericht Innsbruck die alleinige Schuld zugewiesen bekam und zu hohen Schadenersatzzahlungen an die Hinterbliebenen der Frau verurteilt wurde. Es folgten ein jahrelanger Rechtsstreit und eine Gesetzesänderung, durch die auch die Alpbesucher stärker zur Verantwortung gezogen werden.

Vor drei Wochen hat der Obers­te Gerichtshof (OGH) nun das Urteil, das im Jahr davor vom Innsbrucker Oberlandesgericht gefällt worden war, auf Rechtsbasis des Jahres 2014 bestätigt. Dieses besagt, dass beide, der Landwirt und die Hundehalterin, Teilschuld tragen.

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Symbolbild/Hartinger

Der Landwirt hätte um die Gefährlichkeit seiner Mutterkühe wissen müssen, so die Begründung. Der Bereich rund um das Alpgebäude und das Gasthaus hätte durch eine Abzäunung gesichert gehört. Das Todesopfer wiederum habe Warnschilder und Abstandsregeln ignoriert. Als Hundehalterin hätte sie über die damit verbundenen Gefahren informiert sein und sich entsprechend verhalten müssen. Nun muss der Bauer dem Witwer und dem Sohn der verstorbenen 45-Jährigen 77.661 Euro sowie eine monatliche Rente in der Höhe von insgesamt 782 Euro bezahlen.

Weg gesperrt

Ein steirischer Landwirt griff nach Bekanntwerden der Bestätigung deEin steirischer Landwirt griff nach Bekanntwerden der Bestätigung des Urteils zu drastischen Mitteln und sperrte seinen Wanderweg, um nicht für mögliche Kuhattacken haften zu müssen. „Aus reinem Selbstschutz“, wie er sagte.

Ein steierischer Landwirt sperrte nach Bekanntwerden des Urteils seinen Wanderweg.  <span class="copyright">Shutterstock</span>
Ein steierischer Landwirt sperrte nach Bekanntwerden des Urteils seinen Wanderweg. Shutterstock

In Vorarlberg scheint derzeit niemand etwas Derartiges zu planen. „Ich hoffe nicht, dass es sich in die Richtung entwickelt, dass Alpen für Wanderer gesperrt werden“, sagt der Geschäftsführer des Alpwirtschaftsvereins Vorarlberg, Christoph Freuis. Durch gesetzliche Anpassungen, die eine Stärkung der Eigenverantwortung der Alpbesucher bewirkt haben, und viel Information der Tierhalter und Freizeitnutzer gebe es nun eine gute Basis. „Wir hoffen, dass in Zukunft solch tragische Unfälle dadurch vermieden werden können“, sagt er. Er hofft außerdem, dass die mediale Berichterstattung über den Vorfall bewirkt hat, dass das Bewusstsein für die Problematik in der Bevölkerung gestiegen ist.

„Speziell Wanderer, die mit Hunden unterwegs sind, müssen gewisse Grundregeln beachten“, sagt er. Mutterkühe können einen Hund als Bedrohung für ihre Kälber wahrnehmen. Dann könne es passieren, dass sie sich verteidigen. Dies ist ein natürlicher Instinkt. Zehn Verhaltensregeln (siehe oben) wurden in Zusammenarbeit von Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer und dem Alpenverein erstellt, die einen sicheren Umgang miteinander fördern sollen. Sie werden in Foldern und auf Schildern abgedruckt. Landwirte sind dazu angehalten, Warntafeln aufzustellen.

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Hartinger

Verzwickte Situation

Mutterkuh-Halter und Obmann der Alpe Schuttannen, Karl Klien hat 40 Jahre Alperfahrung. „Es hat in all der Zeit nie einen solchen Fall wie den in Tirol gegeben“, sagt er. Er gibt zu, dass er „kein ganz gutes Gefühl“ hat, wenn er an den kommenden Sommer denkt. An den vergangenen Wochenenden hat er beobachtet, dass sich die Anzahl der Wanderer seit den Corona-Maßnahmen um ein Drittel vergrößert hat. „Das ist grundsätzlich ja eine schöne Sache“, sagt er. Es erhöhe aber natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Tier und Mensch aufeinandertreffen.

„Es sind eben Tiere. Man kann ihr Verhalten nicht hundertprozentig regulieren. Einer Kuh kann man nicht sagen, das darfst du nicht tun“, erläutert er. Er hat letzten Samstag seine Tiere auf die Alpe gebracht. „Die Situation ist definitiv verzwickt.“ Ganz einfach Wege zu sperren ginge schon wegen teilweise bestehender Durchgangsrechte nicht. Es sei auch nicht möglich, die weitflächigen Alpgebiete einzuzäunen. „Ich muss aber dazusagen, dass viele sich durch Zäune auch nicht aufhalten lassen“, erklärt er. Es gebe immer wieder Wanderer, die durchklettern und querfeldein laufen würden.

Gutes Miteinander

Klien hat auch schon Hundehalter gesehen, die sich gefreut haben, wenn ihr Hund Rinder gejagt hat. „Weil das ein so ‚natürliches‘ Verhalten sei.“ Dass solche Situationen eskalieren könnten, sei logisch. „Es wäre natürlich möglich, ein Wanderverbot mit Hunden einzuführen“, überlegt er. „Aber das würde auch wieder hohe Wellen schlagen.“ Klien möchte, dass alle Parteien gut miteinander auskommen. „Die Landwirtschaft ist zu einem großen Teil vom Tourismus und der Tatsache, dass Menschen ihre Produkte kaufen, abhängig.“ Er möchte Wanderern auch gern die Bewegung und die schönen Naturerfahrungen auf den Alpen gönnen. Andererseits müssten auch die Wanderer ihren Beitrag zu einem guten Auskommen aller Beteiligten leisten.

Klien ist nicht davon überzeugt, dass die Problematik bei den Menschen schon in genügend hohem Maße angekommen ist. „Es ist auch nicht gut, Angst vor den Mutterkühen oder Rindern – den Jungtieren, die sich auch noch auf den Alpen befinden – zu schüren. Kühe sind neugierige, aber grundsätzlich friedfertige Tiere“, betont er.

Wanderer sollten am besten auf den Wanderwegen bleiben und einen großen Bogen um eine Weidevieh-Herde machen, rät er und zitiert damit zwei der zehn Verhaltensregeln. „Auf keinen Fall durch eine Herde wandern“, ergänzt er. Hunde an der kurzen Leine führen. Sollten Kühe tatsächlich einmal angreifen, den Hund sofort ableinen. „Er kann sich in Sicherheit bringen.“ Und die Tiere seien vom Menschen abgelenkt. „Und ruhig bleiben“, sagt er abschließend. Das dient der Sache wahrscheinlich in jeglicher Hinsicht am allermeisten.

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