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Wanderneulinge auf dem Vormarsch

25.06.2020 • 11:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wandern steht heuer hoch im Kurs bei Urlaubern und Einheimischen.<span class="copyright"> ©Dietmar stiplovsek</span>
Wandern steht heuer hoch im Kurs bei Urlaubern und Einheimischen. ©Dietmar stiplovsek

Einsatzkräfte rechnen mit mehr Unfällen im alpinen Raum.

Spätestens seit dem die Ausgangsbeschränkungen wieder gelockert wurden, sind ungewohnt viele Personen auf Wanderwegen unterwegs. Und dieses Phänomen dürfte sich noch verstärken. Kurze Anreisezeiten, schönes Wetter und die herrliche Alpenlandschaft werden mehr Gäste und auch mehr Einheimische in alpines Gebiet locken. Einsatzkräfte rechnen daher schon jetzt damit, im Sommer ordentlich beschäftigt zu sein.

Auffallend ist, dass in diesem Jahr vermehrt Wanderneulinge unterwegs sind“, sagt Verena Jochum von Sicheres Vorarlberg. Speziell bei dieser Gruppe kann es wegen mangelnder Ausrüstung, Erfahrung und Tourenplanung zu mehr Unfällen kommen. Außerdem würden viele beim Wandern wenig bis gar kein Risiko sehen. Nach dem Motto: Wandern ist lediglich ein Spaziergang und das kann jeder. An diese Personen mit Informationen, Tipps und Kursne heranzutreten, ist laut Jochum ein schwieriges Unterfangen.

Gruppe Ü-50

Die zweite gefährdete Gruppe sind laut Expertin Personen über 50 Jahre. Die Statistiken der vergangenen Jahre zeigen, dass 80 Prozent der Wandertoten das 50. Lebensjahr überschritten hatten und auch die Unfälle in diesem Alter deutlich zunehmen. „Oft resultiert dies aus mangelnder Selbsteinschätzung, was die Ausdauer und die verringerten koordinativen Fähigkeiten betrifft“, sagt Jochum. Die Hauptgründe für Wanderunfälle sind Herz-Kreislauf-Versagen (38 Prozent) sowie Stürzen, Stolpern, Ausrutschen (31 Prozent).

Martin Burger, Landesleiter der Bergrettung rechnet mit mehr Einsätzen. <span class="copyright">Bergrettung</span>
Martin Burger, Landesleiter der Bergrettung rechnet mit mehr Einsätzen. Bergrettung

Bergrettung gerüstet

Wie in den Vorjahren reagiert die Bergrettung mit der Verstärkung der notfallmedizinischen Grundversorgung im Land. Der Notarzthubschrauber Gallus 1 wird im Zeitraum Juli bis September im Sommereinsatz sein.

Martin Burger, Landesleiter der Bergrettung, rechnet mit mehr Einsätzen im unwegsamen und alpinen Bereich. Unfälle können bei vielen Aktivitäten passieren: Wandern, Mountainbiking, Paragliding oder Canyoning.

„Aufgrund des höheren Tourismusaufkommens rechnen wir damit, öfter auszurücken. Allerdings wird auch das Wetter eine entscheidende Rolle spielen. Lange Schönwetterperioden bedeuten mehr Einsätze“, erläutert Burger.

Gallus 1 startet in die Sommersaison.<span class="copyright"> Bergrettung</span>
Gallus 1 startet in die Sommersaison. Bergrettung

Bisher hielten sich die Einsätze der Bergrettung jedoch in Grenzen – was offensichtlich mit dem Lockdown beziehungsweise den Ausgangsbeschränkungen zusammenhing. Vom 16. März bis 1. Mai gab es 19 Einsätze. 2019 waren es im gleichen Zeitraum 62. Allerdings fiel da die Skisaison noch mit in die Zeitspanne. Zwischen dem 1. Mai und heute ist das Team 21 Mal ausgerückt. 2019 waren es immerhin 53 Einsätze im gleichen Zeitraum.

Da die Mitglieder der Bergrettung in „Brotberufen“ tätig sind, wirkt sich die Anzahl der Einsätze nicht auf die Anzahl der Mitglieder aus. Es wird nicht vorsorglich aufgestockt oder verringert. Es gilt also, mit bestehendem Team den bevorstehenden Sommer zu bewältigen.

Maßnahmen für Retter und Patienten

Und das heuer unter besonderen Umständen. Es gelten nämlich nach wie vor Regelungen und Maßnahmen zum Schutz. So müssen etwa Masken bei der Patientenversorgung von Patient und Retter getragen werden. Bei Corona-Verdachtsmomenten ist eine FFP2-Maske Pflicht. Handhygiene ist selbstverständlich. „Die Mannschaften halten wir so klein wie möglich und Abstand wird so gut wie möglich gehalten“, so Burger.

Prävention

Während die Bergrettung dann zum Tat schreitet, wenn der Notfall eingetreten ist, versucht Sicheres Vorarlberg so einiges, damit es gar nicht erst dazu kommt. So gibt es etwa im Sommer zwei Kurse (Juli und September) zum Thema „Sicheres Wandern – Kurse für bewegungsfreudige Senioren“. Im Theorieteil geht es um die richtige Ausrüstung, Planung und Wetterkunde. Es folgt ein Praxistag mit einer Wanderung. „Dieser wird mit Aufwärmübungen und Gehtechnik gestartet. Im Laufe der Tour wird auf Themen wie alpine Gefahren, Essen und Trinken, Erste Hilfe und Notfallmanagement eingegangen“, erläutert Jochum.

Der Kurs soll Personen über 60 Jahre erreichen. Gerade im vergangenen Jahr ereigneten sich einige tödliche Unfälle in dieser Altersklasse.

Sicheres Vorarlberg bietet Klettersteigkurse an.<span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Sicheres Vorarlberg bietet Klettersteigkurse an.Philipp Steurer

Neben den Wanderkursen bieten werden auch Klettersteigkurse angeboten. Wer dabei sein will, muss sich beeilen, denn die Nachfrage steigt. Jochum empfiehlt grundsätzlich sich vor jeder Tour zu informieren, wenn möglich, Kurse zu besuchen oder sich einen Expertenrat einzuholen.

Im Notfall ausreichend Abgesichert?

Die Bergungskosten und die Kosten der Beförderung bis ins Tal werden bei Unfällen in Ausübung von Sport und Touristik nicht ersetzt“, heißt es eindeutig und unmissverständlich in Paragraph 131, Absatz 4 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes. Konkret: Es braucht eine zusätzliche Versicherung für solche Notfälle. Gerade in den Bergen können die Rettungskosten schnell einmal mehrere tausend Euro ausmachen. Das bedeutet eine zusätzliche finanzielle Belastung neben den Schmerzen nach einem Unfall. Ob Versicherung über die Bergrettung, ÖAMTC, Kreditkarte, Unfallversicherung oder Sportverein: Wichtig ist die Klausel der Deckung der Bergungskosten, denn diese Kosten können sonst gar nicht oder nur teilweise gedeckt sein. Die Bergrettung empfiehlt sich genau zu informieren, um sicherzugehen, welche Leistungen abgedeckt sind. Im Zweifelsfall sollte beim Versicherer nachgefragt werden. Eine günstige Möglichkeit ist auch eine Fördermitgliedschaft bei der Bergrettung. Ab 28 Euro jährlich hat die ganze Familie  für Such- und Bergungskosten vorgesorgt.